Schauplatz der Weltliteratur: SchanghaiVicki Baum: Hotel Shanghai
Neun Menschen können dem gemeinsamen Tod nicht entkommen
Die
Nationalpartei Kuomintang unter dem Vorsitz von Sun Yat-sen organisiert
das Land von Kanton aus neu. Unter dem neuen Vorsitzenden Tschiang
Kai-scheck kommt es zum Bruch mit der Sowjetunion, was letztlich die
Kommunisten unter Mao Tse-tung zu wachsendem Einfluss verhilft. 1931
fallen die Japaner ein und trennen die Mandschurei ab. Ein zweiter
Angriff kommt 1937, als die Japaner Schanghai und weitere Teile des
Landes besetzen. Von Schanghai kommend erobern sie Nanking und richten
dort entsetzliche Massaker an. Später kommt es zum gemeinsamen
Kampf von Nationalisten und Kommunisten gegen die Besatzer. Schanghai
ist vor der Okkupation den Interessen der westlichen
Großmächte ausgesetzt, die eine internationale Zone
in der
Hafenstadt eingerichtet haben, in der auch das 1933 erbaute Hotel
liegt. Bis heute
ist nicht geklärt, ob die chinesische oder die japanische
Luftwaffe die Bombe auf das Hotel Schanghai abgeworfen hat. Die
offizielle chinesische Darstellung spricht von einem japanischen
Angriff. Baum spricht in ihrem Roman mehr von einem chinesischen
Angriff. (Zweck eines solchen Angriffs hätte sein
können, den
Japanern die Nutzung der internationalen Zone für ihre
Aggression
zu verhindern; eventuell galt die Bombe auch einem japanischen
Kriegsschiff auf dem Jang Tse-kiang). 2005 ist es zu Spannungen
zwischen beiden Ländern gekommen, weil in einigen japanischen
Schulbüchern die Zeit der Besetzung Chinas verharmlosend
dargestellt worden sein soll.| Die
Personen: B.G. Chang: Kommt aus ärmlichsten Verhältnissen, schließt sich einer Räuberbande an, diese entführt einen reichen Bankier, geht mit dem Bankier in die große Stadt und entwickelt sich zum erfolgreichen Geschäftsmann. Nennt sich Chang Bo Gum. Der Sohn Yu Tsing wird europäisch erzogen und tendiert politisch zu den Linken. Dr. Emmanuel Hain: Deutscher jüdischer Arzt, der vor den Nazis emigrieren muss und schließlich in Schanghai Opiumsüchtige behandelt. Kurt Planke: Chauffeur von Dr. Hain, zunächst musikalische Ausbildung, arbeitet in Schanghai als Klavierspieler. Jelena Trubova: Russische Aristokratin, die nach der Oktoberrevolution ihr Land verließ und in zweiter Ehe den polytoxikomanen Engländer Bertie Russell heiratet (daraufhin nennt sie sich Helen), lässt sich vom britischen Nachrichtendienst anwerben. Lung Yen: Bauer, seine Frau und sein Kind kommen im Krieg um, gelangt mit einer Strafkolonne nach Schanghai, Rikschafahrer, lässt dort seine Opiumabhängigkeit behandeln. Ruth Anderson: Amerikanische Krankenschwester, arbeitet später als Stewardess und lernt bei einem Flugzeugabsturz Frank Taylor kennen, dem sie später nach Schanghai folgt. |
![]() Frank Taylor: Aus Hawaii stammend, nach Ehekrise Beziehung zu Mrs. Anderson, arbeitet in Schanghai für eine Filmgesellschaft. Yoshio Murata: Japaner, kommt in Kontakt mit Europa und USA, nach Heirat arbeitet er als Journalist im Unternehmen des Schwiegervaters. Bei Ausbruch des chinesisch-japanischen Krieges Berichterstatter. Dr. Yu Tsing Chang: Unterstützt die Kuomintang, nach Sun Yat-sens Tod zu Kommunisten, seine Frau wird gefoltert und umgebracht, Emigration nach Russland, Medizinstudium in den USA, dann als Arzt in Schanghai tätig. Zweite Ehe mit Pearl. |
| Der Tod
in Schanghai Die im ersten, fast die Hälfte des Romans ausmachenden Teil des Romans geschilderten Personen treffen im Hotel Schanghai in unterschiedlicher Weise aufeinander und gehören zu einer Gruppe, die dem gemeinsamen Schicksal des Todes am gleichen Ort zur gleichen Zeit nicht entrinnen kann. Von Anfang an ist der Ausgang klar, allenfalls die Verwicklungen der Personen untereinander können den Leser überraschen. Schwerpunkt der Schilderung ist auch nicht die Bombardierung, die relativ kurz dargestellt wird, sondern die Beschreibung von Menschen, deren Schicksal gemeinsam tragisch endet. Als Leser empfindet man sich im zweiten Teil als Langzeitgast im Hotel, der die anderen Gäste schon lange kennt. Chang Bo Gum besitzt inzwischen viele Aktien, unter anderem auch vom fraglichen Hotel, wo er sich aufhält, als er seinen Sohn besucht. Dieser macht ihm Vorhaltungen wegen seiner pro-japanischen Einstellung, die schließlich in einer Tätlichkeit enden, aus der der Vater als Sieger hervorgeht. Es kommt zu Anbändelungen: Kurt Planke findet Interesse an einer Sklavin Chang Bo Gums, während Helen sich Frank Taylor zuwendet, bevor Ruth Anderson in die Stadt kommt. Yoshio Murata, den später Selbstmordgedanken plagen, wird von dem japanischen Spion Noboru Endo auf Mrs. Russell angesetzt. Chang Bo Gum bekommt eine Blinddarmentzündung, der herbeigerufene Dr. Hain kann ihn nicht zu einer Operation bewegen. Dieser erfährt in einem Brief von seiner Frau, dass sie sich von ihm scheiden lassen will und dass sie sich dem Nationalsozialismus zugewendet hat. Wegen der zunehmenden militärischen Tätigkeiten erwägen viele die Abreise. Helen bringt schließlich ihren Ehemann um. Der herbeigerufene Dr. Hain hat Bedenken und befürwortet eine Untersuchung durch britische Amtspersonen. Dabei bezichtigt sich Frank Taylor des Mordes, es stellt sich aber schnell heraus, dass er nicht als Täter in Frage kommt. Der irdischen Gerichtsbarkeit kommt dann aber die Bombe zuvor, die auch eine Behandlung von Chang Bo Gum überflüssig macht. Muarata hat sich schon nach Hongkong eingeschifft, als er bemerkt, dass er Mrs. Anderson noch ein Buch zurückgeben muss. Als er vor ihrer Zimmertür steht, schlägt die Bombe ein. |
![]() Schanghai heute (2004)
![]() |
| 24. Januar 1888 | Geburt in Wien als Hedwig Baum, genannt Vicki, als Tochter des jüdischen Beamten Hermann Baum und dessen Frau Mathilde, geborene Donath |
| 1904-1910 | Musikstudium (Harfe) in Wien, Zusammenarbeit mit Wiener Konzertverein |
| 1906-1910 | Ehe mit Journalisten Max Prels (1878-1926) |
| 1912-1916 | Harfenistin in Darmstadt |
| ab 1914 | schriftstellerische Tätigkeit |
| 1916 | Eheschließung mit Dirigenten Richard Lert (1885-1980, ab 1928 an Berliner Staatsoper, ab 1935 Leiter des Sinfonieorchesters von Pasadena), zieht mit ihm nach Kiel, Hannover und Mannheim; zwei Söhne |
| ab 1926 | Verlagsangestellte und Zeitschriftenredakteurin in Berlin |
| 1929 | erster Roman Stud. chem. Helene Willfüer; Roman Menschen im Hotel (Theaterfassung 1930) |
| 1931 | Reise nach Amerika anlässlich Verfilmung des Romans "Menschen im Hotel" (Grand Hotel mit Greta Garbo) |
| 1932 | Übersiedlung der Familie nach Kalifornien |
| 1932-1946 | Drehbuchautorin in Hollywood |
| ab 1935 | Publikationen beim Amsterdamer Exilverlag Querido, mehrere Auslandsreisen; Vicki Baum entwickelt sich zu einer der ökonomisch erfolgreichsten Schriftstellerinnen |
| 1937 | Roman Liebe und Tod auf Bali |
| 1938 | amerikanische Staatsbürgerschaft, schreibt in Englisch |
| 1939 | Roman Hotel Shanghai (Originaltitel: Shanghai 37, deutsch auch Bomben auf Schanghai) |
| 1941 | halbautobiografischer Roman Marion |
| 1959 | deutsche Verfilmung von Menschen im Hotel (mit Heinz Rühmann, Regie: Gottfried Reinhardt) |
| 29. August 1960 | Tod in Los Angeles |
| 1962 | Autobiografie Es war alles ganz anders |