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Der Mensch und seine Triebe
Gerhart Hauptmann: Rose Bernd
Konflikt findet seine Entladung im Kindesmord

Ebenfalls in Schlesien angesiedelt ist das am 31. Oktober 1903 am deutschen Theater Berlin uraufgeführte Schauspiel "Rose Bernd". Gerhart Hauptmann wurde zu dem Stoff inspiriert durch seine Rolle als Geschworener in einem Strafprozess gegen eine Kindesmörderin. Vom Schicksal der Angeklagten zeigte  sich der Autor sehr betroffen, er setzte sich für ihre Freilassung ein und begann mit der Niederschrift des Schauspiels. Zur gleichen Zeit war die Ehe des Autors in der Krise, 1904 wurde er von seiner Frau Marie geschieden, die im Stück verwendeten Schilderungen des Landlebens mag der Autor bei einer Ausbildung auf einem landwirtschaftlichen Gut von Mai 1878 bis September 1879 erlebt haben.

Die Protagonistin des Schauspiels ist ein 22 Jahre altes Bauernmädchen, das zwischen drei Männern hin- und hergerissen wird und enorme Schwierigkeiten hat, seine eigenen Wünsche zu erkennen und durchzusetzen. Nach einer noch nicht abgeklungenen Beziehung mit einem verheirateten Gutsbesitzer sieht sich Rose den Annäherungsversuchen des Landarbeiters Streckmann ausgesetzt, während ihr traditionell denkender Vater sie mit dem frommen August Keil verheiraten will. Roses Vater irrt über die Bekanntschaften seiner Tochter und strebt einen Verleumdungsprozess gegen Streckmann an, in dem Rose falsch aussagt. Ihr von Flamm stammendes Kind tötet Rose nach der Geburt.

Inhalt
1.Akt: Rose Bernd und der Gutsbesitzer Christoph Flamm, der gleichzeitig das Amt des Erbscholteibesitzers ausübt, treffen sich in einer Landschaft, sie treten aus einem Gebüsch hervor und setzen sich auf einen Acker. Rose meint, dass die Beziehung zu Flamm doch wohl mal ein Ende haben müsste, während dieser eifersüchtig ist, nachdem er erfahren hat, dass Rose den August Keil heiraten soll. Flamm, dessen Frau seit neun Jahren an den Rollstuhl gefesselt ist, umarmt und küsst Rose und verabschiedet sich. Darauf erscheint der Lokomobilenmaschinist Streckmann, der von der Beziehung Roses zu Flamm weiß
und ihrem Wunsch, diese Beziehung zu beenden, und die Begegnung zwischen Rose und Flamm beobachtet hat. Rose will Streckmann abschütteln und biete ihm ihr Erspartes an, doch Streckmann will kein Geld. Die Auseinandersetzung wird unterbrochen, als Roses Vater Bernd mit August vom Kirchgang zurückkommen.

2. Akt: Bernd Rose und August wollen bei Flamm, dessen Amt auch das des Standesbeamten umfasst, das Aufgebot für die Heirat Augusts mit Rose bestellen. August hat sich Geld geliehen und kann jetzt das Lachmannsche Haus kaufen, um dort seine Zukunftspläne zu verwirklichen, er will einen Papier- und Buchladen einrichten. Flamm vertröstet die Heiratswilligen aber, da er die Standesamtsaufgaben abgeben möchte und man solange auf seinen Nachfolger warten solle. Bernd Rose kommt mit seiner Tochter zu Flamm zurück, sie denkt, dass es mit der Heirat noch etwas Zeit habe, ihr Vater fragt sie nach Streckmann. August meint, wenn ein Mädel nur zwei Worte mit Streckmann redet, sei der Ruf des Mädchens dahin, worauf Rose entgegnet, dass er sich dann doch eine bessere aussuchen möge. August will gehen, Vater Bernd hält ihn zurück, geht dann doch. Bernd kommentiert dies mit den Worten, dass er mit Rose keinen Staat mehr machen könne und geht dann auch. Flamm will mit Rose noch einmal über ihre Beziehung sprechen. Danach erscheint die behinderte Gattin Flamms, der sich zurückzieht. Rose bricht kurz zusammen, sagt dann aber, dass sie wisse, was sie wolle. Frau Flamm versucht sie zu trösten. Rose meint, das beste sei, sie gehe ins Wasser, und gesteht ihr, schwanger zu sein.


Bild oben: Der Kindesmord in der griechischen Mythologie - Eugène Delacroix (1798-1863): Medea (1862, Musée des Beaux-Arts Lille). Medea tötete ihre Kinder, um sich an ihrem Gemahl Iason zu rächen, der sie zugunsten einer anderen Frau verlassen hatte.
3. Akt: Zwischenzeitlich ist das Aufgebot bestellt worden. Bernd und August sind beim Dreschen und warten auf Rose mit der Vesper. Der gottesfürchtige August schildert seine Absicht, nach der Heirat ein ruhiges Leben zu führen. Feldarbeiter kommen hinzu, auch Rose mit dem Essen. Streckmann spricht die Arbeiter auf den Vorfall vor drei Wochen bei der Anmeldung des Aufgebots an. Nachdem Rose allein ist, erscheint Flamm, der noch einmal von der Liaison mit Rose schwärmt, das sei die schönste Zeit seines Lebens gewesen. Nachdem Flamm gegangen ist, trifft Rose Streckmann, der ihr vorhält, sie sei in seine Wohnung gekommen und habe ihm die Hölle heiß gemacht, während Rose behauptet, er habe sich ihr unrechtmäßig genähert. Bernd und August kommen zurück mit Arbeitern. Beide fragen Streckmann, was er dem Mädel getan habe. Bernd springt ihm an die Gurgel, August bedrängt ihn, Streckmann holt aus und schlägt ihm mit der Faust ins Gesicht. August taumelt, er ist am Auge verletzt. Streckmann sagt, dass Rose mit verschiedenen Männern etwas hatte.

4. Akt: Streckmann musste wegen des Streits mit August zum Landgericht, während gleichzeitig Roses Vater ihn wegen Beleidigung seiner Tochter verklagt hat. Flamm zahlt Streckmann wegen des Ernteeinsatzes aus. Von seiner Frau erfährt er von der Schwangerschaft Roses. August kommt und berichtet, dass seine Braut heute einen Termin beim Landgericht hatte wegen der von ihrem Vater erhobenen Beschuldigung. Gleichzeitig informiert er Frau Flamm, dass ihr Ehemann bei Bernd Rose war, um ihn von rechtlichen Schritten abzuhalten. Wegen des Streits mit Streckmann, in dessen Folge August auf einem Auge blind geworden ist, will August keine Bestrafung. Schließlich erscheint Rose, die eine Beziehung zu Streckmann zunächst abstreitet und dies so auch dem Richter erklärt hat. Flamm hat der Unterredung gelauscht, tritt hinzu und bedrängt Rose, die daraufhin zugibt, aus Scham gelogen zu haben.

5. Akt: Ein Arbeiter führt Rose, die einen kranken oder erschöpften Eindruck macht, nach Hause. Ein Gendarm will einen Brief vom Gericht zustellen, wird aber weggeschickt, da Roses Vater irrtümlich annimmt, seine Tochter sei noch nicht zurück. Bernd Rose sagt, dass Flamm, der ebenfalls in dem von Bernd Rose eingeleiteten Verfahren gegen Streckmann aussagen musste, falsch geschworen hat. Nun meldet eine Hausangestellte, dass mit Rose etwas passiert sei und sie schon längst daheim ist. Rose sagt, dass es schon möglich sei, dass sie falsch geschworen habe, aber es seien alle Männer hinter ihr hergewesen. August will Land verkaufen, wegziehen und hält zu Rose. Der Gendarm kehrt zurück und bittet Rose, das Schriftstück zu unterschreiben. Rose entgegnet, der Gendarm könne noch bleiben, denn sie habe ihr Kind erwürgt. Es sollte nicht leben, sie kennt den Ort, wo es passiert ist. Rose wird kurz ohnmächtig, die Männer sind bestürzt und ratlos. Der Gendarm fordert Rose auf, gleich aufs Amt mitzukommen und ein Geständnis abzulegen.

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Stil, Charakteristik, Interpretation

"Rose Bernd" ist ein Schauspiel um ein Verbrechen. Das dieses erst zum Schluss des Stücks geschieht, entspricht der naturalistischen Denkweise, den Menschen vor allem als Produkt seiner Umwelt, des Milieus, der sozialen Stellung und der Vererbung zu sehen. Gerhart Hauptmann zielt damit auf die soziale Wirklichkeit oder Bedingtheit des Verbrechens hin. Der Hauptperson ist es nicht möglich, den durch Herkunft und Persönlichkeitsstruktur vermittelten Weg zu verlassen, diese Faktoren wirken vielmehr das Schicksal prägend. Was die Justiz mit der Täterin macht, ist für Hauptmann unwichtig, ihm geht es darum, ein an seinen Lebensbedingungen krankendes Wesen näherzubringen. Im Gegensatz zu "Die Weber" ist die Handlung kompakt und gedrängt, kennzeichnend für das Stück ist die schrittweise Enthüllung der Verfehlungen der Beteiligten.

Auch in diesem Stück verwendet der Autor wieder den (schlesischen) Dialekt als Kennzeichnung der Klassen- und Bildungsgegensätze, das Bauernmädchen Rose redet fast ständig nur Mundart, während der Redestil des sozial erheblicher höher stehenden Flamm nur mundartlich gefärbt ist.

In zeitlicher Hinsicht verläuft die Handlung über mehrere Monate:
1. Akt: Ein Sonntagmorgen im Mai
2. Akt: Vormittag eines Spätfrühlingstages
3. Akt: Heißer Sommernachmittag Anfang August
4. Akt: Sonnabendnachmittag Anfang September
5. Akt: Abend des Tages des 4. Akts

Von den drei Männern, die Rose umwerben, scheint die Beziehung zu Flamm auf gegenseitiger Zuneigung zu bestehen, während Streckmann vor allem durch körperliche Reize zu imponieren vermag (Hauptmann schreibt in der Regieanweisung, "daß Streckmann außergewöhnlich viel sowohl von sich als auch auf sich hält und daß er sich seiner besonderen Schönheit vollkommen bewußt ist."). Der dritte Mann August Keil
passt mit seinem gebildeten, bedächtigen und frommen Charakter von vornherein nicht zu der frischen, impulsiven, triebhaften Rose. Deren Instabilität wird vor allem im zweiten Akt deutlich, als sie ausführt, sie wisse genau was sie wolle, aber dann Suizidgedanken ausspricht.

Ein Kindesmord in der Literatur ist nichts neues, schon Goethe zeigt in seinem "Faust" Gretchen, die ihr Neugeborenes umbringt. Des Weiteren findet sich das Thema in Tolstois Drama "Die Macht der Finsternis" und bereits 1776 in dem bürgerlichen Trauerspiel "Die Kindermörderin" von Heinrich Leopold Wagner (1747-1779).

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Entstehung
"Rose Bernd" ist ein in ungewöhnlich kurzer Zeit entstandenes Werk Hauptmanns. Der Prozess gegen die reale Kindesmörderin vor dem Schwurgericht Hirschberg fand vom 15. bis zum 17. April 1903 statt, sodann begann Hauptmann, unterstützt von seinem Sekretär, mit der Niederschrift. Die ersten Aufführungen in Deutschland waren erfolgreich, während es in Wien nach Intervention des Hofes vom Spielplan des Burgtheaters genommen wurde, aber auf den Vorstadtbühnen der KuK-Metropole dann populär wurde.

Film: Erstmals wurde "Rose Bernd" 1919 als Stummfilm von Alfred Halm verfilmt, 1957 folgte eine Verfilmung von Regisseur Wolfgang Staudte mit Maria Schell in der Titelrolle und Hannes Messemer als August, wobei aber der Mord Roses an ihrem Kind ignoriert wird.

Im Buchhandel gibt es "Rose Bernd" als Ullstein Taschenbuch, 1996, ISBN 3-548-23958-7, 6,95 EUR.


Begriffserläuterungen: Erbscholtisei: entspricht dem Schultheiß, mit Verwaltungsaufgaben vom Landesherrn Beauftragter; Lokomobil: Dampfmaschinenanlage, im Gegensatz zum Automobil nicht selbst beweglich.