Pearl S. Buck: Ostwind - Westwind

In ihrem 1930 erschienenen Erstlingswerk "Ostwind-Westwind" beschreibt Pearl S. Buck überzeugend und mit großer Sachkenntnis den Konflikt zwischen den traditionellen Werten und Überzeugungen des alten China und den modernen Strömungen aus dem Westen und Amerika, welche die althergebrachte Ordnung der feudalen chinesischen Gesellschaft in Frage stellen.

Inhalt:
1. Teil: Die aus einer adeligen Familie stammende Kuei-lan ist über ihre Ehe anfänglich nicht glücklich. Ihr Mann, ein Arzt, der im Ausland studiert hat, bevorzugt einen westlich orientierten Lebensstil. Erst nach dem es dem Gatten gelungen ist, Kuei-lan zu bewegen, die traditionell gebundenen Füße aufzubinden, empfindet sie mehr Aufmerksamkeit und Zuneigung. Entsprechend den alten Traditionen konnten sich die Eheleute den Partner nicht selbst aussuchen, sondern wurden von den Eltern füreinander bestimmt, als sie noch Kleinkinder bzw. noch gar nicht geboren waren. Im China von "Ostwind-Westwind" ist die Vielweiberei noch üblich, so hat Kuei-lans Vater vier Konkubinen. Ihr Bruder ist schon vor seinem ersten Geburtstag für die Tochter von Herrn Li bestimmt worden.

Die liberalen Vorstellungen ihres Gatten sind für Kuei-lan befremdend. So kann sie nicht verstehen, dass dieser ihr sagt, dass sie ihm gleichstehend sei. Verstört von so viel Fremdartigkeit, hält sich Kuei-lan wieder vorübergehend im elterlichen Haushalt auf, kehrt aber zum Mann zurück, nachdem ihre Mutter sie davon überzeugen kann, dass es Aufgabe der Frau sei, dem Mann zu gefallen. Schließlich wird Kuei-lan schwanger und gebärt einen Sohn. Für Kuei-lan ist es ungewohnt, als sie erlebt, dass eine Ausländerin ihr Kind selbst stillt, während
hochstehende Frauen dies im China der alten Zeit von Ammen (Sklavinnen) machen ließen, deren Kind gestorben war oder sogar hierfür umgebracht wurde. Nur mit Mühe und dank der modernen Ansichten ihres Gatten gelingt es der Mutter, dass Kind behalten zu dürfen, worauf bereits ihre Schwiegereltern Ansprüche angemeldet hatten.


Bild oben: Der Qixia-Tempel (ca.20 km nordöstlich von Nanjing, VR China) aus der Zeit der südlichen Qi-Dynastie

2. Teil: Die eigene Konfrontation mit den anderen Lebensvorstellungen des Westens wiederholt sich, als Kuei-lan von ihrem Bruder erfährt, dass er, der die letzten drei Jahre in den USA verbracht hat, eine Amerikanerin zur Frau nehmen will, was für eine traditionelle chinesische Familie jener Zeit unvorstellbar war. Kurze Zeit trifft ein zweiter Brief ein, diesmal von einem Freund ihres Bruders, der schreibt, Kuei-lans Bruder habe die Tochter eines seiner Universitätslehrer geheiratet. Kuei-lans Mutter wird von Gram erfüllt und scheint krank aufgrund des eigenmächtigen Vorgehens des Sohnes geworden zu sein. Die Familienoberhäupter bestehen weiterhin auf einer Verheiratung des Bruders mit der Tochter des Hauses Li. Schließlich kommt das in Amerika frisch vermählte Paar und hält sich zunächst bei Kuei-lan auf, bis deren Eltern es zu empfangen bereit sind. Nach einigem Warten dürfen die beiden sogar ins Haus der Eltern ziehen, doch verlangt die Mutter, dass die Fremde - sie heißt Mary - ein Jahr lang das Leben einer Chinesin führe. Der Vater war zunächst einer Entscheidung ausgewichen und nach Tientsin gefahren, kehrt aber später zurück und findet Gefallen an der Fremden. Der Gesundheitszustand der Mutter verschlechtert sich, als publik wird, dass die fremde Frau schwanger von Kuei-lans Bruder ist. Dessen Mutter greift immer häufiger zur Opiumpfeife und kommt nur noch selten aus dem Bett, während


Bild oben: Opiumpfeife


der Vater den Nachwuchs mit den Worten kommentiert, dass sie einen kleinen Ausländer zum Spielen bekommen. Kuei-lan besucht den Tempel und bringt Opfer dar, doch den Tod ihrer Mutter kann sie nicht verhindern. Familie Li besteht weiter auf Vollzug des Eheversprechens. Kuei-lans Bruder fragt den Vater nach der Zustimmung zur Ehe mit der Ausländerin, doch das Familienoberhaupt weicht wiederum aus. Schließlich lässt er durch einen Boten seine Ablehnung zur Aufnahme der Fremden mitteilen. Daraufhin bricht der Bruder mit seiner Familie und zieht mit seiner amerikanischen Frau in ein kleines Haus und muss seinen Lebensunterhalt jetzt selbst verdienen. Der Bruder verliert seinen Erbanspruch, der zur Entschädigung der Familie Li verwendet werden soll. Mary entbindet einen Sohn und näht gemeinsam mit Kuei-lan Kleider für die Kinder.

Stil:
Der Roman gliedert sich in zwei Teile mit insgesamt 21 Kapiteln. Im ersten Teil erlebt der Leser die Konfrontation und Anpassung der Hauptperson Kuei-lan mit den freiheitlichen Wertvorstellungen des Westens, vermittelt durch ihren Ehemann, den sie gerade durch die überkommene Familientradition des alten Chinas zum Ehemann gewonnen hat. Der nachfolgende Teil schildert, wie auch Kuei-lans Eltern unweigerlich mit den Einflüssen der Moderne fertig werden müssen, anders aber als ihre Tochter eine Anpassung ablehnen und so das Auseinanderbrechen der Familie heraufbeschwören. Die Liebe zum jeweiligen Partner ist stärker als die von der Tradition geforderte Rücksichtnahme auf die Eltern. Als Erzählstil verwendet Pearl S. Buck den Berichtsstil. Der Roman ist als ein Bericht Kuei-lans in Ich-Form an eine fiktive Leserin geschrieben, wobei es sich um eine Ausländerin handeln soll, die aber schon länger in China lebt ("alle deine Jahre unter uns verbracht"). Unweigerlich muss man dabei an die Autorin Buck selbst denken, die den größten Teil ihrer Kindheit in China verbracht hatte und seit frühester Jugend Chinesisch spracht. Insgesamt kann man den Erzählstil als flüssig, einfach und elegant zugleich bezeichnen, der Leser erfährt spielend von den Lebensumständen im alten China.

Ort der Handlung:
Obwohl der Ort der Handlung nicht genau genannt wird, kann dieser durch geografische Hinweise näher bestimmt werden. So berichtet die Verfasserin von einem kurzen Ausflug von Kuei-lans Bruder und Mary zum Purpurberg, der sich vor den Toren von Nanjing (Nanking) befindet. Des Weiteren beschreibt Kuei-lan ihre Heimatstadt uralte Stadt des Reiches der Mitte, was auf Nanjing zutrifft, das zu den ältesten Städten Chinas zählt und während der Sechs Dynastien (220-589 n. Chr.), der südlichen Song-Dynastie (1127-1279) und zu Beginn der Ming-Dynastie (1368) Hauptstadt des Kaiserreichs China war. Die Wahl von Nanjing als Schauplatz von "Ostwind-Westwind" ist nicht verwunderlich, lebte doch Pearl S. Buck in den 20er Jahren in Nanjing und unterrichtete dort Englisch an der Universität.


Bild oben: Observatorium auf dem Purpurberg (Purple Mountain) bei Nanjing

Hintergründe
Gebundene Füße
Zu Beginn von "Ostwind-Westwind" erfährt der Leser gleich von einem Symbol des alten Chinas, nämlich von Frauen mit gebundenen Füßen. Es ist ihr aufgeklärter liberaler Ehemann, der Kuei-lan von dieser Tortur befreit, was seine Ehefrau aber zunächst nicht als Befreiung empfindet, zu verwurzelt ist die Frau noch in den alten Gebräuchen und Überlieferungen und einem Schönheitsideal, das durch das Binden (und häufig auch Brechen) der Füße erzielt werden sollte.


Bilder von Chinesinnen mit gebundenen Füßen
(von Wikimedia,
Public Domain/gemeinfrei)


Das Fußbinden geht zurück auf eine Geliebte und Tänzerin des letzten Kaisers der Tang-Dynastie (Li Houzhu, 937-978 n.Chr.), die sich die Füße band, um auf einem lotusblütenförmigen Gebilde besondere Tanzleistungen hervorzubringen. Anfänglich wurde der Fuß nur bandagiert. Im Laufe der Zeit bildete sich diese Übung in ganz China heraus. Zuerst wurde der Fuß massiert und dann die Fußknochen mit einem Stein gebrochen. Der Fuß wurde dann so eng mit Bandagen umschlungen, dass er nicht nur im Wachstum gehemmt und zum Klumpfuß verformt wurde, sondern oft auch teilweise oder ganz abstarb. Mit Ausnahme der großen Zehe wurden alle Zehen unter die Fußsohle gebogen. Die Folge war, dass Frauen nicht mehr lange Strecken gehen konnten, reiche Frauen wurden ohnehin in einer Sänfte befördert. Nach Gründung der Republik 1911 wurde das Binden der Füße verboten, es war aber bis in die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts noch üblich. Endgültig verschwand diese Unsitte mit der Ausrufung der Volksrepublik China 1949 und der proklamierten Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Das traditionelle China
Nicht nur das Fußbinden mutet den Betrachter des heutigen Chinas fremd an, sondern auch die erstaunliche Anzahl von Nebenfrauen, die vornehme chinesische Männer hatten. Jedoch konnten sich nur vornehme wohlhabende Männer dieses Vorrecht leisten. Die ursprünglich einzige Gattin behielt aber durch die Hinzunahme weiterer Frauen ihre Rolle als "Erste Dame" im Haus. Seit 1949 ist Monogamie in China die einzige gesetzliche Ehe. Für den heutigen Leser mutet die Reserviertheit von Kuei-lans Eltern gegenüber der Welt Amerikas fremd an, ist doch China am Beginn des 21. Jahrhunderts das Land mit einer schier grenzenlosen Nachfrage nach modernen Konsumartikeln und einer vielleicht zu schnellen Übernahme westlichen Lebensstils.

Die Ausführungen zum Thema "gebunden Füße" wurden erstellt unter Zuhilfenahme des Artikels "Lotosfuß" der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia (steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation).

Bilder: Das Bild mit dem Qixia-Tempel basiert auf dem Bild "Qixiasi05.jpg" (Autor:Px820, GNU-Lizenz für freie Dokumentation) des Dateiarchivs Wikimedia. Bild Opiumpfeife und Purpurberg: Public Domain/gemeinfrei.