Sozialstruktur OzeaniensDas Sozialsystem Ozeaniens

Mit Science fiction verbinden viele Betrachter Vorstellungen von Schilderungen aus der Zukunft mit beeindruckenden technischen Erfindungen, insbesondere der Erforschung des Weltalls. Doch mit Orwells "1984" sowie mit Aldous Huxleys "Schöner neuer Welt" oder Ray Bradburys "Fahrenheit 451" erlebt der Leser eine Welt, die vor allem durch ihre Gesellschaftsstruktur auffällt.

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Das Ozeanien von "1984" ist ein hierarchisch strukturierter Staat, in dem der größte Teil der Bevölkerung, die "Proles" (umgangssprachlich für Proletarier), keinen Einfluss hat und nur als Arbeitskraft interessant ist, obwohl doch gerade der Sozialismus die Lebensverhältnisse der Werktätigen verbessern wollte.

Die kleinste, aber mächtigste Bevölkerungsgruppe ist die Innere Partei, die etwa 2 % der Bevölkerung ausmacht. Diese Gruppe verfügt über Privilegien: sie wohnt in besseren Stadtvierteln, bezieht hochwertige Lebens- und Genussmittel und kann den Teleschirm vorübergehend abschalten. Mit 13 % umfasst die Äußere Partei einen etwas größeren Teil, sie sind die "Hände", der Apparat, zur Ausführung der politischen Vorgaben der Inneren Partei. Mitglieder der Äußeren Partei tragen einen blauen Overall, die Mitglieder der Inneren Partei einen schwarzen. Die größte Gruppe aber sind mit 85 % die Proles, deren Aufgabe es ist, zu arbeiten, in den Krieg zu ziehen und sich fortzupflanzen. Sie werden bewusst dumm und passiv gehalten. Es gibt für sie spezielle Unterhaltungsromane und pornographische Werke. Im Gegensatz zu den anderen Schichten ist ihnen ein freizügigeres Sexualleben erlaubt, es gibt sogar Prostitution. Winston zitiert Parteiangaben, wonach 40 % der Proles "literate" seien, was im Englischen sowohl "(literarisch) gebildet" als auch des "Schreibens und Lesens kundig" bedeutet.
Mit 12 Jahren beginnen sie ein Werktätigendasein, mit 60 Jahren sind sie größtenteils gestorben. In den meisten Wohnungen für Proles gibt es keinen Teleschirm. Offensichtlich ist die Verdummung so wirkungsvoll, dass von ihnen keine Gefahr zu erwarten ist.

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Orwells Gesellschaftsvision ist inspiriert von den Aussagen des amerikanischen Soziologen James Burnham (1905-1987) und ähnelt dem Staatsbild des griechischen Philosophen Platon (427 bis 347 vor Beginn unserer Zeitrechnung). In seinem Werk "Regime der Manager" ("The Managerial Revolution") beschreibt Burnham, wie Manager zunehmend an Bedeutung gewinnen, andere Schichten ausbeuten und die kapitalistische Gesellschaftsform überwinden. Zu dem Werk dieses amerikanischen Autors schrieb Orwell 1946 selbst einen Aufsatz ("Second Thoughts on James Burnham"). Das Modell Platons weist ebenfalls drei Schichten auf: 1) Handwerker und Bauern, 2) die Wächter und 3) die Regenten. Anders aber als im antiken Vorbild werden die Proles in die unterste Schicht geboren und können nicht aus ihr hinaus. Im Gegensatz zu den Proles unterliegt das Sexualleben der Führungsschicht strengen Reglementierungen, Heiraten sind genehmigungsbedürftig und das einzige Ziel einer Ehe ist die Erzeugung von Nachwuchs. Die Partei züchtet sogar eine Elitevereinigung, die Junioren Anti-Sex-Liga, in der ein Zölibat für beide Geschlechter besteht, die Kinder durch künstliche Befruchtung gezeugt und in staatlichen Anstalten großgezogen werden. Das erinnert an die freudsche Sublimations-Theorie, wonach sich sexueller Verzicht in sozial akzeptierten Handlungen, insbesondere kulturellen Leistungen oder gesellschaftlichem Machtstreben niederschlägt. Durch die Nichtbefriedigung der Triebwünsche spare die Elite im Gegensatz zum "Gesindel" psychisches Kapital, das dann in kulturelle Leistungen eingehe.

Eine Gesellschaft, die zu 85 % aus unwissenden Arbeitsrobotern besteht, löst heute Befremden aus, denn der technologische Fortschritt und die Rationalisierung der Arbeitswelt zeigen, dass in unserer Zeit auch qualifizierte, eigenständig denkende und handelnde Arbeitskräfte benötigt werden.


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