Doris Lessing: Afrikanische Tragödie -
Interpretation


Stil: Doris Lessings Roman "Afrikanische Tragödie" ist im Stil der großen sozialkritischen Romane des 19. und 20. Jahrhunderts geschrieben. Bemerkenswert an dem Werk ist, dass obwohl dem Leser schon im ersten Kapitel die Fakten auf den Tisch gelegt werden, nämlich die Ermordung Mary Turners durch den Hausboy Moses, die Spannung durch die im zweiten Kapitel beginnende und ansteigende Retrospektive bis zur Ermordung der Hauptfigur nicht nachlässt. Der heutige mit Kriminalfilmen gesättigte Leser mag geneigt sein, doch nach einer anderen Erklärung des Verbrechens zu fragen, etwa nach einem anderen Täter zu suchen als nach dem gleich festgenommenen Hausboy, zumal die Verdächtigung eines schwarzen Farmarbeiters bei einer sich erkennbar auf rassischer Diskriminierung gegründeten Gesellschaft naheliegend ist. Doch die Autorin hilft dem Zweifelnden nicht weiter, der Hausboy Moses ist es tatsächlich gewesen. Es bleibt die Suche nach dem Motiv für die Bluttat, das zum Ende des Romans etwas deutlicher zu erkennen sein mag als zu Beginn der Handlung, doch letztlich bleibt der Anlass zur Tat spekulativ.

Ein möglicher sexueller Kontakt zwischen Mary Turner und dem späteren Täter könnte stattgefunden haben, im Buch wird er allenfalls angedeutet, als der Verwalter Tony sieht, wie Moses dem späteren Opfer beim Kleiderwechsel hilft. Die Furcht vor Entdeckung dieser im damaligen Rhodesien verbotenen Handlung und des gleichzeitigen Ehebruchs könnte den Täter zur Tat getrieben haben, doch das muss jeder Leser für sich entscheiden.

Marys Begrenztheit findet ihre symbolische Entsprechung im Raum des Geschehens (Ort der Handlung), der Farm, von der es kein Entrinnen gibt, ein Fluchtversuch scheitert.

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Charaktere: Ist das Schicksal von Mary Turner unausweichlich, wie es die deutsche Übersetzung von "The Grass Is Singing" mit "(Afrikanischer) Tragödie" zu glauben machen versucht? Die Hauptfigur des Romans kann sich aus den traumatischen Erfahrungen ihrer Kindheit nicht befreien, zu stark ist der Eindruck vom gewalttätigen, alkoholabhängigen Vater, der sich über ihre Mutter hermacht. In Form einer neurotischen Persönlichkeitsstörung scheint Mary die so gewonnene Abneigung auf alle Männer zu übertragen; die Heirat mit Dick erfolgt, um den lästigen Mutmaßungen über Marys Ehelosigkeit zu entgehen und nicht aus einer Leidenschaft für einen Mann. Auch Dick heiratet, weil man es von einem Mann seines Alters wohl erwartet. Marys Gatte zeichnet sich dadurch aus, dass er die verschiedensten Dinge anpackt, aber im Grunde nichts erfolgreich zu Ende führt.

Die Unfähigkeit, eigene Gefühle zu entwickeln für andere Menschen, treibt Mary zur Verzweiflung und führt zu einer sich steigenden Teilnahmslosigkeit und Antriebsschwäche. Ob sie diese Persönlichkeitsdefizite im Laufe des Zusammenseins mit dem schwarzen Diener Moses abbaut, ist möglich. Marys Tod ist Ausdruck des Scheiterns einer Frau, die es schwer hat, in einer patriarchalisch geprägten Umgebung als Frau eigene Wünsche durchzusetzen und vielleicht auch Ausdruck der Brutalität einer rassistischen Gesellschaft, die eben nur den Rassismus akzeptiert.

Soziales: Besonders plastisch wird der Rassismus geschildert in der Beschreibung eines reichen Weißen (hier der Nachbar Slatter), der eingreift, um den totalen wirtschaftlichen Abstieg eines anderen Weißen zu vermeiden, weil dies sonst das System der Rassentrennung beschädigt hätte, ein System, in der Weiße nicht arm sein dürfen, aber Schwarze arm sein müssen.