Zweites Kaiserreich:
Hierunter versteht man die Zeit in Frankreich zwischen 1852 und 1870.
Der Neffe von Napoléon Bonaparte, Charles-Louis
Bonaparte, gewann 1848 die Präsidentschaftswahlen. Drei Jahre
später
verlieh er sich diktatorische Befugnisse und ließ sich am 2.
Dezember
1852 als Napoléon III. zum Kaiser krönen.
Während des
Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 geriet der Kaiser in
Kriegsgefangenschaft, am 4. September 1870 wurde in Paris die Republik
ausgerufen.
Die Mitte des 19. Jahrhunderts war geprägt von der
zunehmenden Industrialisierung und der Herausbildung von
lohnabhängiger
Arbeit. Zur Verbesserung der Lage der Arbeiter bildeten sich
verschiedene politische Konzepte, von denen der Marxismus wohl das
bekannteste ist. In "Germinal" liest man von der "Internationalen
Arbeiterassoziation", zu der Pluchart und Étienne in Kontakt
stehen und
zu der die Arbeiter der Kohlemine beitreten sollen.
Die Erste
Internationale oder Internationale Arbeiterorganisation existierte
zwischen 1864 und 1876 mit Hauptsitz in London. Sie vereinigte mehrere
Arbeiterorganisationen unterschiedlicher sozialistischer
Prägung, litt
aber unter den Auseinandersetzungen zwischen den unterschiedlichen
Kräften, insbesondere zwischen Karl Marx und Michail Bakunin.
Karl
Marx: Der Herausgeber des kommunistischen Manifestes von
1847/1847
(zusammen mit Friedrich Engels) forderte die Vergesellschaftung der
Produktionsmittel und zweitweilige Diktatur des Proletariats nach einem
rücksichtslosen Klassenkampf. Hierzu sollten die noch zu
gründenden
Arbeiterparteien in den Einzelstaaten straff organisiert sein und von
der Internationalen geführt werden.
Michail Bakunin:
Der
von
1814 bis 1876 lebende Russe gilt als Begründer des
Anarchismus,
seine
Ideen finden sich in "Germinal" in der Person Sawarins. 1872 wurde der
Anarchist aus der Internationalen Arbeiterorganisation ausgeschlossen,
die sich selbst 1876 auflöste. Im Gegensatz zu Marx will der
Anarchismus nicht den Staatsapparat übernehmen, sondern
auflösen, weil jede Macht korrumpiere und jeder Staat zu
Sklaverei
führe.
Pierre-Joseph
Proudhon:
Ebenfalls dem Anarchismus zugehörend gilt der
französische
Denker Proudhon (1809-1865). Bekannt ist sein Ausspruch "Eigentum ist
Diebstahl". Anarchie wird definiert als "Abwesenheit jedes Herrschers".
Auf Gerechtigkeit und Gegenseitigkeit beruhende freiwillige Gruppen und
Verbände würden die Zwangsmittel staatlicher
Organisation
überflüssig machen. Im Jahr 1846 erschien
"Système
contradictions économiques ou la philosophie de la
misère".
Pariser
Kommune:
1871 gibt es in Frankreich das erste mal so etwas wie eine
sozialistische Herrschaft: die Pariser Kommune. Die nach der
französischen Niederlage im Krieg 1870/71 und der Abdankung
Napoléons III. gebildete republikanische Regierung versucht
von Versailles aus Paris zu besetzen, was einen Aufstand hervorruft.
Bei kurz danach ausgerufenen Wahlen zum Gemeinderat siegen linke
Parteien. In der Woche vom 21. bis zum 28. Mai 1871 besetzen loyale
Truppen die Metropole und beenden den Aufstand blutig.
Gewerkschaften:
Das 19. Jahrhundert war auch die Zeit der Gründung von
Interessenorganisationen der Arbeitnehmer. In Deutschland bildeten sich
erste Zusammenschlüsse der Zigarrenarbeiter nach der
Revolution
1848, die erste Gewerkschaft war der "Allgemeine Deutsche
Cigarrenarbeiter-Verein" von 1865. Die Gewerbeordnung für den
Norddeutschen Bund von 1869 gewährte den Arbeitnehmern
Koalitionsfreiheit, ab 1871 galt dieses Gesetz in ganz Deutschland. Die
Gewerkschaften waren anfänglich an den verschiedenen
Berufsständen und politischen Parteien orientiert. Der heutige
Deutsche Gewerkschaftsbund, in dem die Gewerkschaften der verschiedenen
Wirtschaftsbranchen Mitglied sind, versteht sich als
Einheitsgewerkschaft, andere Gewerkschaften haben daneben nur eine
unbedeutende Rolle. Die Weimarer Zeit wies drei Blöcke von
Gewerkschaften auf (den sozialistischen ADGB, den christdemokratischen
DGB [nicht zu verwechseln mit dem heutigen DGB] und die
sozial-liberalen Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften). In Frankreich
gibt es heute fünf
Gewerkschaften: die Confédération
générale du travail (CGT, 1895
gegründet,
Vorgängerorganisationen 1886 und 1887), Force
ouvrière
(FO), Confédération Française
Démocratique du Travail
(CFDT), Confédération
française des travailleurs chrétiens (CFTC) und
die Confédération française
de l'encadrement
- Confédération générale
des cadres
(CFE-CGC). In unserem westlichen Nachbarland wurde das Streikrecht
erstmals 1864 mit dem loi Ollivier anerkannt, die gewerkschaftliche
Betätigung blieb aber bis 1884 (loi
Waldeck-Rousseau) verboten. Heute gewährleisten die
Verfassungen
beider Länder die Freiheit, zur Förderung der
Arbeitsbedingungen Vereinigungen zu bilden (Artikel 9 Absatz 3
Grundgesetz), entsprechende Regelungen enthält auch die
Europäische Sozialcharta.
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Bild oben: Napoléon
III. 1852 auf einem Gemälde von Winterhalter

Karl Marx
(1818-83) 1875

Bild oben: der russische
Anarchist Michail Bakunin (1814-76), Bild unten: Pierre-Joseph Proudhon
(1809-65)

Christliche Soziallehre:
Auch die christlichen Konfessionen suchten nach Antworten auf die durch
die Industrialisierung aufgeworfene soziale Frage des 19. Jahrhunderts.
Zu erwähnen sind hier die Enzyklika "Rerum
novarum" von Papst Leo XIII. (1891). In Zolas Germinal wird ein
Pfarrer
geschildert, der den Nöten der Arbeiter ziemlich
gleichgültig
gegenübersteht. Erst der neu entsandte Pfarrer Abbé
Ranvier
hat
Verständnis für das Aufbegehren der Bergleute und
ruft nach
den
tödlichen Schüssen den Zorn Gottes auf die
schießenden
Soldaten herab.
Doch später sichert ein Bischof der Bergwerksgesellschaft die
Versetzung des Geistlichen zu.
Die ersten sozialistischen Theoretiker in Frankreich vor dem Wirken von
Marx waren Saint-Simon (1760-1825), Fourier (1772-1837), Cabet
(1788-1856) und Leroux (1797-1871).
Arbeiterparteien:
Das 19.
Jahrhundert war auch die Epoche der Gründung von politischen
Parteien, deren Hauptanliegen die Verbesserung der Lage der arbeitenden
Bevölkerung war. In Deutschland gründeten 1863
Ferdinand
Lassalle den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein und 1869 Wilhelm
Liebknecht und August Bebel die mehr marxistisch orientierte
Sozialdemokratische Arbeiterpartei. Beide Parteien fusionierten 1875
zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands. Während der
von
Bismarck initiierten Sozialistengesetze 1878-1890
wurde die Arbeit dieser Partei und ihr nahestehender Gewerkschaften
deutlich erschwert, doch konnten diese Maßnahmen die
Zustimmung
der Wählerschaft zu dieser Partei nicht verhindern, die 1890
wählerstärkste Partei wurde. Im gleichen Jahr wurde
sie als
Sozialdemokratische Partei Deutschlands neu gegründet, 1912
wurde sie
auch - was die
Zahl der Abgeordneten betraf - stärkste Partei im Reichstag.
In
Frankreich waren die sozialistischen Gruppierungen anfänglich
noch
stärker zerstritten als in Deutschland, erst 1905 kommt es auf
Druck der Sozialistischen Internationale (Zweite Internationale) zur
Gründung der Section
française de l'internationale ouvrière (SFIO),
1969 gründet sich die Parti Socialiste. Daneben gibt es in
Frankreich noch den Radikalsozialismus, der politisch aber rechts von
der Sozialistischen Partei steht. Die Parti Radical wurde 1901
gegründet, von dieser spaltete sich 1971 die Parti radical de
gauche ab, die ursprüngliche Partei hat sich der
gaullistischen
UMP angeschlossen.
Die Zweite
Internationale wurde 1889 gegründet als Zusammenschluss
sozialistischer und sozialdemokratischer Parteien, sie zerbrach 1914
nach Ausbruch des ersten Weltkrieges, als viele Parteien auf einen
nationalistischen Kurs umschwenkten und ihre kriegführenden
Regierungen unterstützten. Gegen Ende des Krieges und unter
dem Eindruck der Revolution in Russland spalteten sich linke
Kräfte ab und gründeten USPD, Spartakusbund und 1919
die Kommunistische Partei Deutschlands. In Frankreich kommt es 1920 zur
Gründung der Parti Communiste. Lenin sammelte die
kommunistischen Parteien in der Dritten Internationalen (Komintern)
und ordnete sie unter der Vorherrschaft der KPdSU; Stalin
ließ die Komintern 1943 auflösen.
In Russland wurde 1898 die
Sozialdemokratische Arbeiterpartei
gegründet. Auch hier gab es Spannungen zwischen einem mehr auf
revolutionären Umsturz und einem mehr auf Reformen
ausgerichteten Flügel. Radikalere Kräfte unter Lenin
gewannen 1903 die Mehrheit (und wurden deshalb Bolschewiki genannt, von
daher der Begriff "Bolschewismus"). Die russische sozialdemokratische
Partei nannte sich 1918 in Kommunistische Partei Russlands um (ab 1925
KP der Sowjetunion).
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