Vernunft und Aberglauben, Mensch und Natur, Individualität und Konformität sind die zentralen Triebkräfte in Storms Novelle
Theodor Storm: Der Schimmelreiter
Die nordfriesische Heimat des Autors findet sich in seinen Werken wieder

Der jahrhundertelange Kampf des Menschen an der nordfriesischen Küste gegen die Macht des Meeres ist der Hintergrund der vielleicht meist gelesenen deutschen Novelle "Der Schimmelreiter". Sie handelt vom Aufstieg des vernunftbegabten Hauke Haien zum Deichgrafen, seinem Kampf gegen Aberglaube und Dummheit der Masse und letztlich vom tragischen Scheitern im Kampf gegen den selbst gewählten Gegner Meer.

Der Schimmelreiter - Inhalt:

Hauke Haien kommt eines Tages am Haus der alten Trin Jans vorbei, nachdem er einen Vogel gefangen hatte. Als er vom Angorakater der Trin Jans angegriffen wird, tötet er das Tier. Seine Herrin macht Hauke deshalb Vorhaltungen und beschwert sich bei seinem Vater, Tede Haien. Der erkennt, dass die Kate für ihn und seinen erwachsenen Sohn zu klein sei. Hauke besorgt sich eine Stellung als Kleinknecht beim Deichgrafen Tede Volkerts. Hauke bändelt mit dessen Tochter Elke an und erweckt den Zorn des Großknechts Ole Peters, der Hauke intellektuell unterlegen ist. Beim Boseln imponiert Hauke der Elke Volkerts. Sein Gegenspieler, Ole Peters, heiratet schließlich Vollina Harders und verlässt seine Stellung als Großknecht bei Tede Volkerts, der daraufhin Hauke zum Großknecht macht.

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Hauke ist ein kluger Mann, besonders beim Rechnen und in der Geometrie ist er vielen überlegen und erweist sich als wertvolle Hilfe für den Deichgrafen, der von den Dorfbewohnern Abgaben für den Deichbau einkassiert. Haukes Vater hatte im Alter Antje Wohlers unterstützt, die im Gegenzug ihr Anwesen auf ihn überträgt. Nach deren Tod übernimmt Hauke das Anwesen. Tede Volkerts stirbt, beim Leichenschmaus stellt sich die Frage, wer neuer Deichgraf wird. Der bisherige Stellvertreter, der Deichgevollmächtigte Jewe Manners, lehnt wegen seines hohen Alters ab und schlägt Hauke vor. Doch dem 23-Jährigen wird vorgehalten, zu jung zu sein und vor allem kein Land zu besitzen. Da mischt sich Elke Volkerts ein und berichtet, mit Hauke verlobt zu sein, vor ihrer Heirat wolle sie ihren gesamten Besitz auf Hauke übertragen. Der Oberdeichgraf macht Hauke zum Nachfolger von Tede Volkerts.

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Einige Jahre später: Der hart arbeitende Hauke und Elke sind verheiratet, es fehlt aber noch ein Kind. Hauke plant einen Koog (Eindeichung des Deichvorlandes). Seine Frau sagt, dass nach der Tradition im neu zu bauenden Deich etwas Lebendiges begraben sein müsse, etwa ein Kind, was man jetzt - in der Mitte des 18. Jahrhunderts - wohl nicht mehr machen könne, oder zumindest ein Hund. Hauke weist diesen Aberglauben strikt zurück. Ole Peters ist argwöhnisch wegen Haukes Aufstieg, der "Schreiberknecht sei nur wegen seines Weibes wegen" Deichgraf geworden und trifft damit die Stimmung der Dorfbewohner, die Hauke distanziert gegenüber stehen.

Der Tagelöhner und Haukes Knecht Iven Johns glauben auf der Hallig vor dem Deich (Jevershallig) etwas zu sehen, was wie ein Schimmel aussieht. Es ist vermutlich nur das Gerippe eines verendeten Pferdes. Nachdem Hauke vom Pferdemarkt aus der benachbarten Stadt einen Schimmel mitgebracht hat, sagt sein Dienstjunge Carsten dem Knecht, dass der Schimmel von der Hallig jetzt im Stall von Hauke stehe. Nur Hauke kann dieses Pferd reiten. Carsten meint, Hauke stehe mit dem Teufel im Bande, da das Pferdegerippe nicht mehr auf der Hallig zu erkennen ist, kündigt und arbeitet fortan bei Ole Peters.

Der Oberdeichgraf akzeptiert Haukes Plan und schon bald beginnen die Bauarbeiten für das kühne Vorhaben. Ole Peters, der jetzt Deichgevollmächtigter ist, steht dem ganzen skeptisch gegenüber.

Im neunten Ehejahr bekommt Elke ihr erstes Kind, Wienke, das sich später als geistig zurückgeblieben erweist. Elke erkrankt an Kindbettfieber. Im Fieber sieht sie Haukes Tod im Wasser voraus. Haukes Stoßgebet um Rettung der Ehefrau wird von der Dienstmagd Ann Gret belauscht und falsch verstanden, die im Dorf behauptet, Hauke habe die Allmacht Gottes bestritten.

Im November ist der neue Deich fast fertig. Die rebellischen Dorfbewohner wollen im Deich einen Hund lebendig begraben. Hauke hält dass für heidnischen Unsinn und rettet den Hund. Der Koog wird fertig gestellt.

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Die gebrechliche Trin Jans wird in Haukes Haushalt aufgenommen und stirbt fast neunzigjährig.

Von einer schweren Erkrankung genesen, besichtigt Hauke eines nachts den neuen Deich und stellt Schäden fest an der Stelle, wo der alte auf den neuen Deich stößt. Im Gasthaus
überredet Ole Peters den Deichgrafen, nur eine provisorische Reparatur durchzuführen, da der Schaden wohl nicht sehr groß sei. Die Sturmflut von 1756 kommt und gräbt ein Loch in den alten Deich. Hauke setzt sich auf seinen Schimmel und reitet zu den Dorfbewohnern, die bereits ein Loch in den neuen Deich gegraben haben, um den alten zu retten. Niedrig gelegene Besiedlungen werden evakuiert. Hauke ist entsetzt über die eigenmächtige Anordnungen seines Stellvertreters Ole Peters. Doch Hauke kann den Untergang nicht aufhalten. Das Wasser nimmt sich seinen Weg und der Deich bricht unter den Hufen des Pferdes zusammen. Hauke sieht noch, wie seine Frau mit Kind den sicheren Hof verlassen und zu flüchten versuchen, jedoch ziehen sie in die falsche Richtung. Das Dorf wird überschwemmt. Hauke fleht, dass Gott ihn nehme und seine Familie verschone und gibt dem Schimmel die Sporen. Hauke und seine Familie werden vom  Meer weggerissen und nicht mehr gesehen. Der von ihm gebaute neue Deich steht aber noch heute1).

Theodor Storm schildert das Schicksal des Hauke Haien als eine Legende, die von den Bewohnern Nordfrieslands weitererzählt wird. So beginnt der Autor als Ich-Erzähler, der die Geschichte vor reichlich einem halben Jahrhundert" - also etwa 1830 - im Haus seiner Urgroßmutter bei der Lektüre einer Zeitschrift erfahren haben will. Der einleitende Ich-Erzähler gibt dann die Erzählung eines anderen Ich-Erzählers in der Zeitschrift wieder. Der ritt im dritten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts über den Deich, als ihm bei schlechtem Wetter eine dunkle Gestalt auf einem Schimmel entgegenkommt. Der Erzähler kehrt in einer Gaststätte ein, wo ihm Schulmeister und Deichgraf die Geschichte vom Schimmelreiter Hauke Haien erzählen, der noch heute mystisch durch die Lande reitet. (
Einige Männer berichten während der Erzählung des Schulmeisters, der Schimmelreiter habe sich in eine frische Bruchstelle des Hauke-Haien-Deiches gestürzt).

1) Der Hauke-Haien-Koog wurde 1957-1959 gebaut und nach der Romanfigur benannt. Der Koog befindet sich bei Schlüttsiel, 10 km südlich von Dagebüll.

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Der "Schimmelreiter" wurde mehrfach verfilmt:

1933 Regie: Curt Oertel, Hans Rappe, mit Mathias Wiemann (Hauke) und Marianne Hoppe (Elke), 85 Minuten,
1978 Regie und Drehbuch: Alfred Weidenmann, mit John Philipp Law (Hauke), Anita Ekström (Elke), Gert Fröbe (Deichgraf Volkerts), Lina Carstens (Trin Jans), 96 Minuten,
1984 Regie: Klaus Gendries, Co-Produktion des Fernsehens der DDR und Polens, mit Sylvester Groth (Hauke), Jolanta Grusznic (Elke), Hansjürgen Hürrig (Ole), Lech Ordon (Tede Haien), 95 Minuten.

Es gibt eine Bearbeitung des Stoffes als Oper von Wilfried Hiller (geboren 1941). Die Uraufführung war am 21. Juni 1998 in Kiel (22 Szenen und ein Zwischengesang, Libretto von Andreas K.W. Meyer). Außerdem existieren mehrere Bühnenadaptionen des Stoffes, so von John von Düffel.

Im Buchhandel ist der Schimmelreiter erhältlich:
Den Text der Novelle "Der Schimmelreiter" finden Sie im Internet unter http://projekt.gutenberg.de/storm/schimmel/schimmel.htm bzw. http://www.digbib.org/Theodor_Storm_1817/Der_Schimmelreiter und als pdf-Dokument (156 KB) unter http://www.digbib.org/Theodor_Storm_1817/Der_Schimmelreiter_.pdf.

Informationen über Storm gibt es auch auf der Website der Stormgesellschaft.






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