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Präimplantationsdiagnostik:
In Deutschland dürfen künstlich erzeugte Embryonen auf schwere Erbkrankheiten und zur Vermeidung von Tot- oder Fehlgeburten genetisch untersucht werden

Neuregelung nach Urteil des BGH erforderlich geworden - Abgeordnete entscheiden ohne Rücksicht auf Parteizugehörigkeit
Näheres:

Ablauf der Präimplantations-
diagnostik

Warum die gesetzliche Regelung?

Der Weg zur Neuregelung, Stellungnahmen hierzu

Inhalt der Neuregelung

Argumente gegen die
Präimplantations-
diagnostik


Argumente für die
Präimplantations-
diagnostik


Youtube-Video zur Präimplantations-
diagnostik

Der genetische Fingerabdruck (pdf)

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Am 7. Juli 2011 beschloss der Deutsche Bundestag, die Präimplantationsdiagnostik in engen Grenzen zur Erkennung von schwerwiegenden Erbkrankheiten oder der Gefahr einer Tot- oder Fehlgeburt zu erlauben.

Die moderne Reproduktionsmedizin und der genetische Fortschritt machen es heute möglich, einen Embryo durch Befruchtung im Reagenzglas zu erzeugen und den sich dann entwickelnden Zellverband vor der Einsetzung in die Gebärmutter auf genetische Merkmale zu untersuchen. Für betroffene Eltern und Mediziner stellt sich die Frage, ob eine solche Untersuchung gemacht werden soll, um bestimmte Anlagen für Erkrankungen des Embryos zu erkennen. Es ist so möglich, für den Transfer von mehreren Zellverbänden nur denjenigen zu verwenden, bei dem man mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen kann, dass er kein großes Risiko einer genetischen Vorbelastung des sich dann entwickelnden Menschen birgt. Gegen eine solche Untersuchung werdenden Lebens wird eingewandt, dass es dem Menschen nicht zustehe, in den natürlichen Schöpfungsprozess einzugreifen, um Leben nach biologischen Merkmalen zu selektieren und letztlich zu beenden. Eine mögliche Behinderung sei kein Grund, Leben abzusondern, argumentieren die Gegner der Präimplantationsdiagnostik. Letztlich besteht die Gefahr, dass mehr und mehr „Designer-Babys“ geboren werden, weil die Eltern nur ein Kind mit bestimmten Merkmalen (einschließlich des Geschlechts) haben wollen und Mediziner hierfür sogar Veränderungen im Genmaterial vornehmen.

Eine künstliche Befruchtung außerhalb des Mutterleibes ist Voraussetzung für die Präimplantationsdiagnostik. 1978 erblickte das erste extrakorporal erzeugte Kind in Großbritannien das Licht der Welt. Nach Angaben des Deutschen IVF-Registers wurden im Jahr 2009 in Deutschland 7.863 Kinder durch verschiedene Verfahren der künstlichen Befruchtung lebend geboren, im Jahr 2003 waren es noch 18.726 (Jahresbericht 2009 S.29). Hintergrund hierfür ist, dass die gesetzliche Krankenversicherung ab 2004 nur noch teilweise die Kosten übernimmt (§ 27 a SGB V: nur noch 50% bei maximal drei Versuchen bei verheirateten Versicherten). Insgesamt wurden im Jahr 2009 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 651.000 Kinder in Deutschland geboren (Quelle: Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes Nr. 176 vom 17.05.2010).

Jedoch ist die Untersuchung werdenden Lebens im Mutterleib aber schon seit langem möglich und wird häufig, um nicht zu sagen standardmäßig praktiziert. So ist es durch eine Fruchtwasseruntersuchung (Amniozentese) oder eine Chorionzottenbiopsie oder eine Nabelschnurpunktion (Cordozentese) möglich, auf normalem Wege gezeugte Embryonen bzw. Föten im Mutterleib genetisch zu untersuchen (Pränataldiagnostik), des Weiteren kann eine Ultraschalluntersuchung Hinweise auf eine genetisch bedingte atypische Entwicklung der Leibesfrucht geben. Bei den drei erstgenannten sogenannten invasiven Verfahren können aufgrund der Analyse des entnommenen Materials verschiedene genetische Belastungen des Embryos bzw. des Fötus erkannt werden. Wenn ein derartiger genetischer Defekt festgestellt wird und dieser der Schwangeren die Fortdauer der Schwangerschaft unzumutbar macht, erlaubt die deutsche Rechtsordnung einen Schwangerschaftsabbruch. Dies wird als ein Argument für die Ermöglichung der Präimplantationsdiagnostik gesehen, da es nicht konsequent erscheint, von einer Frau die Implantation einer genetisch belasteten Zelle zu erwarten und dann den Abbruch der Schwangerschaft zu erlauben, der schließlich einen erheblich belastenden Eingriff in die körperlichen Vorgänge darstellt.
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Den Text des Embryonen-
schutzgesetzes
 (ESchG) finden Sie hier

Einer der Pioniere der In-vitro-Fertilisation, der Engländer Robert Edwards, wurde 2010 mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet



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Ablauf der Präimplantationsdiagnostik

totipotent:
fähig, etwas Ganzes zu bilden, sich zu einem Individuum entwickelbar
pluripotent:
Zellen sind nicht mehr in der Lage, einen Organismus zu bilden
PID =
Präimplantationsdiagnostik
Nach Vereinigung der beiden Zellen außerhalb des menschlichen Körpers können am fünften Tag nach der Befruchtung von dem jetzt als Blastozyste bezeichneten Zellverband ein bis zwei Zellen aus der äußeren Zellgruppe (Trophoblast) entnommen und genetisch untersucht werden. Eine Blastozyste besteht aus 40 bis 80 Zellen. Bei der Embryobiopsie werden nicht mehr totipotente Trophoblastzellen entnommen, die die äußere Schicht der Blastozyste darstellen und eigentlich später den embryonalen Teil der Plazenta bilden, so dass keine Auswirkungen auf den Embryo zu erwarten sind. Es ist auch möglich, den Embryo nach dem 8-Zellen-Stadium vor dem Blastozystenstadium zu untersuchen, der Blastomer ist jetzt pluripotent.

Das entnommene Material kann dann je nach Fragestellung auf verschiedene genetische Merkmale untersucht werden. Es besteht die Möglichkeit von Fehldiagnosen, weil nur wenige Zellen für Untersuchungszwecke zur Verfügung stehen und das Untersuchungsmaterial nicht reproduzierbar ist, außerdem kann fremde DNA das Untersuchungsmaterial verunreinigen oder die Untersuchung bezieht sich nur auf ein Allel (Allel = mehrere Ausprägungen eines bestimmten Gens). Außerdem kann aufgrund einer sogenannten Mosaikbildung eine dauerhafte numerische Chromosomenstörung fälschlicherweise angenommen werden (Mosaikbildung = Organismus besteht aus genetisch verschiedenen Zellen, stammt aber von derselben befruchteten Eizelle ab. Bei einem Mosaik besitzt der Embryo atypischerweise verschiedene Chromosomenmuster).
Ziel der Untersuchung ist zunächst der Nachweis einer vererbbaren Krankheit oder einer Chromosomenanomalie.
Denkbar ist auch die Feststellung des Geschlechts oder bestimmter erblicher Merkmale des heranwachsenden Menschen.

Ebenso ist es möglich, die Präimplantationsdiagnostik anzuwenden, um sogenannte Rettungsgeschwister zu erzeugen, die nach der Geburt als Stammzellspender für ein krankes Kind der Eltern in Frage kommen, da bei durch In-vitro-Fertilisation erzeugten Kindern eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, einen passenden Spender zu finden für ein bereits erkranktes Kind der Eltern (HLA-Kompatibilität, HLA = Humanes Leukozytenantigen), gleichzeitig lässt sich beim potentiellen Stammzellspender das Vorhandensein der gleichen Erkrankung ausschließen. Es wird dann der Embryo mit der höchsten genetischen Übereinstimmung mit dem erkrankten Kind in die Gebärmutter eingesetzt. Stammzellen könnten aus dem Nabelschnurblut oder dem Knochenmark des Neugeborenen entnommen und dem kranken Bruder oder der kranken Schwester zugeführt werden, wenn sich das HLA-System der beiden Geschwister ähnelt und so eine Abwehrreaktion des erkrankten Kindes herabgesetzt wird.

Von der Präimplantationsdiagnostik ist die Präkonzeptions- oder Präfertilisationsdiagnose zu unterscheiden, bei der Eizellen vor der Befruchtung untersucht werden. Weibliche Eizellen bilden während der meiotischen Teilung Polkörper, die auf genetische Merkmale untersucht werden können, nicht jedoch die männliche Samenzelle (Meiose = Teilung des Zellkerns mit einer Halbierung der Anzahl der Chromosomen). Es lässt sich damit nur das Erbgut der Mutter untersuchen.

Warum die gesetzliche Neuregelung?

Seit Beginn der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts wird die Präimplantationsdiagnostik eingesetzt. Eine gesetzliche Regelung existierte jedoch bis 2011 nicht. Zwar enthält das Embryonenschutzgesetz seit 1991 Regelungen über die Forschung an Embryonen und über die künstliche Befruchtung, es gab aber keine genauen Regeln über die genetische Untersuchung von künstlich erzeugten Embryonen. Ebenso wenig enthält das 2009 verabschiedete Gendiagnostikgesetz eine Regelung über genetische Untersuchungen des Embryos vor dem Transfer in die Gebärmutter, es gilt erst für Untersuchungen während der Schwangerschaft (§ 2 Absatz 1 Gendiagnostikgesetz). Der Bundesgerichtshof entschied mit Urteil vom 6. Juli 2010 auf der Grundlage der bis dahin geltenden Rechtslage, dass eine Entnahme von pluripotenten Zellen des künstlich erzeugten Embryos mittels Blastozystenbiopsie und die anschließende Untersuchung der entnommenen Zellen auf das Vorhandensein schwerer genetischer Schäden keine Strafbarkeit nach dem Embryonenschutzgesetz begründen (Az. 5 StR 386/09 = NJW 2010,2672). Entscheidend war dabei der Entschluss des Arztes, eine Schwangerschaft seiner Patientin herbeizuführen, aber nur mit einem gesunden Embryo. Das Urteil ist aber nicht in dem Sinne zu verstehen, dass eine unbegrenzte Auswahl von Embryonen anhand genetischer Merkmale erlaubt sei. Im Gegensatz zu der Auffassung der Bundesrichter ging ein erheblicher Teil von fachkundigen Menschen bis zu dieser Entscheidung davon aus, dass die Präimplantationsdiagnostik mit dem geltenden Recht, insbesondere dem Embryonenschutzgesetz, nicht zu vereinbaren sei. Die Politik erblickte zunehmend einen Bedarf nach einer expliziten gesetzlichen Regelung, wobei ein großer Teil der Parlamentarier für ein ausnahmsloses Verbot der Präimplantationsdiagnostik eintrat.

Der Weg zur Neuregelung, Stellungnahmen hierzu

Im Bundestag bildeten sich unabhängig von der Zugehörigkeit der Abgeordneten zu einer Partei drei Richtungen zur Regelung der Präimplantationsdiagnostik:
  1. Der sich letztlich durchsetzende Vorschlag mit einer Zulassung der Untersuchung, um schwerwiegende Erbkrankheiten oder eine hohe genetisch bedingte Wahrscheinlichkeit einer Tot- oder Fehlgeburt festzustellen (Bundestags-Drucksache 17/5451).
  2. Ein generelles und ausnahmsloses Verbot der Präimplantationsdiagnostik (Bundestags-Drucksache 17/5450).
  3. Ausnahmsweise Zulassung der Präimplantationsdiagnostik, wenn bei einem oder beiden Elternteilen eine genetische oder chromosomale Disposition vorliegt, die mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Schädigung des heranwachsenden Lebens bewirkt, so dass es zu einer Tot-oder Fehlgeburt oder zum Tod im ersten Lebensjahr des Kindes kommt (Bundestags-Drucksache 17/5452).
Der Bundestag erörterte erstmals am 14. April 2011 die verschiedenen Gesetzentwürfe, am 25. Mai 2011 hörte der Bundestagsausschuss für Gesundheitsfragen mehrere Sachverständige an und am 7. Juli 2011 fand die abschließende Beratung und die Beschlussfassung im Plenum statt. In der zweiten Lesung der drei verschiedenen Gesetzentwürfe entfielen von 595 abgegebenen gültigen Stimmen 326 auf den Vorschlag einer begrenzten Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (Drucksache 17/5451), 227 Abgeordnete votierten für ein ausnahmsloses Verbot der Präimplantationsdiagnostik und 58 für eine Zulässigkeit der Untersuchung nur unter ganz engen Voraussetzungen, eine Stimme sprach sich gegen alle Vorschläge aus und es gab drei Enthaltungen. In der maßgeblichen dritten Lesung und Schlussabstimmung stimmten 326 Abgeordneten für den Vorschlag auf der Drucksache 17/5451, 260 dagegen und 8 Abgeordnete enthielten sich. (Quelle: Bundestags-Plenarprotokoll 17/120 Anlage 2 und 13910). Der Bundesrat beschloss in seiner Sitzung am 23. September 2011, gegen den im Bundestag erfolgreichen Gesetzentwurf keinen Einspruch zu erheben. Nach Unterzeichnung durch den Bundespräsidenten erschien das Präimplantationsdiagnostikgesetz am 24. November 2011 im Bundesgesetzblatt I Nr. 58 (S. 2228) und ist am 8. Dezember 2011 in Kraft getreten.

Beachtlich ist, dass von der Fraktion der Linken 29 Abgeordnete für ein absolutes Verbot der  Präimplantationsdiagnostik stimmten, obwohl diese Partei in ihrem Programm zur Bundestagswahl 2009 für die Straflosigkeit von Schwangerschaftsabbrüchen eintrat und das Selbstbestimmungsrecht der Frau betont, darüber zu bestimmen, ob sie eine Schwangerschaft austrägt (39 Abgeordnete der Linken stimmten für die begrenzte Zulassung nach der Bundestags-Drucksache 17/5651, zwei enthielten sich).

Der Deutsche Ethikrat konnte kein eindeutiges Votum für oder gegen die Präimplantationsdiagnostik abgeben. 13 Mitglieder des Gremiums wollen die PID unter engen Grenzen zulassen, weil gewichtige Gründe des Gesundheitsschutzes der Frau für die Zulassung sprechen und die PID einen Weg eröffne, einen rechtmäßigen Schwangerschaftsabbruch zu vermeiden. Hingegen lehnen elf Mitglieder des Ethikrats die PID strikt ab, weil sie ethisch nicht gerechtfertigt sei. Ein Ratsmitglied sprach sich in einem Sondervotum dafür aus, die PID zur Identifikation von entwicklungsfähigen Embryonen zu erlauben und dafür eine verbindliche Indikationsliste zu erstellen (Quelle: Pressemitteilung des Ethikrates vom 08.03.2011). Aufgabe des Ethikrates ist es, als unabhängiger Sachverständigenrat Bundesregierung und Bundestag in ethischen Fragen zu beraten, insbesondere über die Auswirkungen der Biowissenschaften auf den Menschen.

Der Deutsche Ärztetag sprach sich im Juni 2011 für eine Zulassung der Präimplantationsdiagnostik in engen Grenzen und unter kontrollierten Verfahrensvoraussetzungen aus. Ziel der Regelung solle es sein, Paaren mit hohem genetischen Risiko zu einer Schwangerschaft mit einem von dieser genetischen Erkrankung unbelasteten Embryo zu verhelfen. In bestimmten Fällen sei die In-vitro-Fertilisation mit PID weniger problematisch als eine Pränataldiagnostik mit nachfolgendem Schwangerschaftsabbruch. Kein Grund für eine PID seien insbesondere die Geschlechtsbestimmung ohne Krankheitsbezug, das Alter der Eltern oder Maßnahmen der assistierten Reproduktion im Allgemeinen. (Quelle: Pressemitteilung des Deutschen Ärztetages vom 01.06.2011).

Für eine eingeschränkte Zulassung der Präimplantationsdiagnostik an nicht-totipotenten Zellen unter gesetzlich geregelten Bedingungen sprach sich die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina aus. Die Folgen für den Embryo sollten mit denen von Pränataldiagnostik und Schwangerschaftsabbrüchen rechtlich gleichgestellt werden. Mit der Untersuchung sollten keine anderen Ziele als das Wohl des betroffenen Paares verfolgt werden. Das Bejahen einer schwerwiegenden Erbkrankheit sollte nicht ausgeschlossen sein, wenn die Krankheit erst in späteren Lebensjahren auftreten kann. (Quelle: Pressemitteilung der Leopoldina vom 18.01.2011).

Die großen christlichen Kirchen in Deutschland lehnen die Präimplantationsdiagnostik ab. Im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) halten einige Mitglieder die Untersuchung für vertretbar, um lebensfähige Embryonen zu identifizieren, wenn bei den Eltern eine genetische Veranlagung vorliegt, bei der mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit der Embryo schon während der Schwangerschaft lebensunfähig ist. Eine angemessene Begleitung und Beratung der Eltern müsste sichergestellt werden und ein Missbrauch des so eröffneten Weges verhindert werden (Quelle: Pressemitteilung des Rates der EKD vom 15.02.2011).

Strikt abgelehnt wird die Präimplantationsdiagnostik von der katholischen Kirche. Aus deren Sicht beginnt menschliches Leben mit der Vereinigung von Ei- und Samenzelle, dem so geschaffenen Leben kommt Menschenwürde zu. Dieses Leben ist voll und uneingeschränkt zu schützen. Demgegenüber bedeute die Präimplantationsdiagnostik, so die Deutsche Bischofskonferenz, Selektion und Tötung von menschlichem Leben. Die Verschiebung der Schutzwürdigkeit des Embryos auf einen späteren Zeitpunkt lasse einen ethischen Freiraum entstehen, der Willkür Tür und Tor öffnet (Quelle: Pressemitteilung der Deutschen Bischofskonferenz vom 17.03.2011). Nach den Worten des Weihbischofs Dr. Dr. Anton Losinger sei die Präimplantationsdiagnostik mit den Buchstaben und dem Geist des Grundgesetzes nicht zu vereinbaren. Die Verwerfung eines Menschen aufgrund eines auffälligen Chromosomenbefundes laufe dem Achtungsgebot der Menschenwürde und dem Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit zuwider. Das verfassungsrechtliche Benachteiligungsverbot aufgrund einer Behinderung verbiete eine Benachteiligung wegen einer Behinderung nicht nur geborener behinderter Menschen, sondern auch eines Embryos mit voraussichtlichem Gendefekt (Quelle: Pressemitteilung der Deutschen Bischofskonferenz vom 13.10.2010).

Man sollte erwähnen, dass die katholische Kirche schon die In-vitro-Befruchtung, Grundlage für eine sich anschließende Präimplantationsdiagnostik, streng ablehnt (so in der Instruktion Donum vitae, herausgegeben am 22. Februar 1987 von der Kongregation für die Glaubenslehre unter Vorsitz des Kardinals Ratzinger, später Papst Benedikt XVI).

Kosten der Präimplantationsdiagnostik

Die Präimplantationsdiagnostik ist keine Krankenbehandlung im Sinn der gesetzlichen Krankenversicherung, entsprechende Kosten sind von den Krankenkassen nicht zu tragen (Urteil des Bundessozialgerichts B 1 KR 19/13 R, Quelle: Medieninformation des BSG vom 18.11.2014).

Bild oben: Schematische Darstellung einer Blastozyste

Inhalt der Neuregelung

Der neu ins Embryonenschutzgesetz aufgenommene § 3 a regelt, dass eine Präimplantationsdiagnostik nur unter folgenden Voraussetzungen durchgeführt werden darf:
  • aufgrund der genetischen Disposition eines oder beider Elternteile besteht das hohe Risiko einer schwerwiegenden Erbkrankheit

  • oder

  • es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einer Tot- oder Fehlgeburt aufgrund einer schwerwiegenden Schädigung des Embryos zu rechnen.
In jedem Fall müssen bei einer Präimplantationsdiagnostik beachtet werden:
  • eine Aufklärung und Beratung vor der Untersuchung ist erforderlich,
  • schriftliche Einwilligung der Frau, von der die Eizelle stammt,
  • eine interdisziplinär zusammengesetzte Ethikkommission gibt ein positives Votum ab,
  • Untersuchung darf nur durch einen hierfür qualifizierten Arzt in für die Präimplantationsdiagnostik zugelassenen Zentren vorgenommen werden.
Wenn keiner der oben genannten Gründe vorliegt, bleibt die Untersuchung verboten, eine dennoch vorgenommene Untersuchung wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft. Das Nähere der Dokumentationspflicht regelt eine von der Bundesregierung mit Zustimmung des Bundesrates erlassene Rechtsverordnung (Präimplantationsdiagnostikverordnung, im Internet hier zu finden). Kein Arzt ist verpflichtet, an einer Präimplantationsdiagnostik mitzuwirken, aus der Nichtmitwirkung darf dem Betreffenden kein Nachteil erwachsen.

Das Gesetz zählt nicht bestimmte Krankheiten auf, bei denen eine Präimplantationsdiagnostik durchgeführt werden darf, sondern verweist diese Frage in jedem Einzelfall auf die Ethikkommission und den behandelnden Arzt. Unter Erbkrankheiten versteht man derzeit monogen (d.h. durch ein bestimmtes Gen) bedingte Erkrankungen und Chromosomenstörungen, „schwerwiegend“ sind diese, wenn sie sich durch eine geringe Lebenserwartung oder Schwere des Krankheitsbildes und schlechte Behandelbarkeit von anderen Erbkrankheiten wesentlich unterscheiden. Von einem „hohen Risiko“ spricht man, wenn eine hohe Wahrscheinlichkeit vorliegt, die vom üblichen Risiko der Bevölkerung wesentlich abweicht, außerdem ist die  Eintrittswahrscheinlichkeit nach den Gesetzlichkeiten der Übertragbarkeit und Kombination erblicher Anlagen genetisch  einzuschätzen, eine Wahrscheinlichkeit von 25 bis 50 Prozent ist ein hohes Risiko. Für Fehl- oder Totgeburten sind bestimmte Chromosomenanomalien der häufigste Grund, ohne dass die Eltern chromosomale Veränderungen aufweisen (Bundestags-Drucksache 17/5451 S. 8).

Die Bundesregierung erstellt in jeder Legislaturperiode einen Bericht über die Erfahrungen mit der Präimplantationsdiagnostik. Der Bericht enthält aufgrund der zentralen Dokumentation und anonymisierter Daten die Zahl der jährlich durchgeführten Maßnahmen und eine wissenschaftliche Auswertung.

Wie bisher ist die Präimplantationsdiagnostik nicht erlaubt an Zellverbänden bis zum 8-Zell-Stadium, da die Zellen in dieser Phase noch totipotent sind und eine Zellabspaltung ein nach dem Embryonenschutzgesetz verbotenes Klonen wäre. Nach § 8 Absatz 1 des Embryonenschutzgesetzes gilt jede totipotente Zelle als Embryo, eine Entnahme und Verwendung von Zellen ist nur zur Erhaltung des Embryos erlaubt (§ 2 ESchG). Ebenso ist eine Untersuchung zur Bestimmung des Geschlechts des einzusetzenden Embryos oder zur Erzeugung sogenannter Rettungsgeschwister wie bisher verboten.

Eine Ausnahme vom Verbot der Geschlechtswahl gibt es schon seit längerem, um das künstlich erzeugte Kind vor der Erkrankung an einer schwerwiegenden geschlechtsgebundenen Erbkrankheit zu bewahren (§ 3 ESchG).

Man geht davon aus, dass es nur eine geringe Anzahl von Fällen gibt, bei denen eine Präimplantationsdiagnostik in Frage kommen könnte, geschätzt werden etwa 200 bis 300 Fälle pro Jahr in Deutschland.

Argumente gegen die Präimplantationsdiagnostik:
  • man darf nicht zwischen lebenswertem und lebensunwertem Leben unterscheiden, für viele genetisch bedingte Krankheiten gibt es heute Therapien und Hilfen
  • Verfassungsgebot, Menschen mit Behinderungen nicht zu diskriminieren, wird unterlaufen
  • Beschränkung der PID auf einzelne Fälle nicht praktizierbar, Gefahr von Nebenbefunden und der Ausweitung auf andere erbliche Veranlagungen, bei denen gar nicht sicher ist, ob sie später auftreten
  • einige Erbkrankheiten treten erst im Erwachsenenalter auf, entsprechende genetische Untersuchungen bei Schwangeren mittels Pränataldiagnostik sind nach dem Gendiagnostikgesetz (§ 15 Absatz 2) verboten 
  • Lebenswert darf nicht von einer prognostizierten Lebenserwartung abhängig gemacht werden (von daher keine Beschränkung der PID auf Tot- oder Fehlgeburten)
  • Gefahr von Fehldiagnosen, genetische Belastungen werden fälschlicherweise erkannt
  • Zulassung der PID könnte auch fortpflanzungsfähige Paare zu einer künstlichen Befruchtung veranlassen mit entsprechenden Gefahren (Hormonstimulation, Eizellpunktion, höheres Risiko von Mehrlingsschwangerschaften, Produktion von überschüssigen Embryonen in-vitro)
  • das Recht von Paaren auf Fortpflanzung als Teil der freien Entfaltung der Persönlichkeit und der Schutz von Ehe und Familie beinhalten kein Recht auf genetische Auswahl eines gesunden Kindes
  • wenn Schwangerschaftsabbruch allein aufgrund einer zu erwartenden Behinderung des Kindes seit 1995 nicht mehr möglich ist, sollte gleiches für die PID gelten
  • Kein Wertungswiderspruch wegen Zulassung von Schwangerschaftsabbrüchen und Antikonzeptiva, da diese Verfahren zur Vermeidung oder Beendigung einer Schwangerschaft nicht auf eine Behinderung abstellen. Bei Schwangerschaftsabbruch Abwägung zwischen dem Lebensrecht des Embryos und Recht der Schwangeren auf physische und psychische Unversehrtheit, während bei der PID eine Auswahl unter verschiedenen Embryonen getroffen wird.

Argumente für die Präimplantationsdiagnostik:
  • Es wäre widersprüchlich, einen belastenden und oftmals riskanten Schwangerschaftsabbruch für straflos zu erklären, gleichzeitig aber die Vermeidung der Geburt eines genetisch vorbelasteten Kindes bestrafen zu wollen
  • absolutes Verbot der PID wäre unverhältnismäßig, begrenzte Zulassung ist ein gerechter Ausgleich zwischen den Freiheitsrechten des Individuums und der Verpflichtung des Staates zum Schutz von Rechtsgütern
  • Paaren, die sonst von Nachwuchs absehen würden, wird Fortpflanzung ermöglicht; Kinderwunsch ist zu respektieren
  • Fehl- und Totgeburten können vermieden werden
  • Zwang zum Nichtwissen über genetische Vorbelastungen nicht zumutbar
  • PID ist in vielen anderen Ländern erlaubt
  • Medizintourismus in andere Länder (z.B. Belgien) wird vermieden
  • wenn man PID verbieten wollte, müsste man schon die In-vitro-Befruchtung verbieten, da hierbei überschüssige Embryonen entstehen, die verworfen werden müssen
  • Dem Verbot der Benachteiligung von Menschen mit Behinderungen steht nicht entgegen, dass versucht wird, den Eintritt einer Behinderung zu vermeiden; nur ein Bruchteil der Behinderungen hat genetische Ursachen
  • Einnistung der befruchteten Eizelle in Gebärmutter ist Zäsur, vorher ist Zelle nicht autonom lebensfähig; auch bei natürlicher Zeugung gehen oftmals befruchtete Eizellen verloren
  • durch Erkennung von Chromosomenstörungen können nicht entwicklungsfähige Embryonen erkannt und die Erfolgsrate der In-vitro-Fertilisation erhöht werden


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Artikel 1 Absatz 1 des  Grundgesetzes:
Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

Artikel 2 Absatz 2 Satz 1 des Grundgesetzes:
Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.

Artikel 2 Absatz 1 des Grundgesetzes:
Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.

Artikel 3 Absatz 3 Satz 2 des Grundgesetzes:
Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Artikel 6 Absatz 1 des Grundgesetzes:
Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.

Artikel 6 Absatz 4 des Grundgesetzes:
Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft.
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Verfassungsrechtliche Aspekte: Die Frage nach der Zulassung der Präimplantationsdiagnostik wirft verfassungsrechtliche Fragen auf. Wie weiht geht der Schutz des menschlichen Lebens und der Menschenwürde, wie weit darf der Staat seinen Bürgern in die private Sphäre der Fortpflanzung hineinreden?

Dass nicht nur das bereits geborene Leben den Schutz des Staates verdient, sondern auch das im Mutterleib heranreifende Leben, hat das Bundesverfassungsgericht bereits 1975 in einem Urteil ausgeführt, mit dem die Fristenlösung beim Schwangerschaftsabbruch verworfen wurde (Urteil vom 25.02.1975 Az. 1 BvF 1, 2, 3, 4, 5, 6/74 = BVerfGE 39,1). Die Schutzpflicht für das werdende Leben besteht auch gegenüber der Mutter, deren Selbstbestimmungsrecht muss grundsätzlich gegenüber dem Lebensrecht des sich entwickelnden Lebens zurücktreten. Jedoch hat das Gericht einen absoluten Schutz der Leibesfrucht verworfen, ein Schwangerschaftsabbruch ist erlaubt, um von der Schwangeren eine Gefahr für ihr Leben oder eine schwerwiegende Beeinträchtigung ihres Gesundheitszustandes abzuwenden. Weiterhin führte das Gericht aus, dass es dem Gesetzgeber frei steht, auch in ähnlich schwerwiegenden Konfliktlagen die Fortsetzung der Schwangerschaft der Schwangeren nicht zuzumuten. Weiter ist in der Entscheidung zu lesen, dass Leben jedenfalls vom 14. Tag nach der Empfängnis (Nidation) an besteht und dass zwischen den einzelnen Abschnitten des sich entwickelnden Lebens vor der Geburt oder zwischen ungeborenem und geborenen Leben nicht unterschieden werden kann. Wo menschliches Leben existiert, kommt ihm auch Menschenwürde zu, es ist nicht erforderlich, dass sich der Träger dieser Würde bewusst ist. In einem weiteren Urteil zum Thema Schwangerschaftsabbruch vom 28.05.1993 (Az. 2 BvF 2/90 und 4 und 5/90 = BVerfGE 88,203) bestätigte das Verfassungsgericht die staatliche Schutzpflicht für das ungeborene Leben, ließ aber offen (da nicht entscheidungserheblich), ob diese Schutzpflicht bereits mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle beginnt. Das Bestehen einer solchen Schutzpflicht liegt jedenfalls dem Embryonenschutzgesetz zugrunde, das seit 1991 Forschung an Embryonen und Verwendung von Embryonen regelt. Nach diesem Gesetz ist es verboten, einen Embryo zu anderen Zwecken als zur Herbeiführung einer Schwangerschaft in-vitro zu erzeugen oder zu verwenden. Als Embryo gilt nach diesem Gesetz (§ 8) bereits die befruchtete, entwicklungsfähige menschliche Eizelle vom Zeitpunkt der Kernverschmelzung an sowie jede einem Embryo entnommene totipotente Zelle, die sich zu einem Individuum zu entwickeln vermag. Deshalb ist es in Deutschland verboten, Embryonen als Material für Stammzellforschung zu erzeugen. Jedoch ist eine Forschung an aus dem Ausland importierten embryonalen Stammzellen, die vor einem bestimmten Stichtag nach Deutschland eingeführt wurden, nach dem Stammzellgesetz erlaubt.

Ob sich die am 7. Juli 2011 im Bundestag gefundene Regelung in der Praxis bewähren wird, bleibt abzuwarten. Man darf gespannt sein, ob es den Ethikkommissionen für Präimplantationsdiagnostik gelingen wird, Rechtssicherheit zu schaffen. Fragwürdig ist es, wenn dort Vertreter mitentscheiden, welche die Präimplantationsdiagnostik in Gänze ablehnen, dann aber darüber befinden sollen, ob ein Fall im Sinn der gesetzlichen Ausnahmeregelung vorliegt.

Eingebettetes Youtube-Video zur Präimplantationsdiagnostik von biotechnologie.tv:



(Video bei Youtube)

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Das Bild mit der Darstellung einer Blastozyste beruht auf der Vektorgrafik „Blastozyste.svg“ (Autor: Lennert B, Bild ist in der Public Domain/gemeinfrei) des Dateiarchivs Wikimedia.

Seite zuletzt bearbeitet am: 21.11.2014