Der
Schimmelreiter - Die Personen
Tragische
Hauptperson dieser
Novelle Storms ist Hauke Haien, der sich mit seiner Intelligenz und
seinem Mut von der Masse der Dorfbevölkerung abhebt. Hauke
wächst nur beim Vater auf, von seiner Mutter erfahren wir
überhaupt nichts. Schon früh zeigt sich Haukes
Intellekt, der
Vater gewahrte, "daß der Junge weder für
Kühe noch
Schafe Sinn hatte" und schickt ihn zu den Deicharbeitern, doch Haukes
Wissensdrang ist stärker. Das Buch des Euklid zur Geometrie
kann
er zunächst nicht lesen, da es auf Holländisch
verfasst ist,
aber er erlernt diese Sprache, um sich das Werk
zu
erschließen. Zu Gleichaltrigen, die in ihm einen
Träumer
sehen, geht er auf Distanz ("Mit
denen zu verkehren, die mit ihm auf der Schulbank gesessen hatten, fiel
ihm nicht ein, auch schien es, als ob ihnen an dem Träumer
nichts
gelegen sei"). Die Kontaktarmut ist kennzeichnend
für
Haukes Persönlichkeit. Mit seinem sozialen Aufstieg nimmt sie
nicht ab, sondern findet ihre Ausformung in der Ablehnung des
abergläubischen Pöbels durch den
vernunftorientierten,
rational Handelnden an der Spitze der Gemeinschaft. Hauke ist
überzeugt, das Richtige für das Wohl und die
Sicherheit des
Dorfes zu tun ("die
Ungeschickten
und Fahrlässigen, die er früher durch ruhigen Tadel
zurechtgewiesen hatte, wurden jetzt durch hartes Anfahren aufgeschreckt").
Sein Überlegenheitsgefühl zeigt fast schon paranoide
Züge ("Der
Schimmel ging in stolzem Galopp; vor seinen Ohren aber summte es:
»Hauke-Haien-Koog! Hauke-Haien-Koog!« In
seinem
Gedanken wuchs fast der neue Deich zu einem achten Weltwunder; in ganz
Friesland war nicht seinesgleichen! Und er ließ den Schimmel
tanzen; ihm war, er stünde inmitten aller Friesen; er
überragte sie um Kopfeshöhe, und seine Blicke flogen
scharf
und mitleidig über sie hin"). Doch im Anblick der
Katastrophe erkennt Hauke sein Unvermögen ("Er
allein hatte die Schwäche des alten Deichs erkannt; er
hätte
trotz alledem das neue Werk betreiben müssen. »Herr
Gott,
ja, ich bekenn es«, rief er plötzlich laut in den
Sturm
hinaus, »ich habe meines Amtes schlecht gewaltet!«").
Hauke ist es nicht gelungen, die Skeptiker zu
überzeugen und
gewinnend aufzutreten. Als er an der Richtigkeit seines Tuns zweifelt,
ist die Diskrepanz zu den anderen Dorfbewohnern zu weit
fortgeschritten, so dass er fahrlässig auf die Auskunft Ole
Peters
vertraut, es werde schon alles gut gehen ("der
alte Deich, er würde den Stoß nicht aushalten, der
gegen ihn
heraufschösse! Was dann, was sollte dann geschehen? - Nur
eines,
ein einziges Mittel würde es geben, um vielleicht den alten
Koog
und Gut und Leben darin zu retten. Hauke fühlte sein Herz
stillstehen, sein sonst so fester Kopf schwindelte; er sprach es nicht
aus, aber in ihm sprach es stark genug: Dein Koog, der
Hauke-Haien-Koog müßte preisgegeben und der neue
Deich durchstochen werden! und am Tag danach:
"›Es war so schlimm nicht‹, sprach er erleichtert
zu sich selber, ›du bist gestern doch dein eigner Narr
gewesen!‹").
Anzeigen
In seiner Ehe ist Hauke ein liebevoller, treuer
Ehemann, der
aber
beruflichen Ehrgeiz über die familiären
Verpflichtungen
stellt. Bemerkenswert ist auch sein freundlicher Umgang mit der
behinderten Tochter Wienke ("und
an der Wiege seines Kindes lag er abends und morgens auf den Knien, als
sei dort die Stätte seines ewigen Heils"; "»Ich
hab sie lieb, und sie schlägt ihre Ärmchen um mich
und
drückt sich fest an meine Brust; um alle Schätze
wollt ich
das nicht missen!«"). Ehe und Familie werden
Zufluchtsorte für den unnahbaren Deichgrafen. Doch Storm zeigt
uns auch gewisse
sadistsische Neigung der Hauptfigur: so wirft Hauke mit Steinen nach
Vögeln ("Er
hatte das von Kindesbeinen an geübt, und meistens blieb einer
auf dem Schlicke liegen");
er tötet den Kater der Trin Jans und legt den Kadaver vor
deren
Tür. Storm schreibt über das
Äußere Haukes, dass
er langes, fahles, blondes Haar habe, er sei eine "lange Friesengestalt
mit den klugen grauen Augen neben der hageren Nase und den zwei
Schädelwölbungen darüber".
Tede Haien:
Nach der Auffassung der Dorfbewohner, die von
Elke Volkerts
wiedergegeben wird, gilt er als "der
klügste Mann im Dorf",
wenngleich in wirtschaftlicher Hinsicht nur mit bescheidenem Erfolg,
der dann aber erleben muss, wie ihm sein Sohn
intelligenzmäßig über den Kopf
wächst so dass Tede
ihm die Aufnahme einer Tätigkeit bei einem anderen
Dorfbewohner empfiehlt. Schließlich hält Tede seinen
Sohn
für das Amt des Deichgrafen bestens geeignet.
Anzeigen
Tede Volkerts:
Hat das Amt des Deichgrafen aus Tradition und
wegen
seines Vermögens, weniger wegen seiner deichbauerischen
Fähigkeiten. Tede Haien über ihn: "»Der
Deichgraf ist ein Dummkopf, dumm wie 'ne Saatgans! Er ist nur
Deichgraf, weil sein Vater und Großvater es gewesen sind, und
wegen seiner neunundzwanzig Fennen."
Elke Volkerts:
Ebenso mutterlos wie Hauke, zeigt sich Elke
als
couragierte Person, als sie beim Leichenschmaus von der Verlobung mit
Hauke berichtet und damit ihre Emotionen und ihren Willen in der
männerdominierten Gesellschaft durchzusetzen weiß.
Ole Peters:
Einen Kampf mit dem intellektuell
überlegenen
Hauke
kann Tagelöhnersohn Ole ("ein tüchtiger
Arbeiter und ein maulfertiger Geselle")
nicht bestehen, er zieht die Konsequenz und sucht sich eine
neue Stellung. Später intrigiert er gegen seinen Widersacher,
den
er bei der Dorfbevölkerung herabsetzt und behauptet, nur wegen
seines Weibes wegen Deichgraf geworden zu sein. Oles Aufstieg ist
verhaltener (Heirat der Tochter des Deichgevollmächtigten und
Erbschaft).
Jewe Manners:
Gehört zu der kleinen Gruppe der
Dorfbewohner,
die Hauke unterstützt.

Hinweis für
Benutzer, die Javascript deaktiviert haben: Dieses Dokument ist Teil
eines Framesets. Klicken Sie hier,
um das Frameset zu laden.