Schauplatz der Weltliteratur: Schanghai

Vicki Baum: Hotel Shanghai

Neun Menschen können dem gemeinsamen Tod nicht entkommen

Mit dem 1939 veröffentlichten Roman "Hotel Schanghai" hat die aus Österreich stammende Vicki Baum ein aufrichtiges Plädoyer für den Frieden und Menschlichkeit geschrieben. Hintergrund der Geschehnisse ist der chinesisch-japanische Krieg von 1937, in dessen Verlauf das sich im internationalen Teil der Millionenstadt Schanghai befindliche Hotel Schanghai einem Bombenangriff zum Opfer fiel. Die Autorin beschreibt in dem Buch neun Personen, stellt diese zunächst mit ihren ausführlichen Lebensläufen dar und verbindet diese dann im zweiten Teil zu einer Schicksalsgemeinschaft, die dem Tod durch eine Fliegerbombe am 14. August 1937 nicht entkommen können.


Der historische Hintergrund: Nach dem Sturz der Monarchie 1912 wird China durch Machtkämpfe gelähmt. Die Nationalpartei Kuomintang unter dem Vorsitz von Sun Yat-sen organisiert das Land von Kanton aus neu. Unter dem neuen Vorsitzenden Tschiang Kai-scheck kommt es zum Bruch mit der Sowjetunion, was letztlich die Kommunisten unter Mao Tse-tung zu wachsendem Einfluss verhilft. 1931 fallen die Japaner ein und trennen die Mandschurei ab. Ein zweiter Angriff kommt 1937, als die Japaner Schanghai und weitere Teile des Landes besetzen. Von Schanghai kommend erobern sie Nanking und richten dort entsetzliche Massaker an. Später kommt es zum gemeinsamen Kampf von Nationalisten und Kommunisten gegen die Besatzer. Schanghai ist vor der Okkupation den Interessen der westlichen Großmächte ausgesetzt, die eine internationale Zone in der Hafenstadt eingerichtet haben, in der auch das 1933 erbaute Hotel liegt. Bis heute ist nicht geklärt, ob die chinesische oder die japanische Luftwaffe die Bombe auf das Hotel Schanghai abgeworfen hat. Die offizielle chinesische Darstellung spricht von einem japanischen Angriff. Baum spricht in ihrem Roman mehr von einem chinesischen Angriff. (Zweck eines solchen Angriffs hätte sein können, den Japanern die Nutzung der internationalen Zone für ihre Aggression zu verhindern; eventuell galt die Bombe auch einem japanischen Kriegsschiff auf dem Jang Tse-kiang). 2005 ist es zu Spannungen zwischen beiden Ländern gekommen, weil in einigen japanischen Schulbüchern die Zeit der Besetzung Chinas verharmlosend dargestellt worden sein soll.

Die Personen:
B.G. Chang: Kommt aus ärmlichsten Verhältnissen, schließt sich einer Räuberbande an, diese entführt einen reichen Bankier, geht mit dem Bankier in die große Stadt und entwickelt sich zum erfolgreichen Geschäftsmann. Nennt sich Chang Bo Gum. Der Sohn Yu Tsing wird europäisch erzogen und tendiert politisch zu den Linken.
Dr. Emmanuel Hain: Deutscher jüdischer Arzt, der vor den Nazis emigrieren muss und schließlich in Schanghai Opiumsüchtige behandelt.
Kurt Planke: Chauffeur von Dr. Hain, zunächst musikalische Ausbildung, arbeitet in Schanghai als Klavierspieler.
Jelena Trubova: Russische Aristokratin, die nach der Oktoberrevolution ihr Land verließ und in zweiter Ehe den polytoxikomanen Engländer Bertie Russell heiratet (daraufhin nennt sie sich Helen), lässt sich vom britischen Nachrichtendienst anwerben.
Lung Yen: Bauer, seine Frau und sein Kind kommen im Krieg um, gelangt mit einer Strafkolonne nach Schanghai, Rikschafahrer, lässt dort seine Opiumabhängigkeit behandeln.
Ruth Anderson: Amerikanische Krankenschwester, arbeitet später als Stewardess und lernt bei einem Flugzeugabsturz Frank Taylor kennen, dem sie später nach Schanghai folgt.

















Frank Taylor
: Aus Hawaii stammend, nach Ehekrise Beziehung zu Mrs. Anderson, arbeitet in Schanghai für eine Filmgesellschaft.

Yoshio Murata: Japaner, kommt in Kontakt mit Europa und USA, nach Heirat arbeitet er als Journalist im Unternehmen des Schwiegervaters. Bei Ausbruch des chinesisch-japanischen Krieges Berichterstatter.
Dr. Yu Tsing Chang: Unterstützt die Kuomintang, nach Sun Yat-sens Tod zu Kommunisten, seine Frau wird gefoltert und umgebracht, Emigration nach Russland, Medizinstudium in den USA, dann als Arzt in Schanghai tätig. Zweite Ehe mit Pearl.

Der Tod in Schanghai
Die im ersten, fast die Hälfte des Romans ausmachenden Teil des Romans geschilderten Personen treffen im Hotel Schanghai in unterschiedlicher Weise aufeinander und gehören zu einer Gruppe, die dem gemeinsamen Schicksal des Todes am gleichen Ort zur gleichen Zeit nicht entrinnen kann. Von Anfang an ist der Ausgang klar, allenfalls die Verwicklungen der Personen untereinander können den Leser überraschen. Schwerpunkt der Schilderung ist auch nicht die Bombardierung, die relativ kurz dargestellt wird, sondern die Beschreibung von Menschen, deren Schicksal gemeinsam tragisch endet. Als Leser empfindet man sich im zweiten Teil als Langzeitgast im Hotel, der die anderen Gäste schon lange kennt.

Chang Bo Gum besitzt inzwischen viele Aktien, unter anderem auch vom fraglichen Hotel, wo er sich aufhält, als er seinen Sohn besucht. Dieser macht ihm Vorhaltungen wegen seiner pro-japanischen Einstellung, die schließlich in einer Tätlichkeit enden, aus der der Vater als Sieger hervorgeht. Es kommt zu Anbändelungen: Kurt Planke findet Interesse an einer Sklavin Chang Bo Gums, während Helen sich Frank Taylor zuwendet, bevor Ruth Anderson in die Stadt kommt. Yoshio Murata, den später Selbstmordgedanken plagen, wird von dem japanischen Spion Noboru Endo auf Mrs. Russell angesetzt. Chang Bo Gum bekommt eine Blinddarmentzündung, der herbeigerufene Dr. Hain kann ihn nicht zu einer Operation bewegen. Dieser erfährt in einem Brief von seiner Frau, dass sie sich von ihm scheiden lassen will und dass sie sich dem Nationalsozialismus zugewendet hat. Wegen der zunehmenden militärischen Tätigkeiten erwägen viele die Abreise. Helen bringt schließlich ihren Ehemann um. Der herbeigerufene Dr. Hain hat Bedenken und befürwortet eine Untersuchung durch britische Amtspersonen. Dabei bezichtigt sich Frank Taylor des Mordes, es stellt sich aber schnell heraus, dass er nicht als Täter in Frage kommt. Der irdischen Gerichtsbarkeit kommt dann aber die Bombe zuvor, die auch eine Behandlung von Chang Bo Gum überflüssig macht. Muarata hat sich schon nach Hongkong eingeschifft, als er bemerkt, dass er Mrs. Anderson noch ein Buch zurückgeben muss. Als er vor ihrer Zimmertür steht, schlägt die Bombe ein.















Schanghai heute (2004)



Die Interpretation: Das Buch ist weniger etwas für Leser, die Spannung erwarten, sondern mehr das Kontemplative mögen. Wir alle gehören zu Gruppen, Gemeinschaften, die in unterschiedlichster Weise zusammengesetzt sind und keine Rücksicht nehmen auf Alter, Geschlecht, Nationalität oder Reichtum. Wir werden nicht gefragt, ob wir dazugehören wollen, sondern gehören einfach dazu. Die unterschiedlichsten menschlichen Hintergründe, Wünsche und Hoffnungen werden zusammengefasst und können durch das gleiche einmalige, von außen kommende brutale Geschehen vernichtet werden.

Dieser Roman setzt auf die menschliche Erschütterung des Lesers. Man empfindet Anteilnahme, Sympathie für die Personen, deren Schicksal von den ersten Seiten des Buches an schon besiegelt ist. Demgegenüber steht die Brutalität des Krieges, der unterschiedslos seine Schrecken zeigt.

Vicki Baum schrieb "Hotel Shanghai" in den USA, wohin sie 1931 anlässlich der Verfilmung ihres Romans "Menschen im Hotel" reiste; nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten kehrte sie nicht mehr nach Deutschland bzw. Österreich zurück. Von den USA aus machte sie Reisen u.a. nach Asien. Das Buch wurde 1996 verfilmt von Peter Patzak (mit Agnieszka Wagner, Nicholas Clay, James McCaffrey u.a.).

Wenn Sie sich für China in der Literatur interessieren, dürften für Sie auch die Bücher von
Pearl S. Buck interessant sein. Eine Biografie von Vicki Baum finden Sie unten. "Hotel Shanghai" ist als Taschenbuch im Verlag Kiepenheuer & Witsch erhältlich (KiWi Band 993, 606 Seiten, 2007, ISBN 3-462-03900-8 , Preis 9,95 EUR).






Bilder Schanghai: © Markus Hein/Pixelio (http://www.pixelio.de)

Biografie Vicki Baum

24. Januar 1888 Geburt in Wien als Hedwig Baum, genannt Vicki, als Tochter des jüdischen Beamten Hermann Baum und dessen Frau Mathilde, geborene Donath
1904-1910 Musikstudium (Harfe) in Wien, Zusammenarbeit mit Wiener Konzertverein
1906-1910 Ehe mit Journalisten Max Prels (1878-1926)
1912-1916 Harfenistin in Darmstadt
ab 1914 schriftstellerische Tätigkeit
1916 Eheschließung mit Dirigenten Richard Lert (1885-1980, ab 1928 an Berliner Staatsoper, ab 1935 Leiter des Sinfonieorchesters von Pasadena), zieht mit ihm nach Kiel, Hannover und Mannheim; zwei Söhne
ab 1926 Verlagsangestellte und Zeitschriftenredakteurin in Berlin
1929 erster Roman Stud. chem. Helene Willfüer; Roman Menschen im Hotel (Theaterfassung 1930)
1931 Reise nach Amerika anlässlich Verfilmung des Romans "Menschen im Hotel" (Grand Hotel mit Greta Garbo)
1932 Übersiedlung der Familie nach Kalifornien 
1932-1946 Drehbuchautorin in Hollywood
ab 1935 Publikationen beim Amsterdamer Exilverlag Querido, mehrere Auslandsreisen; Vicki Baum entwickelt sich zu einer der ökonomisch erfolgreichsten Schriftstellerinnen
1937 Roman Liebe und Tod auf Bali
1938 amerikanische Staatsbürgerschaft, schreibt in Englisch
1939 Roman Hotel Shanghai (Originaltitel: Shanghai 37, deutsch auch Bomben auf Schanghai)
1941 halbautobiografischer Roman Marion
1959 deutsche Verfilmung von Menschen im Hotel (mit Heinz Rühmann, Regie: Gottfried Reinhardt)
29. August 1960 Tod in Los Angeles
1962 Autobiografie Es war alles ganz anders