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Naturalistisches Psycho-Drama
Gerhart Hauptmann: Fuhrmann Henschel

Wiederum in Schlesien spielt Gerhart Hauptmanns Schauspiel "Fuhrmann Henschel", genauer gesagt in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts im Gasthof "Zum grauen Schwan" in einem schlesischen Badeort. Das Stück entstand 1897/1898 zunächst in schlesischer Mundart, die Uraufführung war am 5. November 1898 im Deutschen Theater Berlin. Thema ist weniger die materielle Not als der seelische Schmerz, den der Titelheld erleidet, weil er seiner todkranken Frau versprochen hatte, keine Beziehung zu der Magd Hanne zu haben und sie nicht nach dem Tod der Ehefrau zu heiraten, dieses dann doch nach dem Tod seiner ersten Frau tut und später erleben muss, dass die zweite Frau eine Beziehung zu einem Kellner hat. Keinen anderen Ausweg findend, nimmt sich Fuhrmann Henschel das Leben.

Inhalt
1. Akt: Fuhrmann Wilhelm Henschel lebt mit seiner todkranken Frau (35 Jahre alt) und der ebenfalls schwächelnden Tochter Gustel im Gasthof "Zum grauen Schwan". Der Tierarzt Grunert kommt wegen eines kranken Wallachs. Henschel fühlt sich vom Verkäufer, seinem Schwager, betrogen, da das Tier jetzt lahmt. Siebenhaar, der Eigentümer des Grundstücks, erscheint und will etwas besprechen, später bringt er eine Flasche Rotwein mit. Er fragt Frau Henschel, ob sie ihn erkenne, da sie ihn zunächst für ihren Mann hält. Sie fragt, was nach ihrem Tod aus ihrer Tochter Gustel werden soll ("Unter die Erde wollen sie mich haben. Wenn ich sterbe, stirbt Gustel mit"). Henschel streitet eine Beziehung zur Magd Hanne ab. Später sagt er scherzhaft, er werde Hanne heiraten.

2. Akt: Frau Henschel ist verstorben. Hanne will jetzt nichts mehr von ihrem früheren Freund Franz wissen. Sie tritt dem Gerede der Leute entgegen, dass das sich bei ihrem Vater aufhaltende Mädchen ihre Tochter sei. Dieses sei vielmehr, so Hanne, die Tochter ihrer Schwester. Hannes Bruder würde sie jetzt benötigen. Henschel macht einen niedergeschlagenen Eindruck, Siebenhaar rät ihm dazu, sich mehr unter die Leute zu mischen. Seine erste Frau wäre an diesem Tag 36 Jahre alt geworden. Er berichtet, dass seine Geschäfte schlechter gingen und es würde vielleicht noch schlechter, wenn eine Eisenbahnstrecke gebaut würde.



3. Akt: Hanne ist jetzt die neue Frau Henschel. Kurze Zeit nach dem Tod der ersten Frau Henschel war auch die Tochter Gustel gestorben. Henschel ist mit einem Transport unterwegs. In seiner Abwesenheit traf sich Hanne mit dem Kellner George, der sich entschuldigt, weil er am Tag zuvor nicht zu Hanne kommen konnte, doch nun weist Hanne die Umarmungen von George zurück. Unerwartet früher kehrt Henschel zurück, da er wegen Glatteis nicht so weit fahren konnte und die weitere Beförderung der Eisenbahn überlassen musste. Henschel bringt Hannes Tochter namens Bertha mit. Hanne wiederholt, dass das Mädchen nicht ihre Tochter sei.

4. Akt: In der Gaststube kommt man auf den noch abwesenden Henschel zu sprechen. Man munkelt, er wolle jetzt die Gaststätte übernehmen. Henschels früherer Angestellter Hauffe bemerkt, dass es beim Tod der ersten Frau Henschel nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Walther, der Bruder der Verstorbenen, verstärkt diesen Verdacht mit dem Hinweis, dass seine Schwester gesund gewesen sei. Henschel erscheint mit Bertha, die inzwischen einen ordentlichen Eindruck macht. Es kommt zum Streit zwischen Hauffe und Henschel, der seinen früheren Angestellten aus dem Lokal wirft. Einige Gäste wollen deshalb gehen. Von Walther erfährt Henschel von dem Verhältnis seiner neuen Frau mit George. Wutentbrannt sagt Henschel, dass er alle totschlagen werde. Er hält Walther fest und will, dass Hanne sofort kommt. Die neue Ehefrau erscheint und weist die erhobenen Vorwürfe zurück, dies seien alles Lügen.


Bild oben: Ansicht des schlesischen Kurortes Bad Warmbrunn um 1900 (polnisch Cieplice Śląskie-Zdrój, heute ein Stadtteil der polnischen Stadt Hirschberg [Jelenia Góra] am Fuß des Riesengebirges)


Bild oben: Édouard Manet (1832-83) «Le Suicidé» (dt.: "Selbstmörder", 1877-81, Sammlung E. G. Bührle Zürich)
5. Akt: Nachts kann Henschel nicht schlafen, er steht auf und fragt nach der verstorbenen Tochter. Siebenhaar und der Gastwirt Wermelskirch erscheinen und müssen von Henschel hören, dass er düstere Vorahnungen verspüre. So habe er einen Stock ungewollt zerbrochen, und kurze Zeit später habe er - Henschel - leider einen Hund überfahren. Bevor seine Frau starb, seien drei Pferde gefallen. Henschel meint, dass man ihm eine Schlinge gelegt habe. Er habe sein Versprechen gebrochen und er sieht in Halluzinationen seine verstorbene Frau. Siebenhaar empfiehlt, einen Arzt zu fragen. Wermelskirch schlägt vor, das Henschel zu ihm komme, um zusammen Karten zu spielen. Henschel will nicht mehr in die Schenkstube. Siebenhaar will ihm Mut machen und sagt, dass der Kellner George fort sei und nicht mehr seine Ehe bedrohe. Die beiden Besucher gehen dann. Zu seiner neuen Frau Hanne sagt Henschel, dass einer von den beiden Eheleuten weichen müsse. Siebenhaar kehrt zurück, Berthel ist aufgewacht. Hanne ruft nach Henschel, es kommt keine Antwort. Siebenhaar guckt in die Schlafkammer rund findet Henschel tot, der Selbstmord begangen hat.

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Interpretation
Wieder erleben wir in "Fuhrmann Henschel" einen leidenden Menschen. Fuhrmann Henschel wird vom Leben gezwungen, seine Lebenslust mit Rücksicht auf seine kranke und gebrechliche Frau einzuschränken, doch die Triebansprüche fordern ihren Tribut und so geht Henschel eine Beziehung zu der sozial schwächeren und moralisch eher verkommenen Hanne ein, die eine bürgerliche Existenz für sich vor allem als Mittel sieht, sozial aufzusteigen. Soziale Gegensätze treten in den Hintergrund, in materieller Hinsicht ist Henschels Existenz gesichert, er beschäftigt sogar einen Knecht.

Besonders deutlich zeigt sich hier Hauptmanns Weltbild, dass Menschen sowohl Leidende als auch Sünder sind. Von Schuldgefühlen geplagt, verharrt Henschel in Passivität.

Henschel kann diesen Konflikt nicht überwinden, sondern zerbricht daran und endet in einer psychischen Krankheit, die mit Halluzinationen und dem Erleben der Vordeutung künftiger Ereignisse ihre schlimmsten Formen angenommen hat. Der Titelheld räsoniert, dass ihm "eine Schlinge gelegt worden sei, und in diese Schlinge sei er hineingetreten."

Autobiografisches: Die Wahl einer Gaststätte als Handlungsort mag beeinflusst worden sein von der von Hauptmanns Eltern betriebenen Gaststätte. Außerdem befand sich der Autor zur Zeit der Entstehung von "Fuhrmann Henschel" in einer Ehekrise, von seiner ersten Frau trennte er sich 1894, nachdem er eine Liebesbeziehung zu der ihm schon länger bekannten Margarete Marschalk begonnen hatte. Die erste Ehe konnte erst 1904 geschieden werden.

Film: Von "Fuhrmann Henschel" gibt es zwei Verfilmungen: einen Stummfilm von 1919 unter der Regie von Ernst Lubitsch und einen Farbfilm aus dem Jahr 1956 unter der Regie von Josef von Báky.

Bild Fuhrwerk: © RainerSturm / Pixelio (http://www.pixelio.de), Bild Warmbrunn und Manet: Public Domain/gemeinfrei.