Milieustudie aus dem Berlin der Kaiserzeit
Gerhart Hauptmann: Die Ratten
Als Berliner Tragikomödie bezeichnete Gerhart Hauptmann sein 1909 bis 1910 entstandenes und am 13. Januar 1911 im Lessingtheater Berlin uraufgeführtes Stück "Die Ratten".
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Literaturkritiker zählen es zu den bedeutendsten Werken der modernen Großstadtliteratur. Die Handlung spielt in einem Berliner Mietshaus, das aus einer ehemaligen Kaserne errichtet wurde. Frau John gibt ein Kind eines Dienstmädchens als ihr eigenes aus, schiebt dem Dienstmädchen, als dieses ihr leibliches Kind zurückfordert, ein kränkliches Nachbarkind unter. Doch als Frau Johns Bruder das Dienstmädchen tötet und der Verdacht entstehen könnte, Frau John hätte den Täter hierzu beauftragt, kann sie es nicht mehr aushalten und stürzt sich in den Tod. Neben diesem Haupt-Handlungsstrang um Persönlichkeiten aus dem Proletariat gibt es einen bürgerlichen Nebenstrang um den ehemaligen Theaterdirektor Hassenreuter, der auf dem Dachboden des Hauses seinen Fundus untergebracht hat und dort Schauspielunterricht erteilt. Die Akte 1 und 3 spielen auf dem Dachboden, die anderen in der Wohnung der Johns.

Inhalt
1. Akt: Das einzige Kind Adelbert der Frau John, deren Mann Paul als Maurerpolier außerhalb in Altona arbeitet, ist vor drei Jahren nach achttägigem Leben gestorben. Gerne hätte sie wieder ein Kind. In einem Gespräch mit dem polnischen Dienstmädchen Pauline Piperskarcka schlägt sie vor, deren gerade unehelich geborenes Kind als Kind der Frau John auszugeben. Der Vater hatte Pauline verlassen, die deshalb voller Rache und Eifersucht ist. Frau John bietet der Pauline erspartes Geld an, die will es aber nicht, sie würde eher das Kind erwürgen als Geld annehmen. Auf dem Dachboden des Hauses hat der ehemalige Theaterdirektor Hassenreuter (50 Jahre) seinen Fundus, Frau John macht dort sauber. Hassenreuter erscheint mit dem Schauspieler Nathanel Jettel, der etwas aus dem Fundus bekommen soll, ist aber verärgert, weil er warten musste, sie hatten sich für früher verabredet. Anschließend trifft sich Hassenreuter mit seiner Geliebten Alice Rütterbusch auf dem Dachboden. Sie muss sich dann aber in der Bibliothek verstecken, als Spitta erscheint. Der Theologiestudent Erich Spitta ist Privatlehrer für Hassenreuters Tochter Walburga, mit der sich Spitta inzwischen angefreundet hat. Spitta will jetzt aber Schauspieler werden und beim Vater seiner Freundin Stunden nehmen, doch dieser hält ihn hierfür nicht geeignet.


Bild oben: Das ehemalige Lessingtheater in Berlin um 1900, wo "Die Ratten" 1913 uraufgeführt wurden. Heute gibt es das Theater nicht mehr, es wurde 1888 am heutigen Kapelle-Ufer an der Spree (im früheren Ostteil) eingeweiht und nach der Zerstörung 1945 nicht weiter betrieben.

2. Akt: Der Verschiebung von Paulines Kind ist gelungen. Frau Johns Ehemann ist erfreut über den Familiennachwuchs, aber er muss noch einmal zum Standesamt zurück, weil er bei der Anmeldung des Kindes nicht in der Lage war, das genaue Geburtsdatum anzugeben. Auch bei der Nachbarfamilie Knobbe hat es Nachwuchs gegeben, doch als die Selma Knobbe, die Tochter der Nachbarin, mit dem kränklichen Kind ihrer Mutter in Johns Wohnung kommt, ist ihm dies zuviel und er weist sie hinaus. Als Geschenk für die Johns bringt Hassenreuter einen Soxhlet-Milchkochapparat. Frau John will das Kind nach ihrem zwölf Jahre jüngeren Bruder Bruno Mechelke (etwa 19 Jahre alt) auch Bruno nennen, doch Vater John ist dagegen, weil er Bruno einmal eine Arbeit besorgt hatte, die dieser
nicht durchhielt. Seine Schwester umschreibt ihn damit, dass er manchmal auf leichte Wege gehe. Hassenreuters Schüler, darunter auch Spitta, kommen zum Schauspielunterricht. Dieser hatte auf der Straße Frau Knobbe geholfen, die auf der Straße verunglückt war. Frau Knobbe genießt keinen guten Ruf, man sagt, dass sie viele Männerbekanntschaften habe, sich nicht um ihre Kinder kümmere, die Mädchen mit zwölf Jahren auf die Straße schicke und Rauschgift nehme.
Pauline erscheint, erkundigt sich nach ihrem Kind und will es sehen. Frau John zeigt sich hierüber verwundert, schließlich habe Pauline dass Kind erwürgen wollen. Auch sie war beim Standesamt und hat das Kind dort angemeldet, wobei sie angab, dass Kind bei der Frau John in Pflege gegeben zu haben. Morgen wolle deshalb ein Pfleger von der Gemeinde vorbeischauen. Frau John will
der leiblichen Mutter nicht das Kind zeigen, sondern vertröstet sie auf den nächsten Tag. Die Nachbarstochter Selma Knobbe erscheint.


Bild oben: Das salomonische Urteil von Gustave Doré (1833-1853). Zwei Frauen streiten sich um ein Kind, nachdem die eine Frau ihr Kind während des Schlafs ungewollt erdrückt hat und nun das der anderen für sich beansprucht. Salomon ordnet an, das Kind zu zerteilen und jeder Frau einen Teil zu geben. Daraufhin gibt die leibliche Mutter nach und verzichtet auf das Kind, um so dessen Leben zu retten. Salomon versteht dies als Ausdruck echter Mütterlichkeit und spricht der richtigen Mutter das Kind zu.
3. Akt: Hassenreuter gibt den drei Schülern auf dem Dachboden Unterricht. Frau John will Unannehmlichkeiten aus dem Weg gehen und teilt mit, sie werde für ein paar Tage zu Angehörigen ihres Mannes fahren. Pastor Spitta, der nicht will, dass sein Sohn Schauspieler wird, sucht Hassenreuter auf und hat ein Bild aus der Wohnung seines Sohnes dabei, auf dem Walburga zu erkennen ist. Hassenreuter gibt nicht zu erkennen, dass das Bild seine Tochter zeigt. Er verbietet ihr den Kontakt mit Spitta.
Wegen Paulines Kind erscheint Frau Kielbacke. Das Kind, dass Pauline dabei hat und als ihr eigenes ausgibt, ist aber das der Frau Knobbe. Hassenreuter weist darauf hin, dass das Kind der Frau John viel größer sei, das, was die Beteiligten jetzt sehen, wiege nicht mal zwei Kilogramm, Frau Johns Kind sei größer und gesünder. Pauline entgegnet lügnerisch, dass das Kind, um das sich Frau John kümmere, mit dem Kind identisch sei, was sie jetzt sehen. Nun kommt auch noch der Polizeibeamte Schierke und berichtet, dass man der Frau Knobbe das Kind gestohlen habe. Zwei Frauen seien in die Wohnung der Knobbe gegangen und hätten den Säugling geholt, so hätten Kinder es der Frau Knobbe erzählt. Pauline bleibt dabei, dass das Kind ihr Kind sei, während Frau Knobbe (zutreffend) 
es für sich beansprucht. Schließlich stirbt das schwächliche Kind während des Streits.

4. Akt: Der Hausmeister Quaquaro informiert Vater John vom Tod des Kindes der Frau Knobbe und den Begleitumständen. Weiter erfährt John, dass Bruno mit Pauline gesehen worden sei, jetzt sei sie verschwunden. Pauline habe gesagt, sie habe ihr Kind bei Frau John in Pflege gegeben; Selma sei mit Schwestern hiergewesen und habe das Kind fortgenommen. Derweil ist Spitta über seinen Vater verärgert, weil er ihn nicht mehr finanziell unterstützt, Spitta fragt deshalb John nach Geld, schließlich ist Walburga bereit, etwas zu geben. Dann kehrt Frau John mit dem Kind (Paulines) zurück, sie war aber nicht bei der Schwester ihres Mannes. John hat für das Kind einen Kinderklapper (Rassel). Bruno erscheint wieder, worüber Vater John in Rage gerät und einen Revolver hervorholt, er - John - hat gesagt, dass er Bruno erschießen werde, falls er noch einmal über die Schwelle seiner Wohnung trete. Frau John geht zu ihrem Mann, legt den Revolver nieder. John geht, er will mit einem Wachtmeister zurückkehren. Frau John fragt nach dem polnischen Mädchen. Bruno, der von einem Nasenbluten geplagt wird, will Geld haben. Frau John bemerkt Striemen an Brunos Handgelenk. Als Glocken läuten, macht Bruno die Bemerkung, dass Pauline heute morgen das noch hätte hören können. Bruno sagt, er sei zu gar nichts mehr zu zählen, aber wenn es gar nicht mehr anders gehe, dann würde man ihn brauchen. Pauline hätte ihm nach der Gurgel gegriffen und er habe daraufhin die junge Frau getötet.

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5. Akt: Vor der Mietskaserne kommt es zu Polizeikontrollen. Frau John schläft noch, redet wirres Zeug vom Kind und erwacht. Die Polizeikontrollen hätten - so Hassenreuter - sogar das Begräbnis des Kindes der Frau Knobbe behindert. Vater John sagt, dass die Polizeikontrollen wegen des von Bruno verübten Mordes an Pauline geschehen. Nunmehr behauptet Frau John, bei der Schwester ihres Gatten gewesen zu sein, was diese abstreitet. John will nicht bei seiner Frau bleiben, sondern mit Selma und dem Kind zu seiner Schwester. Selma sagt, sie habe das Kind vom polnischen Fräulein vom Oberboden geholt und in die Wohnung der Frau John gebracht. John fragt, wo das Kind von Pauline ist. Selma bringt es ans Tageslicht: dieses Kind ist bei ihnen im Verschlag, Frau John hat überhaupt kein Kind gehabt. Daraufhin wird Vater John wütend, er wirft Kinderwäsche aus einer Schublade und meint, seine Frau habe Bruno beauftragt, Pauline umzubringen. Frau John wirft ihrem Mann daraufhin vor, er sei von der Polizei gekauft worden und dass das Kind mit ihr unter die Erde kommen solle. Schließlich will Mutter John mit dem Kind flüchten, wird daran aber von Hassenreuter und Spitta gehindert, die das Kind festhalten können, während Frau John entweicht. Selma, der Polizist und John folgen ihr. Selma stürzt herein und meldet, dass Frau John sich vor eine Straßenbahn geworfen hat und getötet worden ist.


Bild oben: Der Potsdamer Platz in Berlin um 1900

Stil, Interpretation
Obwohl verblüffend ist, dass Frau John ihre angeblich bestehende Schwangerschaft lange geheim halten konnte und ihr Ehemann die Nachricht von der plötzlichen Geburt eines gemeinsamen Kindes glaubt, gehört "Die Ratten" zu den beliebtesten Schauspielen Gerhart Hauptmanns. Neben der Haupthandlung im proletarischen Milieu setzt Hauptmann als Kontrast eine bürgerliche Nebenhandlung ein, die im Gegensatz zur Haupthandlung nicht selbstständig bestehen kann. Dies dient einmal zur Verdeutlichung der Milieuschilderung, als auch zur Frage, wie weit die bürgerliche Kultur, die ihre Akteure mehr in den oberen sozialen Schichten sucht, den gesellschaftlichen Gegebenheiten mit der sich aufdrängenden Frage des sozialen Ausgleichs noch angemessen ist. Bei den Akteuren der Unterschicht ist noch zu differenzieren zwischen den Aufstrebenden wie dem Ehepaar John, den Elenden oder Lumpenproletariat wie Familie Knobbe und den Kriminellen oder Asozialen wie Bruno. Die Geschehnisse um Hassenreuter werden oft mit der Verwendung des "Chors" in der klassischen griechischen Tragödie verwendet. Häufig benutzt Hassenreuter lateinische Zitate, um noch mehr Distanz zu verschaffen.

Wie in vielen anderen Stücken setzt auch hier Gerhart Hauptmann den Dialekt als Stilmittel ein. Die Angehörigen der unteren Bildungsschicht kommunizieren fast ausnahmslos im Berliner Dialekt, während die Akteure der Nebenhandlung um den Theaterdirektor Hassenreuter Hochdeutsch sprechen. Die Verwendung dieses Stilmittels galt für die seinerzeitige Epoche als fast revolutionär. Einerseits sind die "Ratten" mit ihren Milieuschilderungen ein Stück des Naturalismus, für den kennzeichnend die Determination der Handelnden durch ihre Milieuzugehörigkeit, sozialen Stand, Bildung und Vererbung ist, die Art und Weise der Darstellung rückt dieses Stück aber schon in die Nähe des Expressionismus. Es ist Frau Johns Muttertrieb, der den Stein ins Rollen bringt und schließlich ihren Untergang herbeiführt.

Der Name des Stückes, Symbolik: Nicht sofort ist der Name "Die Ratten" für dieses Theaterstück Hauptmanns erklärbar. Aber mehrmals nimmt der Autor in diesem Werk Bezug auf Ratten: So erscheint im ersten Akt Frau Johns Bruder Bruno, um Fallen gegen Nagetiere aufzustellen. Des Weiteren spricht Hassenreuter vom Dachboden als Paradies für Ratten. Im dritten Akt bezeichnet Theaterdirektor Hassenreuter den neuen Schüler Spitta als Ratte, weil er wegen seiner Zuneigung zu den jungen deutschen Klassikern und der Auffassung, auch Personen niedrigen Standes könnten Objekt der Tragödie sein, "das Deutsche Reich unterminiere" und die "Wurzeln des deutschen Idealismus" anfresse. Im letzten Akt klopft Vater John gegen die Wände und den Fußboden der Mietskaserne und sagt, das alles von Ratten und Mäusen zerfressen sei. Man beachte dann noch den symbolhaften Gegensatz zwischen der Kinderlosigkeit der Hauptakteurin und der Fortpflanzungsfähigkeit der Tiere im Namen des Stückes.

Die Mietskaserne steht für ein antiquiertes Sozialmodell, bildet einen Mini-Staat, der von Ratten zernagt und dem Einsturz näher gebracht wird. Die lebensfremde Kunstauffassung des Hassenreuter verstärkt noch dieses Bild. Beide Welten - die des Proletariats und die der bürgerlichen Kunst - leben nebeneinander, durchdringen sich aber nicht. Brunos brutale Tat wird nicht direkt gezeigt, sondern man erfährt davon gesprächsweise, und als Symbol für die Bluttat wird das Nasenbluten beim Täter eingesetzt.

Komische Elemente: Hauptmann bezeichnet "Die Ratten" als Tragikomödie, doch sind die komischen Elemente sehr schwach vertreten, zu erwähnen sind etwa der häufige Einsatz des Versteckens von Personen, die
sich beim Auftreten einer anderen Person verbergen müssen, etwa auf dem Dachboden. Ebenso komisch wirkt Hassenreuters Gutmütigkeit gegenüber der die Mutterschaft nur vorheuchelnden John, der er Geschenke macht.

Zwei Frauen streiten um ein Kind: Dieser Konflikt ist nicht neu, er liegt bereits dem Salomonischen Urteil des Alten Testaments zugrunde (1. Buch der Könige Kapitel 3 Vers 16-28). Bert Brecht verwendet diesen Stoff in seinem Schauspiel "Der kaukasische Kreidekreis" (Hier wird das Kind in einen Kreidekreis gesetzt und beide Frauen sollen an dem Kind ziehen, welche als erste das Kind über den Kreis zieht, soll das Kind behalten. Die ihr Kind vernachlässigende Rabenmutter zieht das Kind an sich, die Pflegerin lässt es los, bekommt aber das Kind zugesprochen).

Zeit der Handlung: Sie lässt sich ziemlich genau eingrenzen, da Paul John seiner Arbeit im fremden Altona überdrüssig ist und hofft, nach der Grundsteinlegung des Reichstagsgebäudes eine Stellung bei diesem Bauvorhaben zu finden. Die Grundsteinlegung für das neue Parlamentsgebäude des Kaiserreichs war am 9. Juni 1884.

Autobiografisches: In der 1937 erschienenen Schrift "Das Abenteuer meiner Jugend" berichtet Hauptmann aus seiner Berliner Studentenzeit 1884/85, in der er auch Schauspielunterricht nahm in einer ehemaligen Kaserne, die als Mietshaus genutzt wurde, der Franzer-Kaserne in der Alexanderstraße. Die Eindrücke dieses Milieus liegen diesem Schauspiel zugrunde.

Film: Von den "Ratten" gibt es gleich fünf Verfilmungen. Die erste war ein Stummfilm von Hanns Kobe aus dem Jahr 1921, die zweite stammt aus dem Jahr 1955 (Regie: Robert Siodmak), eine weitere von 1959 (Regie: John Olden, mit Edith Hancke und Elisabeth Flickenschildt), dann eine Verfilmung von 1969 unter der Regie von Peter Beauvais (mit Inge Meysel und Uwe Friedrichsen) sowie die letzte von 1977 unter der Regie von Rudolf Noelte (mit Cordula Trantow, Günter Lamprecht, Gottfried John, Will Quadflieg). Daneben existieren mehrere Hörspielfassungen.

Im Buchhandel gibt es "Die Ratten" als Ullstein Taschenbuch, 2000, ISBN 3-548-23563-8 , 5,95 EUR sowie im Klett Verlag, Textausgabe mit Materialien, 148 Seiten, 2006, ISBN 3-12-351370-X, 5,20 EUR.