Pearl S. Buck: Die gute Erde

"Die gute Erde" ist der erste, 1931 erschienene Teil einer Romantrilogie von China-Roman, zu denen noch die Romane "Söhne" ("Sons", 1933) und "Das geteilte Haus" ("A House Divided", 1935) zählen.

Worum geht es in den 34 Kapiteln dieses Buches?
 Es ist zunächst eine Hommage an den chinesischen Bauern. Held ist der Bauer Wang Lung, der aus ärmlichen Verhältnissen stammt, eine Sklavin (O-lan) aus einem reichen Haus (Hwang) heiratet und eine Familie gründet.

Durch harte Arbeit und Sich-Fügen an das Schicksal bringt die Familie es zu einem bescheidenen Wohlstand, der jedoch während einer extremen Trockenheit zunichte wird. Als ein weiteres Kind geboren wird, tötet es die Mutter kurz nach der Geburt, weil keine Nahrung für das Baby vorhanden ist. Um selbst überleben, zieht die Familie von der Provinz Anhwei [Anhui] in den Süden (Kiangsee oder [Jiangxi]). Wang Lung verdient dort sein Geld als Rikschakuli, während die Kinder anfangen zu betteln und auch zu stehlen. Schließlich kommt es in der großen Stadt zu sozialen und politischen Unruhen, die der unpolitisch-naiv-bäuerliche und des Schreibens und Lesens nicht kundige Familienvater zunächst als Zuschauer erlebt. Als Mitläufer und ohne eigenen Antrieb gelangt Wang Lung in eine Villa und erlangt dort – ohne besonders gewalttätig zu werden – mehrere Goldstücke. Auch seine Frau O-lan verschafft sich Wertgegenstände, nämlich Edelsteine, was ihr Mann aber erst später nach der Rückkehr auf den heimatlichen Hof feststellt.
 

Mit den eher zufällig angeschafften Wertgegenständen erwirbt der Bauer zusätzliches Land vom Haus der Großgrundbesitzer, wo seine Frau dienen musste. In siebenjähriger Arbeit gelangt der Familie der Aufstieg, so dass die Überschwemmung des Landes durch den großen Fluss (den Jangtsekiang) der Familie nicht viel antun kann. Der neureiche Wang Lung langweilt sich und wendet sich einer Prostituierten (Lotus) zu, die er schließlich als zweite Frau zu sich nimmt. Beide Frauen leben auf dem Anwesen, von denen die eine (O-lan) körperlich unattraktiv, eine harte Arbeiterin ist, während Lotus ihre femininen Reize pflegt und ihrem Mann das Leben eines Paschas ermöglicht.


Bild oben: Brücke über den Yangtse (Jangtsekiang) in Wuhan

O-lan stirbt nach schwerer Krankheit. Zur Frage, wann der Leichnam wo beigesetzt wird, beauftragt man einen Geomanten, der eine Beisetzung nach drei Monaten für richtig hält. An der Trauerzeremonie nehmen taoistische und buddhistische Mönche teil.

Der Wohlstand wird nur getrübt vom nichtsnutzigen und schmarotzenden Onkel Wang Lungs, der mit seiner Frau und seinem Sohn Aufnahme begehrt, die man ihnen nicht verwehren darf. Als Wang Lung sie loswerden will, entdeckt er, dass der Onkel Mitglied einer gefürchteten Räuberbande ist. Auf Vorschlag seines ältesten Sohns überlässt Wang Lung dem Onkel Opium, was wie erhofft das vorzeitige Ableben des Onkels hervorruft. Der große Reichtum ermöglicht die Anmietung des Hauses der Hwangs, die inzwischen total verarmt sind. Der Sohn des Onkels spricht nicht auf das Opium an, bringt aber dann doch Erleichterung, als er in den Krieg zieht. Doch der Unsympathische kehrt mit seiner Truppe zurück und nistet sich für mehrere Wochen im Haus von Wang Lung ein, was dadurch erheblich in Mitleidenschaft gezogen wird.

Am Ende seines Lebens kann er zufrieden sein, seine Söhne sind verheiratet und haben viele Enkel. Nur das Schicksal seiner geistig behinderten Tochter bereitet ihm Sorgen. Wang Lung denkt über seinen Tod nach und sorgt sich um Schicksal dieser Tochter, um die sich nur er kümmere. Er besorgt sich Gift, um in der Stunde seines Todes auch die Tochter zu töten. Schließlich beauftragt er Pfirsichblüte mit der Pflege und der Tötung der Tochter, bevor sie – Pfirsichblüte – stirbt. Diese sagt, sie könne keinen Käfer töten, nimmt dann aber das Gift entgegen. Auch erlebt Wang Lung noch einmal spätes Liebesglück mit einer Sklavin seiner zweiten Frau (Pfirsichblüte). Unbedingt will der alte Familienpatriarch seinen Besitz als Ganzes erhalten wissen. Seine Söhne dagegen wollen das Land zumindest teilweise verkaufen, wogegen Wang Lung Protest anmeldet. Am Sterbebett beruhigen sie den Vater, blicken sich aber über den Kopf des Vaters hinweg an und lächeln.

Interpretation

Ist „Die gute Erde“ nur ein historischer Reiseführer? Wohl kaum. Pearl S. Buck schildert nicht irgendwelche Sehenswürdigkeiten und garniert um diese ein paar Einheimische. Es ist vielmehr eine einfühlsame, genaue Schilderung von Lebensverhältnissen eines uns heute weit weniger fremden Landes und ein Plädoyer für das Verständnis fremder Kulturen und eine Welt ohne rassistische Vorurteile.

Der entscheidende Wendepunkt in der Geschichte ist der plötzliche Raub bzw. Diebstahl von Wertgegenständen, die später „versilbert“ werden und den Grundstein für den Reichtum der Hauptfigur bilden. Ohne den unrechtmäßigen Erwerb wäre die Familie Bestandteil des Lumpenproletariats geblieben. Die Autorin schildert dieses Schlüsselerlebnis eher beiläufig und ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben. Gleiches gilt für die Tötung des während der Trockenheit geborenen Kindes - dieser Vorgang wird nur angedeutet – und die Verabreichung des Rauschmittels. Glorifiziert Buck das Verbrechen? Nein, vielmehr schildert sie die soziale Wurzel der Straftat, nämlich die erbärmliche Armut, die den Romanfiguren eigentlich keine andere Wahl lässt. Gibt es Alternativen? Man könnte an politische Aktivitäten denken, Wang Lung könnte sich den Umstürzlern in der großen Stadt anschließen. Aber er ist ein Opportunist, ohne politisches Verständnis. Wegen seines Analphabetentums kann man ihm keinen Vorwurf machen. Es siegt die Bauernschläue über politisches Bewusstsein. Besonders deutlich wird dies im 32. Kapitel, als der jüngste Sohn seinem Vater mitteilt, er wolle sich den Revolutionären anschließen und Soldat werden, damit das Land frei sein werde. Hierauf entgegnet ihm der Vater, dass das Land schon frei sei, schließlich verpachte er es an wen er wolle. Hat Wang Lung seine einfache Herkunft vergessen? Würden in dem Roman politische Veränderungen geschildert, die zu mehr sozialer Gerechtigkeit führen, der Leser hätte dafür aufgrund der plastischen Schilderungen von Armut und Elend Verständnis. Verständnis für China – das ist das zentrale Anliegen der von früher Kindheit an Chinesisch sprechenden Pearl S. Buck in einer Zeit, in der das riesige Land sich unter anderem den amerikanischen Machtinteressen ausgesetzt sah.

Das Buch endet mit Zweifeln am Fortbestand der Familie. Am Horizont könnte man einen Niedergang erkennen, der den Niedergang der Hwangs durch Dekadenz wiederholt. War Wang Lung nur ein gewissenloser Macho, ein seelenloser Arbeitsroboter? Mit solch psychologischen Urteilen sollte man vorsichtig sein. Aber man erfährt, dass mit zunehmenden Reichtum Selbstbeschränkung und Bescheidenheit schwinden. Gegen den Tod ist auch Wang Lung machtlos. Die gute Erde, die den Menschen formt, formt aber nur den, der sie bearbeitet. Wenn der Mensch sie bearbeitet und harte, strenge Arbeitsmoral zeigt, ist er gut, der Reichtum des Großgrundbesitzers (Hwang) korrumpiert ihn. Auch Wang Lung, der schließlich in das Haus der Hwangs einzieht. Aber Buck zeigt kein Modell einer gerechten Verteilung der weltlichen Güter oder einer Gleichberechtigung der Frau. Von der Religion erwartet Wang Lung keine Besserung, sondern verflucht die Götter, wenn es ihm schlecht geht. Die Antagonisten seiner Persönlichkeit sind auf der einen Seite seine Liebe zum Land und seine strenge Arbeitsmoral und auf der anderen Seite sein Streben nach Wohlstand, sexueller Macht und Anerkennung in der Welt der Reichen.

Hintergründe:
Religionen: China ist von drei Religionen geprägt worden, nämlich dem Konfuzianismus, dem Taoismus und dem Buddhismus. Religiösen Beistand erhofft sich der Chinese durchaus von allen drei Religionen. Oftmals wendet er sich für bestimmte Anliegen an eine der Religionen, für andere Anliegen an eine andere. Der Taoismus ist ca. 2500 Jahre alt und geht auf Lao-tse zurück. Danach ist das überirdische Tao das größte Wesen, zu dem alles zurückkehrt. Für die Chinesen ist der Taoismus zuständig für den Körper (Kreislauf). Von Kung-fu-tse (551-479 vor Beginn unserer Zeitrechnung) wurde der lateinische Name Konfuzius abgeleitet. Zentraler Inhalt des Konfuzianismus sind die fünf Tugenden, die die Grundbedingungen einer vernünftigen Ordnung der Gemeinschaft darstellen: 1. Weisheit, 2. Güte, 3. Treue, 4. Ehrfurcht, 5. Mut. Der Begründer des Buddhismus kam aus Indien nach China. An Buddha wendet sich der Chinese, wenn es um seinen Geist geht.




Oberes Bild: Ein buddhistischer Mönch und ein taoistischer Priester,
unteres Bild: Konfuzianische Schüler in China


Behinderung: Die Einstellung Wang Lungs spiegelt nicht unbedingt die heutige Rolle des Behinderten in der chinesischen Gesellschaft wieder. 2008 werden auch die Paralympics in Peking stattfinden. Bei den Olympischen Spielen der Behinderten in Athen 2004 errang die chinesische Mannschaft übrigens die meisten Medaillen. Die internationalen Wettspiele für geistig und mehrfach Behinderte Special Olympics fanden 2007 in Schanghai statt. In der heutigen Volksrepublik gibt es ein Behindertengesetz, das auf die Gleichstellung dieser Personengruppe mit anderen abzielt. In Artikel 45 Absatz 3 der Verfassung der Volksrepublik heißt es: "
Der Staat und die Gesellschaft treffen Vorkehrungen für die Arbeit, das Leben und die Ausbildung der Blinden, Taubstummen und anderer behinderter Bürger".

Verfilmung: "Die gute Erde" wurde
bereits 1937 verfilmt (Regie: Sidney Franklin, Länge: 135 Min., Verleih: MGM, Kino-Start in Deutschland: 01.12.1949, mit Paul Muni als Wang Lung und Luise Rainer als O-lan).

Im Buchhandel gibt es "Die gute Erde" von Pearl S. Buck in verschiedenen Ausgaben: Neuausgabe 2008 im Verlag Langen/Müller, 351 Seiten, ISBN 3-7844-3135-6, 19,90 EUR sowie als Taschenbuch in einer Übersetzung von Robby Remmers im Deutschen Taschenbuchverlag (dtv), Band 13543, 331 Seiten, 2007, ISBN 3-423-13543-3 zum Preis von 9,50 EUR.



Das Bild mit Rikscha basiert auf dem Bild "Rickshaw china.jpg" (Autor: Gveret Tered,
GNU-Lizenz für freie Dokumentation) des Dateiarchivs Wikimedia, das Bild aus Wuhan auf dem Wikimedia-Bild "Wuhan Yangtze River Bridge.jpg" (Autor: KongFu Wang, Creative Commons Attribution ShareAlike 2.0-Lizenz), das Bild mit den beiden Geistlichen auf dem Wikimedia-Bild "Buddhist monk and Taoist priest, Mount Wutai, Shanxi, China.PNG" (Autor: Lavelk) und das Bild mit den konfuzianischen Schülern auf dem Bild "Confucian scholars in China 1.PNG" (Autor: Lavelk), die beiden letzten Wikimedia-Bilder stehen unter der Creative Commons Attribution 2.0-Lizenz.