Anzeigen

Gaunerkomödie aus dem Berliner Umland
Gerhart Hauptmann: Der Biberpelz
Der offene Ausgang behagt nicht jedem

Die Diebeskomödie "Der Biberpelz" entstand in den Jahren 1892 und 1893, die Uraufführung war am 21. September 1893, wiederum im  Deutschen Theater Berlin. Zentrale Person in dem Stück ist die Waschfrau Wolff (Wolffen), die die bescheidene Situation ihrer Familie im Berliner Umland durch Gelegenheitsdiebstähle zu verbessern sucht, jedoch unbelangt davon kommt, da der Repräsentant der preußischen Obrigkeit mehr darauf aus ist, politisch verdächtige Elemente zu beobachten als seine volle Kraft der Aufdeckung tatsächlich begangener Straftaten zu widmen. Bei der Premiere missfiel dem Publikum vor allem, dass die Diebstähle unaufgeklärt bleiben, es forderte die Bestrafung der Täterin, empörte sich aber kaum über das offensichtliche Versagen des Staatsdieners, der Gerechtigkeit zum Durchbruch zu verhelfen. Zunehmende Popularität erzielte dieses Schauspiel vor allem nach der Aufführung im Wiener Deutschen Volkstheater im April 1897.

Inhalt
1. Akt: Wir lernen die Familie Wolff kennen. Mutter Wolff (Wolffen) verdient als Wäscherin in anderen Haushalten noch etwas hinzu, ihr Mann ist Schiffszimmermann. Nebenbei finanziert sich die Familie auch durch kleine Gaunereien. Im Wald hat Julius Wolff Schlingen gelegt, es ist auch ein Rehbock dort hineingeraten, der nun von seiner Frau ausgenommen wird. Mit dem herbeigekommenen Schiffer Wulkow verhandelt sie über den Verkauf des Rehs. Dabei erwähnt er, dass er schon seit längerem gerne einen Pelzmantel kaufen wolle. Die jüngere Tochter Adelheid (13) der Wolffs erzählt, dass die Frau Krüger einen Biberpelz für 500 Mark gekauft habe. Wulkow will dafür nur 60 bis 70 Mark ausgeben. Die ältere Tochter Leontine hatte bei den Krügers gearbeitet und sollte Holz wegräumen, riss dann aber in den elterlichen Haushalt aus, da sie sich von ihrem Arbeitgeber schikaniert fühlte. Wolffen nutzt die Gelegenheit des nun offen herumstehenden Holzes, um es zu entwenden.

2. Akt: Amtsvorsteher Wehrhahn erkundigt sich in seinem Amtszimmer nach Dr. Fleischer, der unglaubliche Reden gehalten haben soll. Man kommt dann auf den nächtlichen Einbruch in die Villa Krüger zu sprechen, wo Knüppelholz gestohlen wurde. Der Journalist Motes, der für Forst- und Jagdzeitungen schreibt, berichtet, dass bei den Krügers Demokraten verkehren. Früher hatte Motes bei Krüger gearbeitet, wurde aber von ihm entlassen. Schließlich erscheint auch Krüger selbst, um den Diebstahl anzuzeigen: Das Holz lag vor der Kate auf dem Grundstück und das Dienstmädchen hätte es am Abend wegräumen sollen, aber das Mädchen war weggelaufen. Deshalb solle die Wolff Schadensersatz leisten. Frau Wolff, die zum Waschen bei den Wehrhans erscheint, lässt wissen, sie sei zur Tatzeit nach Treptow gewesen, um Gänse zu kaufen. Wehrhan wimmelt Krüger ab und erbittet zunächst von ihm eine schriftliche Anzeige.

Bild oben: Biberfell

3. Akt: Frau Wolff zählt das Geld, das sie von Wulkow für den Biberpelz erhalten hat und bittet ihren Mann, es im Ziegenstall zu verstecken. Adelheid schleppt Holz hinein, es ist das erbeutete Knüppelholz, von dessen Herkunft Adelheid auch weiß. Doch ihre Mutter streitet jede Beteiligung am Diebstahl ab. Dr. Fleischer kommt vorbei, erzählt, dass man Krügers Biberpelz entwendet hat, (der Holzdiebstahl war vor acht Tagen) und bestellt Wolffen für den nächsten Tag zum Waschen ein. Krüger kommt, er will sich mit den Wolffens versöhnen und Leontine gerne behalten, bietet zehn Mark mehr Lohn und ist über Wehrhahn verärgert.

Anzeigen

4. Akt: Im Amtszimmer Wehrhahns. Wulkow, der mit einem Pelz gesehen worden ist, erscheint, um ein Kind anzumelden. Dr. Fleischer will eine Anzeige erstatten. Er hatte am Tag zuvor bei einer Schleuse einen Spreekahn gesehen, der wegen Eises festgehalten wurde und wo an Bord ein Schiffer einen Pelz vom Biber trug. Wehrhahn entgegnet, dass habe nichts zu bedeuten, schließlich habe er selbst einen Pelz. Adelheid gibt an, auf dem Weg zum Bahnhof eine grüne Weste vom Herrn Krüger gefunden zu haben, was Wehrhahn mit den Worten kommentiert, Frau Wolff sei eine ehrliche Frau, während der Dr. Fleischer mit seinen staatszersetzenden Ansichten lebensgefährlich sei. Wolffen ist es gelungen, jeden Verdacht von sich abzuwehren, die Diebstähle bleiben unaufgeklärt.


Bild oben: Blick auf den Langen See im Südosten von Berlin

Stil, Interpretation
"Der Biberpelz" ist vor allem eine Satire auf den preußischen Obrigkeitsstaat, der vor allem darauf bedacht ist, neue politische Strömungen, insbesondere die Sozialdemokratie und den progressiven Liberalismus, zurückzudrängen. Der Untertanengeist war weit verbreitet, Kritik am Kaiser, Bismarck und der Obrigkeit waren nicht erwünscht. Vielleicht karikiert Hauptmann die staatliche Autorität nach der Enttäuschung über die zunächst verbotene Aufführung der "Weber".

Im Gegensatz zu anderen Hauptpersonen naturalistischer Dramen hat Mutter Wolffen eine gewisse Raffinesse und Zielstrebigkeit entwickelt, um das zu erreichen, was sie haben will. Kennzeichnend für sie ist aber die Milieuzugehörigkeit, nach außen wiederum besonders stark ausgedrückt durch die Verwendung der Alltagssprache und des Dialekts, wobei neben dem Berlinerischen auch schlesische Elemente bei der zugewanderten Wolffen Verwendung finden.

Zeit der Handlung: In der Einleitung zu diesem Schauspiel bestimmt Hauptmann selbst den Zeitpunkt der Handlung, nämlich den Septennatskampf gegen Ende der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Unter "Septennat" ist die auf Druck des Militärs zustande gekommene Bewilligung der Militärausgaben durch das Parlament, den Reichstag, für sieben Jahre zu verstehen. Fortschrittliche Kreise im Parlament forderten dagegen die alljährliche Bewilligung als Ausfluss des Budgetsrechts der Volksvertretung. 1880 wurde der Militärhaushalt zum zweiten mal für sieben Jahre bewilligt, 1887 ein drittes mal, ab 1893 erfolgten die Bewilligungen in fünfjährigen Intervallen.
Im "Biberpelz" finden sich Eindrücke Hauptmann während seines Aufenthalt in Erkner in der Nähe von Berlin in der Zeit von 1885 bis 1889 wieder, alle Gestalten dieses Schauspiels hat der Autor - so anlässlich der Verfilmung 1937 - in Erkner kennen gelernt. Hauptmann selbst wird wiedergespiegelt in der Person des Dr. Fleischer.

Anzeigen

Eine Fortsetzung von "Der Biberpelz" stellt das 1901 entstandene Schauspiel "Der rote Hahn" dar. Die inzwischen verwitwete Mutter Wolffen stiftet ihren neuen Mann zum Versicherungsbetrug an, stirbt aber, bevor sie die Früchte ihres verbrecherischen Handelns genießen kann, womit dem Gerechtigkeitsbedürfnis vieler enttäuschter Zuseher vom "Biberpelz" genüge getan wird.

Film: "Der Biberpelz" wurde mehrmals verfilmt: 1928 als Stummfilm unter der Regie von Erich Schönfelder, 1937 unter der Regie von Jürgen von Alten, 1949 von Erich Engel und 1962 für das Fernsehen von John Olden mit seiner Gattin Inge Meysel in der Hauptrolle.

Im Buchhandel gibt es den "Biberpelz" in einer Taschenbuchausgabe im Ullstein-Verlag, 1994, ISBN 3-548-23426-7, 4,95 EUR sowie im Klett-Verlag, mit Materialien herausgegeben von Marcus Schlüter, 112 Seiten, 1999, ISBN 3-12-261860-5, 5 EUR sowie in den Hamburger Lesefrüchten Nr. 186, Neuauflage 63 Seiten, 2006, ISBN 3-87291-185-6, 1,30 EUR.

Bild Biberfell: Public Domain/gemeinfrei, Bild Langer See: © Andreas Steinhoff