Émile Zola: Germinal - Der historische Hintergrund

Zolas Roman "Germinal" erschien 1885 und spielt aber einige Jahre vorher in der Zeit des zweiten Kaiserreichs. Dennoch ist der Autor stark von den Einflüssen seiner Zeit geprägt worden.

Zola hat selbst in Bergwerken für seinen Roman recherchiert, und zwar im Februar 1884 in den Zechen von Anzin in Nordfrankreich, wo gerade ein Streik ausgebrochen war. Das Leben der Industriearbeiter war ein Thema, das Zola ohnehin in seiner Romanserie "
Rougon-Macquart" aufnehmen wollte. Im Urlaub in der Bretagne im Sommer 1883 traf Zola den Abgeordneten der Bergarbeiterstadt Valenciennes, Alfred Giard, Mitglied der Parti Républicain Radical und Zoologe an der Universität Lille, der die Aufmerksamkeit des Schriftstellers auf den Bergbau lenkte. Zola ließ sich als Sekretär Giards ausgeben und hatte so Gelegenheit, mit den Bergleuten zu sprechen und unter Tage einzufahren1).

Zweites Kaiserreich: Hierunter versteht man die Zeit in Frankreich zwischen 1852 und 1870. Der Neffe von Napoléon Bonaparte, Charles-Louis Bonaparte, gewann 1848 die Präsidentschaftswahlen. Drei Jahre später verlieh er sich diktatorische Befugnisse und ließ sich am 2. Dezember 1852 als Napoléon III. zum Kaiser krönen. Während des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 geriet der Kaiser in Kriegsgefangenschaft, am 4. September 1870 wurde in Paris die Republik ausgerufen.

Die Mitte des 19. Jahrhunderts war geprägt von der zunehmenden Industrialisierung und der Herausbildung von lohnabhängiger Arbeit. Zur Verbesserung der Lage der Arbeiter bildeten sich verschiedene politische Konzepte, von denen der Marxismus wohl das bekannteste ist. In "Germinal" liest man von der "Internationalen Arbeiterassoziation", zu der Pluchart und Étienne in Kontakt stehen und zu der die Arbeiter der Kohlemine beitreten sollen.

Die Erste Internationale oder Internationale Arbeiterorganisation existierte zwischen 1864 und 1876 mit Hauptsitz in London. Sie vereinigte mehrere Arbeiterorganisationen unterschiedlicher sozialistischer Prägung, litt aber unter den Auseinandersetzungen zwischen den unterschiedlichen Kräften, insbesondere zwischen Karl Marx und Michail Bakunin.

Karl Marx: Der Herausgeber des kommunistischen Manifestes von 1847/1847 (zusammen mit Friedrich Engels) forderte die Vergesellschaftung der Produktionsmittel und zweitweilige Diktatur des Proletariats nach einem rücksichtslosen Klassenkampf. Hierzu sollten die noch zu gründenden Arbeiterparteien in den Einzelstaaten straff organisiert sein und von der Internationalen geführt werden.

Michail Bakunin: Der von 1814 bis 1876 lebende Russe gilt als Begründer des Anarchismus, seine Ideen finden sich in "Germinal" in der Person Sawarins. 1872 wurde der Anarchist aus der Internationalen Arbeiterorganisation ausgeschlossen, die sich selbst 1876 auflöste. Im Gegensatz zu Marx will der Anarchismus nicht den Staatsapparat übernehmen, sondern auflösen, weil jede Macht korrumpiere und jeder Staat zu Sklaverei führe.

Pierre-Joseph Proudhon: Ebenfalls dem Anarchismus zugehörend gilt der französische Denker Proudhon (1809-1865). Bekannt ist sein Ausspruch "Eigentum ist Diebstahl". Anarchie wird definiert als "Abwesenheit jedes Herrschers". Auf Gerechtigkeit und Gegenseitigkeit beruhende freiwillige Gruppen und Verbände würden die Zwangsmittel staatlicher Organisation überflüssig machen. Im Jahr 1846 erschien "Système contradictions économiques ou la philosophie de la misère".

Pariser Kommune: 1871 gibt es in Frankreich das erste mal so etwas wie eine sozialistische Herrschaft: die Pariser Kommune. Die nach der französischen Niederlage im Krieg 1870/71 und der Abdankung Napoléons III. gebildete republikanische Regierung versucht von Versailles aus Paris zu besetzen, was einen Aufstand hervorruft. Bei kurz danach ausgerufenen Wahlen zum Gemeinderat siegen linke Parteien. In der Woche vom 21. bis zum 28. Mai 1871 besetzen loyale Truppen die Metropole und beenden den Aufstand blutig.

Gewerkschaften
: Das 19. Jahrhundert war auch die Zeit der Gründung von Interessenorganisationen der Arbeitnehmer. In Deutschland bildeten sich erste Zusammenschlüsse der Zigarrenarbeiter nach der Revolution 1848, die erste Gewerkschaft war der "Allgemeine Deutsche Cigarrenarbeiter-Verein" von 1865. Die Gewerbeordnung für den Norddeutschen Bund von 1869 gewährte den Arbeitnehmern Koalitionsfreiheit, ab 1871 galt dieses Gesetz in ganz Deutschland. Die Gewerkschaften waren anfänglich an den verschiedenen Berufsständen und politischen Parteien orientiert. Der heutige Deutsche Gewerkschaftsbund, in dem die Gewerkschaften der verschiedenen Wirtschaftsbranchen Mitglied sind, versteht sich als Einheitsgewerkschaft, andere Gewerkschaften haben daneben nur eine unbedeutende Rolle. Die Weimarer Zeit wies drei Blöcke von Gewerkschaften auf (den sozialistischen ADGB, den christdemokratischen DGB [nicht zu verwechseln mit dem heutigen DGB] und die sozial-liberalen Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften). In Frankreich gibt es heute fünf Gewerkschaften: die Confédération générale du travail (CGT, 1895 gegründet, Vorgängerorganisationen 1886 und 1887), Force ouvrière (FO), Confédération Française Démocratique du Travail (CFDT), Confédération française des travailleurs chrétiens (CFTC) und die Confédération française de l'encadrement - Confédération générale des cadres (CFE-CGC). In unserem westlichen Nachbarland wurde das Streikrecht erstmals 1864 mit dem loi Ollivier anerkannt, die gewerkschaftliche Betätigung blieb aber bis 1884 (
loi Waldeck-Rousseau) verboten. Heute gewährleisten die Verfassungen beider Länder die Freiheit, zur Förderung der Arbeitsbedingungen Vereinigungen zu bilden (Artikel 9 Absatz 3 Grundgesetz), entsprechende Regelungen enthält auch die Europäische Sozialcharta.




Bild oben: Napoléon III. 1852 auf einem Gemälde von Winterhalter



Karl Marx (1818-83) 1875



Bild oben: der russische Anarchist Michail Bakunin (1814-76), Bild unten: Pierre-Joseph Proudhon (1809-65)



Christliche Soziallehre: Auch die christlichen Konfessionen suchten nach Antworten auf die durch die Industrialisierung aufgeworfene soziale Frage des 19. Jahrhunderts. Zu erwähnen sind hier die Enzyklika "Rerum novarum" von Papst Leo XIII. (1891). In Zolas Germinal wird ein Pfarrer geschildert, der den Nöten der Arbeiter ziemlich gleichgültig gegenübersteht. Erst der neu entsandte Pfarrer Abbé Ranvier hat Verständnis für das Aufbegehren der Bergleute und ruft nach den tödlichen Schüssen den Zorn Gottes auf die schießenden Soldaten herab. Doch später sichert ein Bischof der Bergwerksgesellschaft die Versetzung des Geistlichen zu.

Die ersten sozialistischen Theoretiker in Frankreich vor dem Wirken von Marx waren Saint-Simon (1760-1825), Fourier (1772-1837), Cabet (1788-1856) und Leroux (1797-1871).

Arbeiterparteien
: Das 19. Jahrhundert war auch die Epoche der Gründung von politischen Parteien, deren Hauptanliegen die Verbesserung der Lage der arbeitenden Bevölkerung war. In Deutschland gründeten 1863 Ferdinand Lassalle den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein und 1869 Wilhelm Liebknecht und August Bebel die mehr marxistisch orientierte Sozialdemokratische Arbeiterpartei. Beide Parteien fusionierten 1875 zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands. Während der von Bismarck initiierten Sozialistengesetze
1878-1890 wurde die Arbeit dieser Partei und ihr nahestehender Gewerkschaften deutlich erschwert, doch konnten diese Maßnahmen die Zustimmung der Wählerschaft zu dieser Partei nicht verhindern, die 1890 wählerstärkste Partei wurde. Im gleichen Jahr wurde sie als Sozialdemokratische Partei Deutschlands neu gegründet, 1912 wurde sie auch - was die Zahl der Abgeordneten betraf - stärkste Partei im Reichstag.



In Frankreich waren die sozialistischen Gruppierungen anfänglich noch stärker zerstritten als in Deutschland, erst 1905 kommt es auf Druck der Sozialistischen Internationale (Zweite Internationale) zur Gründung der Section française de l'internationale ouvrière (SFIO), 1969 gründet sich die Parti Socialiste. Daneben gibt es in Frankreich noch den Radikalsozialismus, der politisch aber rechts von der Sozialistischen Partei steht. Die Parti Radical wurde 1901 gegründet, von dieser spaltete sich 1971 die Parti radical de gauche ab, die ursprüngliche Partei hat sich der gaullistischen UMP angeschlossen.

Die Zweite Internationale wurde 1889 gegründet als Zusammenschluss sozialistischer und sozialdemokratischer Parteien, sie zerbrach 1914 nach Ausbruch des ersten Weltkrieges, als viele Parteien auf einen nationalistischen Kurs umschwenkten und ihre kriegführenden Regierungen unterstützten. Gegen Ende des Krieges und unter dem Eindruck der Revolution in Russland spalteten sich linke Kräfte ab und gründeten USPD, Spartakusbund und 1919 die Kommunistische Partei Deutschlands. In Frankreich kommt es 1920 zur Gründung der Parti Communiste. Lenin sammelte die kommunistischen Parteien in der Dritten Internationalen (Komintern) und ordnete sie unter der Vorherrschaft der KPdSU; Stalin ließ die Komintern 1943 auflösen.


In Russland wurde 1898 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei gegründet. Auch hier gab es Spannungen zwischen einem mehr auf revolutionären Umsturz und einem mehr auf Reformen ausgerichteten Flügel. Radikalere Kräfte unter Lenin gewannen 1903 die Mehrheit (und wurden deshalb Bolschewiki genannt, von daher der Begriff "Bolschewismus"). Die russische sozialdemokratische Partei nannte sich 1918 in Kommunistische Partei Russlands um (ab 1925 KP der Sowjetunion).



1) F. W. Hemmings, Emile Zola, Biographie, aus dem Englischen von Dieter Flamm, Blanvalet Verlag 1979, S. 180 ff.


Hinweis für Besucher, die Javascript deaktiviert haben: Diese Seite ist Teil eines Framesets. Klicken Sie hier, um das Frameset zu laden.