| Für die Menschen an der Unterweser, besonders in den Städten Bremerhaven und Nordenham, ist mit dem 20. Januar 2004 eine neue Epoche angebrochen. Nach knapp sechs Jahren Bauzeit erleichtert jetzt der Wesertunnel den Verkehr zwischen beiden Seiten der Unterweser. Wollte ein Bremerhavener zum anderen Ufer der Weser gelangen, musste er bislang eine der Flussfähren benutzen oder ca. 50 km bis nach Bremen fahren, um die Weserbrücke im Zug der Schnellstraße nach Oldenburg zu benutzen. Ein neuer Hoffnungsschimmer für die strukturschwache Region im Nordwesten Deutschlands. Zwei Röhren von je 1.645 km Länge mit je zwei Fahrspuren ohne Seitenstreifen oder Parkbuchten verbinden beide Seiten der Weser südlich von Bremerhaven und Nordenham in Höhe der Orte Dedesdorf und Kleinensiel. Eine Fährverbindung zwischen diesen Orten gibt es seit der Einweihung des Tunnels nicht mehr. Die noch bestehenden Fähren zwischen Bremerhaven und Nordenham sowie zwischen Brake und Sandstedt melden zurückgehende Fahrgastzahlen. Die Gesamtkosten belaufen sich auf ca. 365 Millionen Euro, worin 214,2 Millionen € auf den eigentlichen Tunnel, 57 Millionen € auf Straßen und Brücken und der Rest auf Finanzierungs- und Refinanzierungskosten entfallen. Finanzierungskosten fallen an, weil der Bund den Tunnel zwar als Träger der Straßenbaulast nach § 5 Bundesfernstraßengesetz (FStrG) errichtet hat, diesen aber nicht zunächst aus dem allgemeinen Steueraufkommen finanziert hat, sondern hierfür einen Kredit in Anspruch genommen hat, der mit Zinsen innerhalb von 15 Jahren zurückgezahlt werden muss. Die Erschließung des Projekts sichern 15 km Straßen und 21 Brücken. Eigentlich hätte der Tunnel schon zum Jahresende 2002 eingeweiht werden sollen. Doch der schwierige Tunneluntergrund verzögerte die Fertigstellung und schraubte die Baukosten von ursprünglich vorgesehenen 250 Millionen € in die Höhe. Für den Bau war der Bund zuständig, da der mautfreie Tunnel einen Teil der Bundesstraße 437 zwischen der Autobahn 27 (Cuxhaven-Bremerhaven-Bremen) und der Bundesstraße 212 (Nordenham-Brake-Elsfleth-Delmenhorst) darstellt. Von den politischen Parteien haben einzig die Grünen das Vorhaben abgelehnt. Fußgänger, Radfahrer, Kleinkrafträder, Mopeds und Mofas haben in der Flussunterquerung keine Chance, da in den Röhren eine Mindestgeschwindigkeit von 60 km/h vorgeschrieben ist. Heute planen Regionalpolitiker den Einbau des Tunnels in eine künftige Küstenautobahn zwischen Elbe, Weser und dem Großraum Oldenburg. Erste Planungen beginnen im Jahr 1987, das förmliche Planfeststellungsverfahren im Jahr 1993. Im Dezember 1996 erlassen die Bezirksregierungen Weser-Ems (in Oldenburg) und Lüneburg den sofort vollziehbaren Planfeststellungsbeschluss, der gerichtlichen Anfechtungen Stand hält. Der Auftrag für den Bau geht an ein Konsortium mehrerer Firmen, wozu Hochtief und Holzmann gehören. Zur Realisierung verwenden die Bautechniker das sogenannte Schildvortiebsverfahren. Eine speziell fabrizierte Tunnelvortiebsmaschine frisst sich ab Frühjahr 1999 durch den Untergrund. Deren Gewicht betrug 1.500 Tonnen, der Durchmesser 11,67 Meter und die Länge 61 Meter. Durchschnittlich legt die Maschine vier bis zehn Meter pro Tag zurück. Um einen Einsturz des Tunnels zu verhindern, werden 100.000 Tonnen Gestein in den Fluss gekippt, um so die Erdschicht zwischen Tunnel und Flussbett zu festigen. Im November 2000 ist die erste Röhre in West-Ost durchgestochen. Die zweite Röhre vollendet man zwischen Februar und November 2001. Die Tunnelvortiebsmaschine wird zerlegt und zu einem anderen Einsatzort transportiert. Der tiefste Punkt des Tunnels liegt 20 Meter unter dem Flussbett und 34 Meter unter der Geländeoberkante. Sicherheit: Im Tunnel gibt es keine Tunnelwarte und auch keine Rauchabzugsanlage. Im Notfall brauchen die freiwilligen Feuerwehren etwa 20 Minuten, um zum Unglücksort zu gelangen. Trotzdem stuft der ADAC den Tunnel als sicher ein und hat ihn in einem Vergleichstest mit der Note „sehr gut“ bewertet. Zwischen beiden Röhren gibt es alle 327 Meter Querverbindungen. Der Tunnel wird ständig per Video durch 37 Kameras überwacht. Für Gefahrguttransporte ist er nur nachts von 23 bis 4 Uhr passierbar. Weitere Sicherheitsvorkehrungen:
Es hat bereits mehrere Fehlalarme gegeben, als Nebel, der typisch für die Küste ist, in den Tunnel eindrang. Vor der offiziellen Einweihung konnte die Öffentlichkeit das Jahrhundertprojekt am Samstag, den 17. Januar 2004, in Augenschein nehmen. Dabei wurde zwischen den beiden Unterweserstädten Bremerhaven und Nordenham auf einer Länge von 27 Kilometern eine Kette von 250.000 Ziegelsteinen eingerichtet, die wie Dominosteine zusammenfielen und einen Eintrag im Buch der Rekorde bescherte. Jeden Tag benutzen ca. 11.000 Fahrzeuge die unterirdische Weserquerung (laut Auskunft des niedersächsischen Verkehrsministers vom April 2005). Dies geht zu Lasten der noch verbliebenen Weserfähren. Zum Vergleich: Die Weserfähre von Bremerhaven benutzten im Juli 2004 etwa 12.000 Personen, PKW und LKW pro Woche. Das sollen etwa 45 % weniger bei den Nutzern und 60 % weniger bei den Gesamteinnahmen sein. Der Verlust der von beiden Städten betriebenen Fährverbindung könnte sich laut Pressebericht vom 10. August 2004 auf 600.000 € im Jahr 2004 belaufen. Im August 2004 sollen die Gesamteinnahmen knapp 18 % niedriger als im Vorjahresmonat gewesen sein, bei den Pkw gebe es einen Rückgang von 48 % und bei den Lkws von 70 % (Pressebericht vom 5. Oktober 2004). Perspektiven:
Der Wesertunnel bringt die Orte an der Unterweser näher
zusammen.
Der Fluss stellte in vielen Köpfen der Menschen am Strom eine
Grenze dar, die nur schwer zu überwinden war. Wenn ein
Bremerhavener einen Ausflug plante oder seinen Wohnsitz in die
nähere Umgebung verlagern wollte, dachte der Betreffende an
eine
Veränderung in Richtung Norden, Osten oder Süden,
aber
weniger in Richtung Westen. Diese imaginäre Grenze
verschwindet
zunehmend. Und die an einer sehr hohen Arbeitslosigkeit leidende Region
mit einer Arbeitslosenquote in Bremerhaven von 26,2 % im Januar 2005
sollte für jede Attraktivitätssteigerung dankbar
sein, vor
allem, wenn sie von außen finanziert wird. In Bremerhaven
gibt es
einige Dinge, die es in den anderen Orten nicht gibt: eine Hochschule,
ein Theater, einen Zoo, einen Flugplatz und einen großen
Containerhafen. Die Rolle dieser Stadt als Oberzentrum wird
gestärkt. Die Nordenhamer gelangen durch die neue Verbindung
schneller an das nationale Autobahnnetz. Ärgerlich nur, dass
man
Fußgänger, Radfahrer und sonstige Verkehrsteilnehmer
unter
60 km/h aussperrt. Eine dritte Röhre für diese
umweltfreundliche Fortbewegung wäre nicht schlecht gewesen,
zumal
nur wenige Busverbindungen durch den Tunnel führen. Oder man
hätte gleich eine Vorrichtung für eine Stadtbahn
einbauen
sollen. In puncto Sicherheit scheint sehr viel getan zu werden, aber
Unglücke lassen sich nie ganz ausschließen
– auch
nicht in der Schifffahrt. |
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| Übrigens: Der neue
Elbtunnel in
Hamburg im Zuge der A 7 hat eine Länge von 2.653 Metern. Der
längste Straßentunnel in den Alpen ist der St.
Gotthard-Straßentunnel mit 16,9 Kilometern und in Europa
insgesamt der Lærdal-Tunnel in Norwegen mit 24,5 km (2000
eingeweiht), der längste Eisenbahntunnel der Eurotunnel unter
dem
Ärmelkanal mit knapp 50 km. Der längste Tunnel (nur
Eisenbahn) weltweit ist der Seikan-Tunnel zwischen den japanischen
Inseln Hondschu und Hokkaido mit 53,9 km. Er wird wahrscheinlich Ende
2016 dieses
Attribut abgeben müssen an den im Bau befindlichen St.
Gotthard-Basistunnel mit 57 km Länge. Deutschlands
längster
Straßentunnel ist der Rennsteigtunnel in Thüringen (7.916
Meter, 2003
eingeweiht) im Zuge der A 71. Der längste deutsche Tunnel (nur
Eisenbahn) ist der Landrückentunnel in Hessen (10.779 Meter, Teil
der ICE-Eisenbahnstrecke Hamburg-Würzburg). Ein beachtlicher
Eisenbahntunnel ist der
Schulwaldtunnel mit 4,5 km im Verlauf der Eisenbahn-Neubaustrecke
zwischen Frankfurt und Köln. Mehr zu Tunnels hier. Weitere Informationen zum Wesertunnel finden Sie auf den Seiten des Straßenbauamtes Oldenburg. |
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