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Bemerkenswertes Werk einer psychisch labilen Autorin
Virginia Woolf: Mrs. Dalloway
Ein Junitag im Jahr 1923 in London
Inhalt

Stil, Interpretation, Hintergründe
Personen, Charaktere, Symbole

Biografie von Virginia Woolf

Der 1925 veröffentlichte Roman "Mrs. Dalloway" gilt als ein zentrales Werk im Schaffen der englischen Autorin Virginia Woolf. Er schildert die Erlebnisse von zwei unabhängig voneinander agierenden Personen in London vom Morgen bis zum Abend eines Junitags im Jahr 1923, der zur Oberschicht zählenden Clarissa Dalloway, die am Abend eine Party geben wird, und dem unter den Erlebnissen des Ersten Weltkriegs leidenden Septimus Warren Smith, der sich noch am gleichen Tag das Leben nimmt. Das dadurch hervorgerufene Zuspätkommen seines Nervenarztes auf Clarissa Dalloways Party verbindet beide Handlungsstränge. Aufgrund der konsequenten Verwendung des Bewusstseinsstroms ähnelt der Roman einem Gedankengemälde und gilt als ein Klassiker der modernen Literatur. Zentrale Themen in diesem Roman sind die Selbstverwirklichung der Frau, Klassengegensätze, die Furcht der Oberschicht vor sozialen Veränderungen, der Umgang der Gesellschaft mit psychisch Kranken und die Vergänglichkeit des Lebens.

Inhalt:

Die sozial zur Oberschicht zählende Clarissa Dalloway gibt am Abend eines warmen Tages in der Mitte des Junis 1923, einem Mittwoch, in ihrem Haus eine Party. Am gleichen Tag hält sich auch Peter Walsh in London auf, der in seiner Jugend in den 1890er Jahren leidenschaftlich in Clarissa verliebt war und erfolglos um ihre Hand angehalten hatte. Nach einem fünfjährigen Aufenthalt als Kolonialbeamter in Indien ist er nach London gekommen, um Details einer Scheidung zu klären, er sagt, in die Frau eines Majors verliebt zu sein.

Clarissa beschäftigt sich mit der Vorbereitung der abendlichen Festivität. Häufig erinnert sie sich an ihre schöne Jugend in Bourton. Unterwegs trifft Clarissa ihren alten Freund Hugh Whitbread mit seiner Frau Evelyn, die sich zu Arztbesuchen in London aufhalten. In der Bond Street besucht Clarissa am Vormittag ein Blumengeschäft. Aufmerksamkeit erregt dabei ein vorbeifahrendes Automobil mit einer Fehlzündung, die Fenster des Wagens sind verhängt, man vermutet eine hochgestellte Person als Fahrgast.

Septimus Warren Smith ist mit seiner aus Italien stammenden Frau Lucrezia in London unterwegs. Der unter einer durch den Schrecken des Weltkrieges ausgelösten posttraumatischen Belastungsstörung mit psychotischen Elementen leidende Septimus sagt, dass er sich umbringen werde. Am Himmel kreist ein Flugzeug mit Werbung für Toffee.

Nach ihrer Rückkehr nach Haus erinnert sich Clarissa an eine Begebenheit vor vielen Jahren, als sie mit Sally Seton (in einigen Auflagen auch: Selton) zusammen war. Sally pflückte Blumen und küsste anschließend Clarissa auf die Lippen. Clarissa bezeichnet dieses Erlebnis als den feinsten Moment ihres Lebens.

Um 11 Uhr erscheint überraschenderweise Peter Walsh bei Clarissa, beide setzen sich nebeneinander aufs Sofa und erinnern sich an ihre gemeinsame Zeit, worauf Peter sehr gerührt wirkt und weint. Peter fragt nach Clarissas Ehe. Eine halbe Stunde nach Peters Ankunft, man hört das Geräusch von Big Ben, erscheint Clarissas Tochter Elizabeth und Peter Walsh verlässt abrupt Clarissa und geht Richtung Whitehall. Im Regent's Park passiert Peter Septimus Warren Smith und seine Frau und biegt in den Broad Walk ein. Peter sieht unterwegs eine Frau und geht ihr für einige Zeit nach.

Septimus hört Stimmen hinter den Wänden des Schlafzimmers, ebenso glaubt er die Stimme des gefallenen Offiziers Evans zu hören. Als dieser im Krieg umkam, nahm Septimus dies regungslos hin. Lucrezia ist mit ihrem Ehemann gegen 12 Uhr auf dem Weg zu dem Psychiater Sir William Bradshaw. Septimus macht sich Vorwürfe, ein Verbrechen begangen zu haben. Bradshaw diagnostiziert einen völligen Zusammenbruch und befürwortet eine stationäre Unterbringung.

Septimus ist Kontorist. Er ging früh von zu Hause weg aus Stroud nach London, arbeitete im Auktionshaus, war dann Freiwilliger im Ersten Weltkrieg, wurde dadurch härter. Bei Kriegsende war Septimus in Mailand. Lucrezia war die junge Tochter des Hausherrn, wo er einquartiert war. Septimus hat Angst, nichts mehr fühlen zu können. Er kehrte mit Lucrezia nach England zurück, bekam einen guten Posten und hat starkes Interesse an Literatur. Rezia putzte Hüte, sie sind seit 5 Jahren verheiratet, die Ehe bleibt kinderlos. Septimus konsultierte wegen seiner Beschwerden zunächst seinen Hausarzt Dr. Holmes (in einigen Auflagen auch Dr. Hymes genannt).

Zum Mittagessen ist Clarissas Gatte Richard Dalloway zusammen mit Hugh Whitbread bei Lady Bruton eingeladen, Gesprächsthema bei dieser Zusammenkunft ist Peter Walshs Anwesenheit in London. Whitbread ist mit seiner Frau Evelyn am Morgen schon im St. James-Park gewesen.

Richard Dalloway ist Parlamentsabgeordneter und gehört der Konservativen Partei an. Er wird von Vorwürfen geplagt, seine Frau vernachlässigt zu haben, und beschließt nach dem Lunch, mit einem Blumenstrauß zu ihr zu eilen, um ihr zu sagen, dass er sie liebe. Um 15 Uhr ist er zu Hause bei seiner Frau, setzt sich kurz zu ihr, kann aber die beabsichtigte Liebeserklärung nicht aussprechen. Er berichtet vom Lunch, dass man sich über Peter Walsh unterhalten habe und dass Hugh Whitbread auch dagewesen sei. Schließlich hätten die Lunchgäste für Mrs. Bruton einen Brief an die Times aufgesetzt. Clarissa ist enttäuscht, dass sie nicht auch zum Lunch eingeladen worden ist und berichtet von der zufälligen Begegnung mit Whitbread. Richard widmet sich wieder seinen politischen Geschäften.

Am Nachmittag ist Clarissa noch mit Elizabeth und ihrer Lehrerin Doris Kilman zusammen, diese geht dann mit Clarissas Tochter einkaufen.

Die Warrens sind inzwischen zu Hause angekommen. Septimus sagt, dass etwas geschehen muss. Als Dr. Holmes kommt, um seinen Patienten in die Klinik zu bringen, springt Septimus durchs geöffnete Fenster in den Tod.

Peter Walsh befindet sich auf dem Weg zu seinem Hotel in Bloomsbury, als er plötzlich in der Nähe des Britischen Museums eine dem Septimus vergeblich zur Hilfe eilende Ambulanz hört und sieht. Im Hotel erreicht ihn ein von Clarissa nach seinem Besuch geschriebener Brief.

Am Abend gibt Clarissa dann die große Abendgesellschaft mit vielen wohlhabenden Gästen aus der Oberschicht. Dabei trifft sie die seit Jahren nicht mehr gesehene Sally wieder, die inzwischen 55 Jahre alt ist, fünf Söhne hat und nun Lady Rosseter heißt. Sogar der Premierminister ist zur Party erschienen.

Lady Bradshaw berichtet Clarissa, dass gerade, als sie zur Party gehen wollten, ihr Mann am Telefon verlangt wurde und man ihm mitteilte, ein junger Mann habe Selbstmord begangen. Ihr Mann erzählt das gleiche Mr. Dalloway.

Clarissa denkt an den Selbstmörder, wie er sich in die Geländerspitzen gebohrt hat, und sagt, mitten in ihrer Gesellschaft sei der Tod. Die Gastgeberin der Party erinnert sich an ein Zitat aus Shakespeares Schauspiel Othello: "If it were now to die, 'twere now to be most happy" (2. Akt 6. Szene in der deutschen Übersetzung: "Wenn ich sterben müßte, so wär's in dem Augenblick, da meine Glückseligkeit ihren höchsten Punkt erreicht hat.")

Bild oben rechts: Porträt von Virginia Woolf (um 1917, Leeds City Art Gallery), gemalt von Roger Fry (1866-1934)





Bild oben: Ein Rolls-Royce Silver Ghost von 1920


Bild oben: Eine de Havilland DH.50. Der Flugzeugtyp flog das erste Mal im August 1923.


Bild oben: Im Regent's Park von London


Bild oben: Britische Soldaten mit Gasmasken und Maschinengewehr während der Schlacht an der Somme. Unten: Verwundete britische Soldaten. Aus dem Ersten Weltkrieg ist Septimus Warren Smith mit traumatischen Erlebnissen zurückgekommen.








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Stil, Interpretation, Hintergründe

Der Roman schildert mitunter sprunghaft die Handlungen und Gedanken unterschiedlicher Personen an einem Junitag des Jahres 1923. Häufig gibt es keine deutlichen Übergänge von der jeweils Objekt gewordenen Person zur nächsten, sondern die Erzählung geht einfach über zur nächsten Person. Kennzeichnend für den Roman "Mrs. Dalloway" ist die Verwendung der Erzähltechnik des "Bewusstseinsstroms" (stream of consciousness). Der eigentliche Erzähler tritt in den Hintergrund, während der Leser die handelnden Personen vor allem durch die individuelle Verarbeitung äußerer Schlüsselreize und Erinnerungen erlebt. Direkte, indirekte und erlebte Rede sowie innere Monologe werden eingesetzt. Doch versteht es Virginia Woolf, der Gefahr, dass sich der Roman zu einer reinen Gedankenansammlung entwickelt, wirksam zu begegnen. Zwar ist "Mrs. Dalloway" nicht in mehrere Kapitel untergliedert, doch der aufmerksame Leser erkennt den Wechsel der handelnden bzw. denkenden Person und deren Interaktionen.

Der Autorin geht es darum, das Innere der Personen herauszukehren und erreicht dies auch durch die Beschränkung des zeitlichen Rahmens des Romans auf einen einzigen Tag im Juni 1923. Die zeitliche Straffung sowie das Gefühl der Vergänglichkeit und Erinnerung werden verstärkt durch das Läuten von Big Ben sowie von Kirchenglocken. Die beiden Handlungsstränge, einmal Clarissas Vorbereitung der Party und dann das Schicksal des verzweifelten Septimus, berühren sich mehrmals, so als ein lärmendes Auto oder ein am Himmel kreisendes Flugzeug von beiden wahrgenommen werden oder als Peter Walsh im Vorübergehen auf Septimus trifft bzw. eine zu ihm fahrende Ambulanz. Direkt verbunden werden beide Komponenten mit dem durch Septimus Freitod bedingten Zuspätkommen des Psychiaters Bradshaw auf Clarissas Party, das unglückliche Geschehen wirft einen dunklen Schatten auf die festliche Veranstaltung.

Beide Handlungsstränge stehen für unterschiedliche Gesellschaftsschichten: auf der einen Seite die Oberschicht, zu der Clarissa Dalloway zählt, dieser elitäre Charakter wird auch noch durch den Besuch des Premierministers verstärkt. Auf der anderen Seite steht die kleinbürgerliche Welt des lohnabhängigen Septimus. Die Trübung des feierlichen Charakters mag hier ein Zeichen sein für die Furcht der Oberschicht vor dem aufkommenden Bürgertum und der organisierten Arbeiterschicht, 1924 stellt die Labour Party in Großbritannien erstmals den Premierminister (Minderheitsregierung unter MacDonald, 1945 erstmals Mehrheitsregierung unter Clemens Attlee), Clarissas Mann Richard ist Abgeordneter der Konservativen Partei. Im Juni 1923 war übrigens der Konservative Stanley Baldwin Regierungschef. Im Gegensatz zu Clarissas Mann unterstützte Virginia Woolfs Ehemann Leonard Sydney Woolf die Labour Party (in seiner Schrift "International Government" von 1916 skizziert er den späteren Völkerbund, den Vorläufer der UNO).

Nicht frei von autobiografischen Komponenten ist die Schilderung von Septimus psychischer Erkrankung und der Versuch, von einem Facharzt Hilfe zu erlangen. Die labile Virginia Woolf litt selbst unter psychischen Störungen, die mehrmals Zusammenbrüche auslösten und die Konsultation von Psychiatern erforderten. Anders als für Virginia Woolfs Erkrankung, von der man heute annimmt, dass es sich um eine bipolare affektive Störung handelte (manisch-depressive Erkrankung), gibt es für den Gemütszustand von Septimus eine einfache, überzeugende Erklärung, nämlich die unverarbeiteten Schrecken des Ersten Weltkriegs. Die Reaktion des Psychiaters, ein Abweichen von der psychischen Normalität sofort mit dem Ausschluss aus der normalen Lebensumwelt zu ahnden, führt zur Verwirklichung der schon latent vorhandenen Selbsttötungsabsicht. Der Roman schildert eine von Virginia Woolf selbst empfundene Enttäuschung über einen Berufsstand, der sich das Ziel gesetzt hat, kranken Menschen zu helfen, dies aber häufig nicht erreichen kann. Zur Entlastung dieses Berufsstandes muss man aber erwähnen, dass in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts noch nicht so viele Medikamente zur Behandlung psychischer Leiden zur Verfügung standen wie heute und psychotherapeutische Behandlungen noch nicht etabliert waren. Die Erkenntnisse von Sigmund Freud waren 1925, im Jahr der ersten Veröffentlichung von Mrs. Dalloway, noch revolutionär und umstritten. Wenngleich der von Virginia Woolf und ihrem Ehemann gegründete Verlag Hogarth Press die Werke Freuds in Großbritannien herausbrachte, darf daraus nicht auf eine Zuneigung der Verleger zur Psychoanalyse geschlossen werden, insbesondere die starke Betonung des Geschlechtlichen dürfte bei Virginia auf Vorbehalte gestoßen sein. Die Idee der Selbsttötung mag die Autorin bewusst oder unbewusst schon länger beschäftigt haben, 1913 unternahm sie ihren ersten Suizidversuch. Ein anderer Versuch 1941, wohl auch hervorgerufen durch die Schrecken des Zweiten Weltkriegs, beendete das Leben von Virginia Woolf.

"Mrs. Dalloway" ist auch eine Schilderung der Frage, ob die einmal eingegangene Ehe der richtige Schritt gewesen ist. Clarissa zweifelt hieran, es kommen Erinnerungen an ihre Partnerwahl und Heirat hoch, als Peter Walsh wieder erscheint, dessen Heiratsantrag sie abgelehnt hatte und sich dann für Richard entschied. Eine Aussprache wird durch das Erscheinen von Clarissas Tochter unmöglich gemacht. Clarissa entschied sich gegen den impulsiveren Peter und für ein sicheres, ruhiges Leben an der Seite von Richard. Wie Clarissa hatte Virginia Woolf einen erfolglosen Heiratsantrag vor der Vermählung mit dem späteren endgültigen Ehemann bekommen. Gleichzeitig erinnert sich Clarissa an den homoerotischen Kontakt zu Sally Seton. Hinsichtlich ihrer Tochter fürchtet sie, dass sich Elizabeth in ihre Lehrerin Miss Kilman verliebt haben könnte. Virginia Woolf war ab 1922 mit der Schriftstellerin Vita Sackville-West bekannt und man muss davon ausgehen, dass diese Beziehung mehr als bloße Freundschaft war. In der von Virginia Woolf und ihren Geschwistern gegründeten Künstlergruppe "Bloomsbury-Gruppe" war Homosexualität ein bei mehreren Mitgliedern zu beobachtendes Phänomen (bis 1967 waren in Großbritannien männlich-gleichgeschlechtliche Kontakte strafbar). Bei der abendlichen Party ist bei den Anwesenden Clarissa, Peter Walsh und Sally fraglich, ob ihre Partnerwahl die richtige war.

Trotz des Herausbringens innerer Tatsachen enthält "Mrs. Dalloway" eine Beschreibung der englischen Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg und insbesondere eine Andeutung der sozialen Gegensätze. Der Erste Weltkrieg hatte gezeigt, dass Großbritannien nicht unverwundbar war, der Erhalt des Kolonialreichs wurde zunehmend in Frage gestellt, vor der Haustür Englands wurde Irland unabhängig.

Als Zeit der Handlung gibt die Autorin einen warmen Mittwoch in der Mitte des Junis 1923 an, es könnte sich somit um den 13. oder den 20. Juni 1923 handeln.




Bild oben: Das British Museum


Bild oben: Downing Street Nummer 10 in London. Im Juni 1923 war Stanley Baldwin (1867-1947) Premierminister Großbritanniens (und zwar seit dem 23.05.1923 bis 16.01.1924 sowie von 1924 bis 1929 und von 1935 bis 1937).

Personen, Charaktere, Symbole

Clarissa Dalloway ist im gerade erst begonnenen 52. Lebensjahr, ihr Haar ist seit einer Krankheit fast weiß. Clarissas Wirkungskreis ist auf das häusliche Umfeld beschränkt und auf eine Rolle als Gattin eines Politikers. Damit entspricht die Titelträgerin dem Rollenverständnis der Frau in Westeuropa in der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts. Eigenes soziales oder politisches Engagement zeigt Clarissa nicht. Das allgemeine aktive Wahlrecht für Frauen wurde im Vereinigten Königreich erst 1928 eingeführt. Ab 1919 gab es ein eingeschränktes Wahlrecht für Frauen ab 30 Jahren und nur dann, wenn sie selbst oder ihr Gatte das für das kommunale Wahlrecht erforderliche Mindestvermögen aufwiesen (im gleichen Jahr wurde auch für Männer das Erfordernis eines Mindestbesitzes für das Wahlrecht abgeschafft. Schon seit Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts kämpften als Suffragetten bezeichnete Frauen in England zum Teil mit Mitteln zivilen Ungehorsams, zum Teil gewaltsam für das Frauenwahlrecht). Clarissas Gefühlsleben wird als viel intensiver und sich häufiger in Frage stellend beschrieben als das ihres Ehemannes Richard, der für die Aufrechterhaltung bisheriger britischer Traditionen steht.

Septimus Warren Smith ist um die 30 Jahre alt, war also etwa 25 Jahre alt, als er aus dem Krieg kam. Seine aus Italien stammende Ehefrau Lucrezia ist 24 Jahre alt. Beide sind 4-5 Jahre verheiratet. Septimus wird als feinfühliger, an Literatur, vor allem Shakespeare, interessierter junger Mann mit eigenen literarischen Neigungen geschildert. Bei Kriegsausbruch meldet er sich aus einer patriotischen Stimmung heraus als Freiwilliger. Die Persönlichkeit von Septimus mag vor dem Krieg schon instabil gewesen sein, nach dem Erleben des Kriegsgeschehens hat sich beim ihm das zerrissene Innere nach Außen gekehrt, eine ernsthafte psychische Erkrankung ist nicht zu übersehen.

Peter Walsh: Peter Walsh ist jetzt 53 Jahre alt. Obwohl er offensichtlich während seiner fünfjährigen Aufenthaltes in Indien eine neue weibliche Bezugsperson gefunden hat, hat er es nicht überwunden, von Clarissa vor mehr als 20 Jahren zurückgewiesen worden zu sein. Unangekündigt besucht er seine Jugendliebe und wird von Erinnerungen und Gefühlsausbrüchen überwältigt. Mehrmals an diesem Tag zieht er sein Taschenmesser hervor und macht es auf und zu, während Clarissa mehrmals mit einer Schere agierend beschrieben wird. Was bei Clarissa noch ein nützliches Arbeitswerkzeug ist, kann man bei Peter Walsh als Ausdruck seiner Unentschlossenheit, Unzufriedenheit und des Machtstrebens deuten.

Sally Seton: Sie erscheint leibhaftig erst zum Schluss des Romans als Gast auf der Party. Zuvor ist sie nur ein Bild in Clarissas Erinnerung. Sally ist ungezwungener als Clarissa, die Initiative zum Kuss ging von ihr aus. Entsprechend den gesellschaftlichen Erwartungen und Normen hat sie sich angepasst und als Ehefrau eines Angehörigen der Oberschicht fünf Söhne zur Welt gebracht.

Dem Verlauf des Tages im Juni 1923 wird in "Mrs. Dalloway" der Verlauf des Lebens gleichgesetzt, am Tagesausklang findet die Beschäftigung der Hauptakteurin Clarissa mit Erlebtem ihr Ende, mit der Nachricht vom Tode eines Menschen wird Clarissa ihre eigene Vergänglichkeit voll bewusst. Mehrmals im Roman zitiert Clarissa sowie einmal auch Septimus aus dem Begräbnislied in Shakespeares Schauspiel "Cymbeline":
"Fear no more the heat o' the sun,
Nor the furious winter's rages;
Thou thy worldly task hast done,
Home art gone, and ta'en thy wages:
Golden lads and girls all must,
As chimney-sweepers, come to dust."
(in deutscher Übersetzung:
"Fürchte nicht mehr Sonnenglut,
Noch des Winters grimmen Hohn!
Jetzt dein irdisch Treiben ruht,
Heim gehst, nahmst den Tageslohn.
Jung Mann und Jungfrau, goldgehaart,
Zu Essenkehrers Staub geschart.").

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Biografie von Virginia Woolf
25.01.1882 Geburt in London als Adeline Virginia Stephen
Vater: Sir Leslie Stephen (1832-1904, Schriftsteller, Essayist, Historiker), Mutter: Julia Prinsep Jackson (1846-1895)
Geschwister: Vanessa (1879-1961), Thoby (1880-1906), Adrian (1883-1946) und
insgesamt vier Halbgeschwister aus den jeweils ersten beiden Ehen der Eltern

Familienwohnsitz in Kensington, 22 Hyde Park Gate 
1929 Essay "A Room of One's Own" (dt. Ein eigenes Zimmer", häufig zitiertes Werk der Frauenbewegung)

Bild rechts: Virginia Woolf 1902 (Fotograf: George Charles Beresford)

Unterricht von Hauslehrern und vom Vater 1931 "The Waves" (dt. "Die Wellen")
bis 1894 Familie verbringt Sommerferien in St. Ives in Cornwall 1932 "Flush" (dt. "Flush - Die Geschichte eines berühmten Hundes")
ab 1902 Schreiben von Essays 1935 einziges Theaterstück "Freshwater"
1904 erste Veröffentlichung 1937 "The Years" (dt. "Die Jahre")
November 1904 Bekanntschaft mit Leonard Woolf 1938 feministischer Essay "Three Guineas" (dt. "Drei Guineen")
Verkauf der Anteile am Verlag Hoghart Press
1905 Umzug der Geschwister nach Bloomsbury, 46 Gordon Square, Beginn der Bloomsbury-Künstlergruppe;
publizistische Tätigkeit für verschiedene Zeitungen, für Times Literary Supplement bis Lebensende
1939 Wohnung in London in 37 Mecklenburgh Square (schwer beschädigt bei Luftangriff im September 1940)
ab Kriegsbeginn überwiegend Aufenthalt in Monk's House
1907 nach Heirat Vanessas mit Clive Bell ziehen Virginia und Adrian zu 29 Fitzroy Square 1940 Biografie über Maler Roger Fry
1908 Reise nach Italien und Frankreich 1941 letzter Roman "Between the Acts" (dt. "Zwischen den Akten")
1909 Heiratsantrag von Lytton Strachey 28.03.1941 Selbsttötung im Fluss Ouse in Sussex, Leiche wird erst am 18.04.1941 gefunden
Bestattung der Urne unter den Ulmen im Garten von Monk's House (dort ist auch ihr 1969 verstorbener Mann Leonard bestattet)
10.02.1910 Drednought-Streich (besucht mit Anderen als Abessinier verkleidet britisches Kriegsschiff)
1912-1919 zusammen mit Vanessa Landhaus in Asheham in Sussex, in London Umzug mit Adrian zu 38 Brunswick Square
10.08.1912 Heirat (standesamtlich) mit Leonard Woolf (jüdischer Abstammung, früher im Kolonialdienst in Ceylon), Ehe bleibt kinderlos
09.09.1913 erster Suizidversuch
1915 Umzug nach Richmond bei London
"The Voyage Out" (dt. "Die Fahrt hinaus")
regelmäßiges Führen eines Tagebuchs
1917 Gründung der Hoghart Press
1919 im Juli Erwerb von Monk's House in Rodmell, Sussex
"Kew Gardens" (dt. "Im Botanischen Garten") und "Night and Day" (dt. "Tag und Nacht")
1922 "Jacob's Room" (dt. "Jacobs Zimmer")
Dezember 1922 Beginn Liebesbeziehung zur Schriftstellerin Vita Sackville-West
1924 Anmietung eines Hauses in Bloomsbury, 52 Tavistock Square
1925 "Mrs Dalloway"
1927 "To the Lighthouse" (dt. "Zum Leuchtturm") Bild oben: Monk's House, der letzte Wohnsitz von Virginia und Leonard Woolf in Rodmell, Sussex
Eine Tonaufnahme von Virginia Wolf gibt es bei der BBC.
1928 Reise mit Vita durch Frankreich
"Orlando"

Verfilmung: "Mrs. Dalloway" wurde 1997 von der niederländischen Regisseurin Marleen Gorris verfilmt mit Vanessa Redgrave in der Titelrolle. Außerdem bildete "Mrs. Dalloway" den Hintergrund für den Roman "The Hours" (dt. "Die Stunden") des amerikanischen Schriftstellers Michael Cunningham (1998 erschienen). Hier werden drei Generationen von Frauen gezeigt, die mit dem Roman "Mrs. Dalloway" verbunden sind, in der ersten Generation ist es Virginia Woolf selbst. 2002 wurde "The Hours" unter gleichem Titel verfilmt mit Nicole Kidman, Julianne Moore und Meryl Streep als Hauptdarstellerinnen (auf deutsch: "The Hours - Von Ewigkeit zu Ewigkeit", Regie: Stephen Daldry).

Im Buchhandel gibt es "Mrs. Dalloway" einmal als Taschenbuch: "Virginia Woolf, "Mrs. Dalloway", Fischer Taschenbücher Band 90038, 237 Seiten, 2008, ISBN 3-596-90038-7, 9 € und als gebundene Ausgabe, Süddeutsche Zeitung-Bibliothek Band 54, 2007, ISBN 3-86615-504-2, 5,90 €.

Bildnachweis: Das Bild vom Regent's Park basiert auf dem Bild "Regent's Park" (Autor: ionntag, Creative Commons Attribution 2.0 Generic-Lizenz), das Haus mit dem Monk's House basiert auf dem Bild "Picture 009" (Autor: OLewis, Creative Commons Attribution ShareAlike 2.0 Generic-Lizenz) und das Bild aus der Regent Street auf dem Bild "Downing Street" (Autor: robertsharp, Creative Commons  Attribution 2.0 Generic-Lizenz) von Flickr. Das Bild mit dem Doppeldeckerbus basiert auf dem Bild "AmberleyLeyland" (Autor: Michael Haslam, GNU-Lizenz für freie Dokumentation) des Dateiarchivs Wikimedia. Die anderen Fotos sind in der Public Domain/gemeinfrei.

Der Abschnitt zur Biografie Virginia Woolfs entstand unter Zuhilfenahme des Artikels "Virginia Woolf" der Enzyklopädie Wikipedia (
GNU-Lizenz für freie Dokumentation).