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Historischer Weberaufstand von 1844 bildet den Hintergrund
Gerhart Hauptmann: Die Weber

In dem vielleicht wichtigsten Schauspiel Gerhart Hauptmanns "Die Weber" bildet das vergebliche Aufbegehren von Arbeitern gegen ungenügende Entlohnung das zentrale Thema. Das Stück basiert auf tatsächlichen historischen Vorgängen, die sich im Jahr 1844 im schlesischen Eulengebirge abgespielt hatten. Das 1891 bis 1892 entstandene und 1893 im kleinen Kreis und am 25.09.1894 im Deutschen Theater Berlin öffentlich aufgeführte Stück gilt als ein Klassiker unter den literarischen Werken, welche die soziale Frage der lohnabhängigen Bevölkerung im 19. Jahrhundert behandeln.


Bild oben: Das Deutsche Theater Berlin (rechts, links Kammerspiele; in Berlin-Mitte, Schumannstraße), wo 1894 die Uraufführung dieses Schauspiels stattfand

Inhalt
1. Akt: Im Haus des Fabrikanten Dreißiger liefern die Weber die in ihren Häusern erstellten Textilien ab. Der Expedient Pfeifer untersucht die abgelieferte Ware, der Kassierer Neumann zahlt den Lohn aus, der bei schlechter Qualität gekürzt wird. Die Weber beklagen den zu niedrigen Lohn. Aus Verzweiflung und Hunger hat der Weber Baumert seinen Hund geschlachtet. Weber Bäcker wird hinausgeworfen, nachdem er sich über die Bezahlung beklagt. Ein achtjähriger Junge, der für seine Eltern die produzierte Ware abliefern soll, bricht zusammen, was der Fabrikant Dreißiger mit den Worten kommentiert, die Eltern hätten ihn mit zwei Schock Parchent
überladen. Am Tag zuvor seien singende Weber vor Dreißigers Haus vorbeigezogen und hätten das Weberlied (Lied vom Blutgericht) gesungen. Dreißiger will den Arbeitslosen helfen und 200 Arbeitskräfte einstellen, allerdings zu noch schlechteren Bedingungen.

2. Akt: Im Haus eines Webers beklagen die Frauen bei ihrer Tätigkeit die Armut. Die pflegebedürftige Mutter Baumert fühlt sich von Gott verlassen und sagt, dass er ein Einsehen mit den Webern hätte und sie von der Welt nehmen würde. Der alte Baumert hatte seit zwei Jahren kein Fleisch mehr gegessen und deshalb den Hund geschlachtet. Der Reservist Moritz Jäger, dessen Verwandte auch Weber sind, meint, dass die Fabrikanten im Überfluss leben und stachelt die Weber auch durch das Vortragen des Weberliedes an. Der alte Weber Baumert sinniert, es müsste mal einer zum König nach Berlin fahren und die Misstände aufzeigen, später bricht der Alte aus Verzweiflung über das Erduldenmüssen von Armut zusammen.

3. Akt: In einer Schenkstube spricht man über Dreißigers Vorhaben, neue Arbeitskräfte einzustellen. Es findet ein Begräbnis für einen verstorbenen Weber statt, was ein Besucher mit den Worten kommentiert, wenn es in dieser Art veranstaltet werde, könne es unter den Webern wohl keine Not geben. Die Regierung würde auch genug zur Behebung der Armut tun, wogegen der ebenfalls anwesende Lumpensammler Hornig widerspricht. Ein Bauer meint, die Weber hätten sparen und nicht alles verspielen und versaufen
sollen. Mehrere junge Weber erscheinen, der Reservist Moritz Jäger prangert die Ausbeutung der Weber an und fordert sie auf, etwas dagegen zu tun. Weber Bäcker kündigt an, dem Dreißiger noch einmal das Weberlied zu Gehör zu bringen. Ein Weber geht auf den Gendarmen Kutsche los, der den Webern sagt, der Polizeiverwalter verbiete das Singen des Weberliedes, was die Weber dann dennoch anstimmen.

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4. Akt: Vor dem Haus des Fabrikanten Dreißiger haben sich Weber versammelt, die das Weberlied singen. Dreißigers Hauslehrer Weinhold hält die Menge für hungrige, unwissende Menschen und zeigt eine gewisse Verständnis für die Lage der Weber. Einen der Hauptsänger hat Dreißiger von Färbearbeitern festnehmen lassen. Der Polizeiverwalter meint, es müsste ein Exempel statuiert werden. Schließlich wird der Weber und Reservist Jäger festgenommen, die Menge draußen fordert seine Freilassung. Dreißiger meint, die Weber seien durch Humanitätsduselei aufgehetzt worden, die Industrie gehe zurück durch Zölle im Ausland und Konkurrenz im Inland. Nach kurzer Zeit haben Weber den Festgenommenen befreit und den Verwalter und den Gendarm fortgejagt. Ein anwesender Pastor kommentiert die Vorgänge mit dem Begriff "Revolution", will aber zunächst mit den Protestierenden sprechen, wird aber misshandelt. Kutscher Johann meldet, dass er die Pferde angeschirrt hat für eine Flucht. Es zerbrechen Scheiben. Die Menge fordert Pfeifer heraus, der aber innigst Dreißiger bittet, bei ihm bleiben zu dürfen. Dreißiger flieht mit seiner Entourage. Nach kurzer Ruhe klirren Scheiben, es gibt Krach, junge Weber dringen ins Haus ein, suchen nach Dreißiger und Pfeifer. Der Weber Bäcker fordert dazu auf, anschließend zum Fabrikanten Dittrich mit den mechanischen Webstühlen zu ziehen, wenn sie hier fertig seien.

5. Akt: Spielt im Weberstübchen des alten Webers Hilse, der sein Abendgebet verrichtet. Lumpensammler Hornig erscheint und berichtet von Vertreibung des Dreißiger und der Demolierung seines Hauses. Der alte Hilse kann gar nicht glauben, dass Weber so etwas haben tun können, doch seine Schwiegertochter hat Sympathien für die Protestierenden. Der Arzt Schmidt erzählt, dass in Reichenbach 1.500 Leute versammelt seien. Das Weberlied wird vierhundertstimmig gesungen, Weber kommen näher. Ein Schwarm Aufständischer tritt ein und fordert die anwesenden Weber zum Mitmachen auf. Es kracht eine Salve, eine Kugel kommt durchs Fenster im Obergeschoss, ein Verwundeter (Ullrich Weber) wird hereingetragen. Der Sohn des alten Hilse geht mit der Axt nach draußen: „es soll mir kein Weib zerschossen werden“. Der alte Hilse fängt an zu weben und sagt dabei, dass Gott sie hier hergesetzt habe. Gottliebs Tochter Hilse berichtet, dass Soldaten zum Dorfe rangetrieben wurden. Es folgt eine zweite Salve, der alte Hilse ist zu Tode getroffen, fällt vornüber auf den Webstuhl. Seine alte Frau, die durch Staub und Weberei bei Licht blind geworden ist und noch nicht den Tod ihres Mannes vergegenwärtigt hat, sagt: „Nun sag mal was, es kann einem ja ordentlich angst werden.“


Bild oben: "Weber am Webstuhl" von Vincent van Gogh (1853-1890; Rijksmuseum Kröller-Müller in Otterloo; Bild entstand 1884 in Nuenen)

Historische Hintergründe
Der Weberaufstand im schlesischen Eulengebirge stand Pate bei Gerhart Hauptmanns Schauspiel. Vom 4. bis zum 6. Juni 1844 fand diese Erhebung statt, die aber nicht die erste oder einzige Protestaktion von Webern war, insbesondere in Schlesien. Besonders deutlich merkt man die historische Reminiszenz am Namen des Fabrikanten Dreißiger, der im Original "Zwanziger" hieß, allerdings war dieser nicht Textilfabrikant, sondern Verleger, d.h. ein Garnhändler, der an die Weber Stoffe verkaufte, die diese weiterverarbeiteten. Da noch Nachfahren der Originalpersonen lebten, wählte Hauptmann diese Namenskorrektur (ein im Stück erwähnter Fabrikant Dittrich hieß im historischen Original Dierig). Am ersten Tag des Aufstands zogen Weber zum Haus von Zwanziger und sangen das Spottlied "Blutgericht". Ein Weber wurde verhaftet, dessen Freilassung und eine Erhöhung des Lohns für abgelieferte Stoffe forderten am folgenden Tag viele Protestierende. Wie im Schauspiel musste die Fabrikantenfamilie fliehen, das Haus wurde besetzt. Anderen Fabrikanten blieb durch Freikäufe das gleiche Schicksal erspart, anderen erging es wie den Zwanzigers. Letztlich gelang es dem Militär, den Aufstand gewaltsam zu beenden, wobei mehrere Menschen starben oder verletzt wurden, darunter auch Unbeteiligte; viele Aufständische wurden zu Gefängnis verurteilt.
Schon vor Hauptmann verwendete Heinrich Heine die Thematik in seinem Gedicht "Die schlesischen Weber".
Das Thema "Weberaufstand" behandelt auch die Künstlerin Käthe Kollwitz in ihrer 1893 begonnenen Radierfolge "Ein Weberaufstand".

Der Weberaufstand ereignete sich 18 Jahre vor der Geburt Hauptmanns. In der Einleitung zu seinem Schauspiel, das der Autor seinem Vater widmet, schreibt Hauptmann an diesen gerichtet, dass es die väterliche Erzählung vom Großvater sei, der ein armer Weber wie die im Stück geschilderten gewesen war, die den Keim dieser Dichtung ausmache. Im Jahr 1891 reiste Hauptmann zweimal ins Eulengebirge, um für sein neues Schauspiel zu recherchieren. Den Text des Liedes "Das Blutgericht" fand Hauptmann in dem Buch von Alfred Zimmermann "Blüthe und Verfall des Leinengewerbes in Schlesien" (Breslau 1885), einige der 24 Strophen kommen in dem Schauspiel vor.

Der Trend zur billigeren Textilherstellung begann 1785, als der Engländer Edmond Cartwright den ersten vollmechanischen Webstuhl entwickelte, der zunehmend den Handwebstuhl ersetzte. In Schlesien konnte sich diese Technik zunächst nicht durchsetzen, da man dort am für die Unternehmen ebenfalls günstigen Verlagssystem festhielt, bei dem der Werkstoff vom Unternehmer, der sich auch um den Absatz der Ware kümmerte, zur Verfügung gestellt wurde und die Verarbeitung von der Landbevölkerung in ihren Häusern vorgenommen wurde, die schon länger darin geübt war, Textilien für den Eigenbedarf selbst herzustellen.


Bild oben: "Die schlesischen Weber" (1844, Galerie Paffrath Düsseldorf) von Carl Wilhelm Hübner (1814-79)

Stil, Personen, Interpretation
Hauptmann hatte sein Stück zunächst in schlesischer Mundart unter dem Titel "Da Waber" verfasst und es dann auch in einer dem Hochdeutschen angenäherten Form veröffentlicht, die allerdings auch noch eine Fülle von schlesischen Formulierungen enthält, welche das heutige Verständnis des Stückes nicht unerheblich erschweren, da aufgrund des Wechsels Schlesiens zu Polen vielen Deutschen dieser Dialekt im 21. Jahrhundert nicht bekannt ist.

"Die Weber" enthalten in erster Linie Schilderungen der Lebensbedingungen von abhängigen Arbeitern vor der Herausbildung eines Sozialstaates und eines gerechten Arbeitsrechts. Das war für die Entstehungszeit des Schauspiels ungewöhnlich und provozierend, spielte doch gerade die Lösung der gesellschaftlichen Spannungen zwischen Arbeiterschaft und Obrigkeit eine zentrale Rolle, welche Bismarck mit der Einführung der gesetzlichen Sozialversicherung und dem Verbot sozialistischer Bestrebungen zu lösen versuchte. Ob das Stück auch einen politischen Aufruf enthält, ist umstritten. So kann man im tragischen Tod des alten Webers Hilse die Aussage sehen, dass sich politische Inaktivität nicht lohnt, vielmehr eine eigene Meinungsbildung und deren Umsetzung erforderlich ist. Der den Vorgängen gleichgültig bis ablehnend gegenüber Stehende bezahlt seine Teilnahmslosigkeit mit dem Leben, das einzelne Schicksal tritt zurück gegenüber der Lage der sozialen Gruppe. Zunächst jedoch zielt das Stück auf Erschütterung des Lesers und Zusehers, die Mitleid mit den geschundenen Webern empfinden. Das soziale Gewissen des Betrachters wird herausgefordert mit der Frage, ob heute so etwas noch möglich ist.

Die ersten drei Akte kündigen den Aufstand mit der Flucht des Fabrikanten an, im vierten Akt tritt die Erhebung voll auf und im letzten Akt erlebt man die Auswirkungen des Geschehens auf scheinbar Unbetroffene, wobei unklar wird, ob das Einschreiten des Militärs den Aufstand tatsächlich beendet und ob das ganze Geschehen irgendwelche politische oder sonstige Veränderungen bewirkt.

Es gibt in "Die Weber" keine zentrale Persönlichkeit, keine Helden, sondern eine ganze soziale Gruppe wird zu den Trägern der Handlung. Die fünf Akte scheinen nur lose miteinander verbunden zu sein, werden aber durch die Symbolik des Weberliedes miteinander verknüpft.

Gerhart Hauptmann setzt in diesem Stück wie in vielen anderen den Dialekt ein als Mittel der Charakterisierung der Unterschicht. Es fällt auf, dass vor allem die Arbeiter (schlesische) Mundart sprechen, während auf der Unternehmerseite Hochdeutsch vorherrscht. Die Verwendung des Dialekts ist Folge des Prinzips des Naturalismus, die Realität möglichst genau wiederzugeben.


Bild oben: "Der Weber" (1882, Städelsches Kunstinstitut Frankfurt am Main) von Max Liebermann (1847-1935)

Ort der Handlung: Entsprechend der historischen Vorlage sind die Handlungsorte in "Die Weber" genau bestimmt. Sie werden vom Autor Hauptmann mit Kaschbach im Eulengebirge (polnisch: Góry Sowie) und Peterswaldau (Pieszyce) und Langenbielau (Bielawa) am Fuße des Eulengebirges benannt.

Geschichte des Stückes: Das Schauspiel entstand zunächst 1891 als Dialektfassung "De Waber", der im Februar 1892 beim Berliner Polizeipräsidenten gestellte Antrag auf Erteilung einer Aufführungsgenehmigung wurde abgelehnt, u.a. mit der Begründung, das Stück würde zum Klassenhass aufrufen und dem zu Demonstrationen neigenden sozialdemokratischen Teil der Bevölkerung der Stadt einen Anziehungspunkt bieten. Im Druck erschien das Werk 1892. Kurze Zeit später wurde die dem Hochdeutschen angenäherte Fassung fertig, eine Aufführung wurde im Januar 1893 verboten. Am 26. Februar 1893 erfolgte eine Uraufführung im kleinen Kreis durch den Verein "Neue Bühne" im Neuen Theater Berlin. Erst später, nach einer erfolgreichen Aufführung in Paris im Mai 1893, die auch Émile Zola besuchte, durfte das Stück in Deutschland vor größerem Publikum gezeigt werden.

Die Arbeitswelt heute: Die elenden Arbeitsbedingungen des Jahres 1844 wirken auf den heutigen Leser natürlich ziemlich fremdartig, da wir heute in Europa an einen hohen sozialen Schutz der Arbeitnehmer gewöhnt sind. Bei den von den Webern in ihren Privathäusern für Textilfabrikanten erbrachten Arbeiten dürfte es sich unter der heutigen Rechtslage um Heimarbeit halten, die im Heimarbeitsgesetz (HAG) geregelt ist und das eine staatliche Aufsicht vorsieht. Als Interessenvertretung der Arbeitnehmer dienen Gewerkschaften, die Tarifverträge mit Regeln u.a. über Arbeitszeit, Urlaub und Vergütung mit Arbeitgeberverbänden abschließen können; die Tarifvertragsfreiheit steht unter dem Schutz des Grundgesetzes (Artikel 9 Absatz 3). Soweit Tarifverträge nicht Anwendung finden, können bei der Heimarbeit Entgelt und sonstige Arbeitsbedingungen durch den Heimarbeiterausschuss, einem Selbstverwaltungsorgan der in der Heimarbeit tätigen Beschäftigten und Unternehmer, festgesetzt werden. Neben der arbeitsrechtlichen Absicherung genießen Heimarbeiter heute auch die soziale Absicherung in der Kranken-, Pflege-, Renten-, Arbeitslosen- und Unfallversicherung nach den allgemeinen Regeln. Zwar gibt es in Deutschland im Gegensatz etwa zu Frankreich keinen gesetzlichen Mindestlohn, doch können Arbeitnehmer ohne ausreichendes Einkommen ergänzende Sozialleistungen wie Wohngeld, Kindergeld, Sozialhilfe oder Arbeitslosengeld II in Anspruch nehmen. Einer Verschleierung einer abhängigen Beschäftigung für überwiegend einen Auftraggeber stehen die Regeln des Sozialgesetzbuchs über Scheinselbstständigkeit entgegen, so dass der Sozialversicherungsschutz auch greift, wenn eine "Selbstständigkeit" des abhängig Beschäftigten vorgegaukelt wird.

Film: "Die Weber" wurde 1927 von dem Regisseur Friedrich Zelnik verfilmt.

Im Buchhandel gibt es "Die Weber" in einer Textausgabe mit Dokumentation von Hans Schwab-Felisch als Ullstein Taschenbuch, 269 Seiten, 7. Auflage,  2003, ISBN 3-548-24047-X, 6,95 EUR.


BegriffserläuterungenParchent (oder auch Barchent): Mischgewebe aus Baumwolle auf Leinenkette, das glatt, auf einer oder auf beiden Seiten aufgeraut ist; Schock: 60 Stück.

Bilder: Bild vom Deutschen Theater basiert auf dem Bild "Berlin Kammerspiele Deutsches Theater.jpg" (Autor: Andreas Praefcke, GNU-Lizenz für freie Dokumentation) des Dateiarchivs Wikimedia, Bilder von van Gogh, Hübner und Liebermann: Public Domain/gemeinfrei.