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von Jan von
Bröckel: Portal
Literatur
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August Strindberg: Das rote Zimmer
Einführung
Anders
als viele Schauspiele Stindbergs dürfte sich der 1879 erschienene Roman
„Das rote Zimmer“ (Originaltitel: „Röda rummet“) den meisten Lesern
leicht erschließen. Es geht in diesem Werk um den
Selbstfindungsprozess des jungen Arvid Falk, der angewidert von einer
bürgerlichen Existenz als Beamter die sichere Stellung aufgibt und sich
zur Schriftstellerei hingezogen fühlt, dabei die unterschiedlichsten
Arbeiten ausübt und Verständnis bei einer Gruppe
gleichgesinnter Künstler findet. Letztlich spiegelt sich der Gegensatz
zwischen Bürgertum und Ordnung einerseits und der Kunst und Freiheit
andererseits wieder. Dies alles geschieht vor dem Hintergrund einer
sich
zuspitzenden sozialen Frage, die Antworten sucht nach den immer
deutlicher werdenden sozialen Gegensätzen. In der Person Arvid Falks
findet sich unschwer der selbstzweifelnde Strindberg wieder, der in
diesem Werk seine Entscheidung für die Kunst nachvollziehen lässt. „Das
rote Zimmer“ bedeutete für Strindberg den Durchbruch und seine
Anerkennung als Schriftsteller.

Bild
oben: Berns Salonger, Zeichnung von
1862
|
Der Name des Romans
„Das
rote Zimmer“ bezieht seinen Namen nach einem rot möblierten Salon in
Berns Salonger, einem heute noch existierenden Restaurant und
Unterhaltungszentrum im Berzelii-Park im Herzen Stockholms. Das Gebäude
wurde am 1. August 1863 eingeweiht, Bauherr war Heinrich Robert Berns.
In dem roten Zimmer traf sich ein Kreis von Künstlern, zu dem die
Hauptperson des Buches, Arvid Falk, Anschluss fand.
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Inhalt
Der junge
Arvid Falk hat seine Stellung als Beamter beim Amt für die Auszahlung
der Beamtenpenionen aufgegeben, er will Schriftsteller werden. An einem
Maiabend in den Siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts trifft er in
Stockholm den Journalisten Struve und erzählt ihm von seiner letzten
beruflichen Tätigkeit, wobei er besonders die undemokratische und
herablassende Einstellung der Beamten erwähnt. Struve war schon für
verschiedene Zeitungen tätig und hört den Ausführungen Falks sorgfältig
zu, er wird diese Eindrücke ohne Rücksprache für einen eigenen
Artikel über die Situation in einer Behörde verwenden. Arvid Falk hat
einen
älteren wohlhabenden Bruder namens Karl Nikolaus Falk, der in der
Österlanggatan auf Gamla Stan einen Laden für Flachs betreibt. Die
Eltern der Brüder sind bereits gestorben. Der chronisch in Geldnöten
stehende Arvid versucht erfolglos von seinem Bruder und früherem
Vormund Geld zu bekommen, doch Karl Nikolaus weist daraufhin, dass
Arvid selbst bescheinigt habe, den ihm zustehenden Erbteil erhalten zu
haben. Enttäuscht irrt Arvid durch die Straßen der Hauptstadt und
entdeckt schließlich nördlich des Hopfengartens
(Humlegården), in der Nähe des Königin-Christina-Wegs (Drottning
Kristinas väg) die Künstlerkolonie Lill-Jans. Dort trifft Falk die
Künstler
- Sellén, Maler,
- Lundell, Maler,
- Ygberg, Philosoph,
- Olle Montanus, Bildhauer und Philosoph,
- Rehnhjelm, Schauspieler,
und freundet sich mit ihnen an.
Bild
oben: Blick auf den Turm der Tyska Kyrkan (Deutsche Kirche) in der
Gamla Stan, der auf einer Insel gelegenen Altstadt von Stockholm. Die
Schauplätze von „Das rote Zimmer“ in Stockholm lassen sich leicht auf
einem Stadtplan oder mit GoogleMaps verfolgen. Strindberg erwähnt die
Tyska Kyrkan mehrmals im Roman.
Zwischenzeitlich
trifft sich Karl Nikolaus Falk mit Fritz Levin, einem Postsekretär, und
Magister Nyström. Levin bittet seinen Gastgeber Falk um Geld, was
dieser aber ablehnt, auch weil Levin ihm noch welches schuldet. Levin
beschließt, sich am Geschäftsmann Falk zu rächen und spricht ihn auf
den „skandalösen“ Artikel über die Behörde für die Beamtengehälter an,
der angeblich von Falks Bruder Arvid geschrieben worden sei, der
deshalb dort entlassen worden sei. Karl Nikolaus Falk fühlt sich
entehrt.
Die Künstlergruppe trifft sich häufig im roten Zimmer
von "Berns Salong", einem heute noch existierenden Szenelokal am
Berzelii Park der schwedischen Metropole. Die Bezeichnung „rot“ leitet
sich von der Möblierung dieses hinteren Schachzimmers ab. Arvid wird
deutlich, dass Struve Arvids Schilderungen für den Artikel missbraucht
hat und kann im Freundeskreis klar stellen, dass er nicht der Verfasser
ist.
Arvid Falk sucht den Verleger Smith auf, der weniger an
Arvids Manuskript interessiert ist als daran, dass Arvid Texte
schreibt, in denen er Schleichwerbung für die jüngst von Smiths Neffe
Levi gegründete Seeversicherungs-Aktiengesellschaft „Triton“ macht.
Obwohl sich Arvid angewidert fühlt, unterschreibt er einen Vertrag.
Ygberg war schon vorher dieses Angebot unterbreitet worden.

Bild oben: Blick auf Gamla
Riksdagshuset, das alte
Reichstagsgebäude in Stockholm. Dieses Gebäude war von 1866 bis 1905 Sitz des
schwedischen
Parlaments, seither hat der Reichstag seinen Sitz im heutigen
Reichstagsgebäude auf Helgeandsholmen. Gamla Riksdagshuset befindet
sich am Birger Jarls torg auf Gamla Stan. |
Unter
den vielen Tätigkeiten, mit denen sich Arvid über Wasser hält, ist auch
die eines Aushilfsberichterstatters für die „Rote Mütze“. So schreibt
er über eine Reichstagssitzung, wo deutlich wird, dass die politische
Mehrheit gegen demokratische Zugeständnisse ist und sich von den Sorgen
und Missständen der einfachen Bevölkerung abwendet, die etablierten
Unternehmen staatliche Unterstützung erbitten, und viel über Unsinniges
debattiert wird. Später schreibt Falk von der Hauptversammlung der
„Triton-Seeversicherungs-
gesellschaft“, die von den Gründern mit wenig
Kapitel ins Leben gerufen wurde und nun zum Leidwesen der Aktionäre und
Kapitalanleger nur eine kleine Dividende ausschütten will.
Sellén
kann einige seiner Bilder ausstellen, doch ein Professor kritisiert ihn
mit den Worten, Sellén solle besser Schildermaler werden. Erst nach
einer wohlwollenden Kritik von Struve im „Graumantel" wird man auf
Selléns Bilder aufmerksam.
Rehnhjelm
beginnt auf einer Provinzbühne mit der Schauspielerei, wird dort aber
nicht glücklich, streitet sich mit dem Regisseur Falander und kehrt
schließlich nach Stockholm zurück.
Im August kommt Arvid wieder
zum Ort des Beginns der Handlung zurück, einer Kate bei Mosebacke (in
Stockholm).
Arvid trifft Ygberg wieder und bringt ihn, nachdem ihm schlecht wurde,
in seine Unterkunft in den Weißen Bergen im Süden Stockholms zurück.
Dabei sieht Arvid in diesem Viertel erbärmliche Wohnverhältnisse.
Auf
dem Nachhauseweg besucht Arvid Struve, dessen nichtehelich geborenes
Kind gerade verstorben ist. Struve, der inzwischen Hausverwalter für
Smith in den Weißen Bergen ist, bittet den Besucher um Begleitung bei
der Beerdigung. Auf dieser ist auch der das Kind zuletzt behandelnde
Mediziner anwesend, der Medizinalkandidat Borg. Die Beerdigung endet
mit einem Restaurantbesuch, es wird Alkohol getrunken, schließlich
rauft er sich mit Borg, beide landen im Graben.
Sellén hat
wieder Geldsorgen, bei einem Besuch bricht Borg ein Stück Holz aus dem
Fußboden heraus, um Feuer zu machen. Falk hat inzwischen erfolgreich
ein paar Gedichte veröffentlicht, worauf Karl Nikolaus von seiner Frau
aufmerksam gemacht wird. Der gibt ein großes Abendessen, zu dem er auch
Arvid einlädt. Er fühlt in der Gesellschaft nur Lüge und Falschheit und
tritt vor das Haus, wo ihm Olle Montanus begegnet, der auf dem Weg zum
Arbeiterverein Nordstern ist. Dieser ist inzwischen von
konservativ-bürgerlichen Kräften unterwandert, in Beschlüssen
distanziert man sich von Streiks und der Pariser Kommune. Olle hält
eine Rede, in der er einen schlechten ausländischen Einfluss auf
Schweden beklagt. Daraufhin wird Olle vom Podium herunter geschmissen.
Im
folgenden Frühjahr ist Arvid Redakteur der „Arbeiterfahne“. Borg bringt
mit einigen anderen Leuten Arvid zur Erholung auf die Insel
Nämdö
in den Schären vor Stockholm. Im Herbst desselben Jahres ist Arvid
kuriert, er ist nun Lehrer für schwedische Sprache in einer
Mädchenschule und hat eine Wohnung in der Storgatan.
Bild
oben: Schiffsanlegestelle auf der Insel Nämdö im Schärengarten von
Stockholm. Der gestresste Arvid Falk kann sich auf der etwa 40 km östlich der
Hauptstadt gelegenen Insel erholen.
Einige
Zeit
später gehen Falk und Sellén zum Serafimhospital, um den dort
arbeitenden Borg abzuholen und zum Roten Zimmer zu gehen. Borg arbeitet
am Anatomischen Institut, dort ist die Leiche von Olle Montanus
angeliefert worden, der sich ertränkt hat. Er trug einen Anzug von
Sellén, den dieser sich von Falk ausgeliehen hatte. Man findet einen
Abschiedsbrief, den Borg in einer nahe gelegenen Kneipe vorliest.
Sellén
erreicht später in Paris ein Brief von Borg, in dem er ihm mitteilt,
dass die Triton Aktiengesellschaft inzwischen liquidiert worden sei und
sich die Aktionäre und Einleger mit wertlosen Papieren abfinden müssen,
während die Vorstandsmitglieder üppig abgefunden worden seien, Nikolaus
Falk hat mit anderen eine Bank gegründet. Borg schreibt, dass Arvid
Falk verliebt sei und in Kürze heiraten werde.
Interpretation
Strindbergs
„Rotes Zimmer“ ist eine Kritik und Karikatur der Lebensumstände im
achten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts. Arvid Falks Sonderrolle in der
Gesellschaft ist vorgegeben, denn für ihn kommen Freiheit,
Geradlinigkeit, Wahrheit, Solidarität mit dem Schwächeren vor Reichtum,
gesellschaftlicher Anerkennung, Ehre und Macht. Der Gegensatz zwischen
Kunst und Bürgertum wird in den Personen der beiden Brüder Falk
besonders deutlich. Gleichzeitig enthält der Roman eine Anprangerung
rücksichtslosen Gewinnstrebens, das am Beispiel der
Seeversicherungsgesellschaft „Triton“ geschildert wird. Diese Firma
entsteht förmlich aus dem Nichts, kann mit einigen Versprechungen
Geldanleger anlocken, doch verschwindet wieder im Nichts, ohne dass den
Anlegern viel bleibt, während sich die eigentlichen Lenker des
Unternehmens bereichert haben.
Arvid
Falk arbeitet als Journalist, und wie Schilderungen eines
Berichterstatters erlebt der Leser die verschiedenen Facetten des
großstädtischen Lebens, wobei die Fassaden bürgerlichen Wohlstands
demaskiert werden.
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Historischer Hintergrund
Die
Zeit der Handlung kann ziemlich genau eingegrenzt werden: so erwähnt
Strindberg in der Schilderung der Versammlung des Arbeitervereins
„Nordstern“ die Pariser Kommune, die von Mitte März bis Mitte
Mai
1871 andauerte und bei der Revolutionäre versuchten, die französische
Hauptstadt nach sozialistischen Prinzipien zu verwalten.
Schweden
war zu dieser Zeit wie viele andere Länder Europas von der zunehmenden
Industrialisierung geprägt. Für nicht wenige Menschen aus den armen
ländlichen
Gebieten, wo der karge Boden nur geringe Entwicklungsmöglichkeiten
ermöglichte, bieten sich damit neben der Auswanderung neue
Entwicklungsmöglichkeiten. Noch war die Macht des Adels und des
Großbürgertums ungebrochen, der größte Teil der schwedischen
Bevölkerung war nicht wahlberechtigt. Doch mit der Entstehung der
freikirchlichen Erweckungsbewegung, der Abstinenzbewegung und vor allem
der Arbeiterbewegung kündigt sich in Schweden der soziale Wandel an.
Arbeiter organisierten sich zunächst in lokalen Arbeitervereinen, in
den achtziger Jahren verschärfte sich die soziale Frage, es entstanden
auf lokaler ebene Gewerkschaften, seit 1898 gibt es einen Dachverband
auf Landesebene. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Schwedens wurde
1889 gegründet. Erste sozialdemokratisch orientierte Zeitungen
erschienen 1882 und 1885.
Von einem allgemeinen, gleichen
Wahlrecht für alle Bürger Schwedens war man in der Zeit von Strindbergs
„Röda rummet“ noch weit entfernt. Bis 1866 kannte Schweden einen
Vierständereichstag, in dem die vier Stände Adel, Priester, Bauern und
Bürger vertreten waren. Dieses Versammlungsorgan trat aber nur alle
paar Jahre zusammen, außerdem war für einen Beschluss die Mehrheit der
Stände erforderlich, d.h. drei der vier Stände mussten für einen
Vorschlag abstimmen. 1865-1866 stimmten alle vier Stände für die
Einführung eines Zwei-Kammer-Systems. Dessen erste Kammer wurde von den
Landtagen und Kommunalparlamenten besetzt, die zweite Kammer auf
nationaler Ebene. Wahlberechtigt waren Bürger
mit einem bestimmten Mindestvermögen oder Mindeststeuerbeiträgen, was
im Endeffekt dazu führte, dass nur gut 20 % der erwachsenen Männer
überhaupt wahlberechtigt waren. Mit einer Reform von 1909 konnte die
Zahl der Wahlberechtigten in etwa verdoppelt werden, 1918 wird das
Zensuswahlrecht abgeschafft und ein gleiches und allgemeines
Männerwahlrecht eingeführt, dem 1921 das Frauenwahlrecht folgt. Seit
1970 ist der schwedische Reichstag ein reines Ein-Kammer-Parlament.
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Links
Lars Gustafsson über „Das rote Zimmer“ in der
Zeit.
Den schwedischen Originaltext von „Röda rummet“ gibt es im Internet bei
Wikisource
und im
Projekt
Runeberg.


Bildnachweis: Das Bild mit der
Tyska Kyrkan beruht auf dem Bild „Stockholm-Altstadt-(gamla-stan).jpg"
(Creative
Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0
Deutschland; Autor: Jürgen Howaldt), das Bild vom alten
Reichstagsgebäude auf dem Bild „Riddarholmen
2006c.jpg" (Creative
Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported-Lizenz; Autor:
Holger.Ellgaard), das Bild aus Nämdö auf dem Bild „Wikipedia
namdobote.jpg"
(Creative
Commons Attribution ShareAlike 3.0 Unported-Lizenz; Autor:
Erik Larsson) des Dateiarchivs Wikimedia.