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August Strindberg: Schauspiele

Der Vater

Das 1887 fertiggestellte Schauspiel "Der Vater" ("Fadren") wurde vom Autor selbst als ein "Trauerspiel" bezeichnet und gehört zu den am leichtesten zugänglichen Werken Strindbergs. Es ist ein Paradebeispiel für den Kampf zwischen Mann und Frau in Strindbergs Werk und für die literarische bzw. theatralische Darstellung von Auseinandersetzungen in einer Ehe schlechthin. Geschildert wird der Machtkampf zwischen einem Rittmeister und seiner Frau Laura. Aufgrund seiner Zweifel an seiner Vaterschaft wird der Rittmeister zunehmend labil, was seine Ehefrau ausnutzt und ihn von einem Arzt für geisteskrank erklären lassen will, unter anderem beflügelt von einem Unverständnis der Ehefrau für die naturwissenschaftliche Forschungsarbeit ihres Ehemannes, die darin nur Geldverschwendung sieht. In einem günstigen Augenblick zieht die gealterte Amme des Rittmeisters ihm eine Zwangsjacke an, der inzwischen selbst an seine geistige Erkrankung Glaubende erleidet einen tödlichen Schlaganfall.

Inhalt:
Der Rittmeister wünscht, dass seine Tochter Bertha in die Stadt geht, um dort zur Lehrerin ausgebildet zu werden, während seine Frau Laura die Tochter dabehalten will. Gegenüber dem Arzt erzählt Laura, dass ihr Mann gemütskrank sei, während der Arzt aus den wissenschaftlichen (mineralogischen) Abhandlungen keine Hinweise auf eine Geistesstörung entnimmt. Quälende Zweifel, ob er tatsächlich der Vater von Bertha ist, beschäftigen den Rittmeister. Auch die ehemalige Amme des Rittmeisters Margret und seine Tochter zweifeln an seinem Gesundheitszustand. Laura hört von ihrem Mann, dass im Fall eines Selbstmordes die Lebensversicherung nicht ausgezahlt würde. Den Vorschlag, nicht weiter über das psychische Befinden  zu spekulieren und im Gegenzug mit dem Zweifeln an der Vaterschaft aufzuhören, beantwortet Laura, dass sie keine Schuld auf sich nehmen könne, die sie nicht begangen habe. Der Rittmeister berichtet von einem Gespräch, dass er vor vielen Jahren belauscht hatte: Laura unterhielt sich mit einem Rechtsanwalt, der ihr mitteilte, dass sie vom Rittmeister nichts erben würde, solange kein gemeinsames Kind vorhanden sei. Die Antwort auf die Frage, ob Laura schwanger sei, habe er - der Rittmeister - nicht verstehen können. Laura kündigt an, ihn unter Vormundschaft zu stellen. Sie holt einen Brief hervor, in dem der Rittmeister dem Arzt erklärt, wahnsinnig zu sein, worauf der Rittmeister eine Lampe auf Laura wirft. Vorsichtshalber entfernt man die Patronen aus den Waffen des Rittmeisters. Bei einem weiteren Gespräch beantwortet er die Frage des Arztes, ob der Rittmeister wisse, dass er gemütskrank sei, nunmehr mit ja. In einem günstigen Moment zieht ihm seine ehemalige Amme eine Zwangsjacke an, die auf Anweisung des Arztes zwischenzeitlich aus dem Hospital besorgt worden ist. Der Rittmeister legt noch einmal wie ein Kind seinen Kopf in den Schoß der ehemaligen Amme, bevor er einen Schlaganfall erleidet.



Interpretation:
Von einer Emanzipation der Geschlechter ist in diesem Schauspiel nichts zu spüren. Die Rollen sind strikt getrennt, der Rittmeister ist als Angehöriger des Militärs der klassische Männertyp, sorgt für die finanzielle Absicherung der Familie, hat aber auch sensible Elemente, wie sie in der Sorge für seine Tochter und in der Aufnahme seiner ehemaligen Amme sichtbar werden. Gleichzeitig ist er ein eloquenter Vernunftsmensch, ein Wissenschaftler, wofür aber seine Gattin als unwissendes Wesen kein Verständnis hat. Der Machtkampf wird entfacht durch unterschiedliche Vorstellungen über die Zukunft des Kindes und Zweifeln an der Vaterschaft, die, wenn sie sich bestätigen, die wirtschaftliche Absicherung der Frau wegbrechen lassen (kein Erbe). In der Erziehungsfrage hätte nach dem damaligen Recht letztlich der Ehemann und Vater das letzte Wort, was wiederum Laura zu weiterem Intrigieren gegen den Ehepartner anstacheln muss.

Beim Leser bzw. Zuseher wird zwangsläufig Mitleid für den so unterlegenen Ehemann erweckt, der in seiner Tochter auch die Verwirklichung des Ewigkeitsgedankens sieht. Strindbergs Furcht ist, dass durch ein zunehmendes Selbstbewusstsein der Frau und das Anmelden eigener Ansprüche kein Gleichgewicht der Geschlechter hergestellt wird, vielmehr der Mann "verweiblicht". Dabei will der Protagonist hier gerade nicht die Frau dumm halten, sondern seine Tochter soll Lehrerin in der Stadt werden, während seine Frau es bei der klassischen Mutterrolle belassen will. Die Entwicklung seit 1887 insbesondere in Nord- und Mitteleuropa ist eine andere als die von Strindberg befürchtete, die Emanzipation der Frau ist unumkehrbar, in den nordischen Ländern stellen heute Frauen 50 % der Regierungsmitglieder, in Spanien des Jahres 2008 sogar noch mehr. Bei heutigen Inszenierungen von Strindbergs "Der Vater" lassen sich daher keine allgemeingültigen Aussagen über das Verhältnis der Geschlechter entnehmen, sondern allenfalls die Schilderung eines Einzelfalles einer unglücklichen Ehe. Nur noch Schmunzeln wird heute im Zeitalter der Gendiagnostik die quälende Frage des Rittmeisters nach seiner biologischen Vaterschaft auslösen.

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Fräulein Julie

Auch das 1888 entstandene Drei-Personen-Stück "Fräulein Julie" ("Fröken Julie") findet man heute noch auf den Spielplänen der Theater, außerdem gibt es mehrere Verfilmungen. Im Jahr 2005 erschien schließlich eine Opernadaption des Komponisten Philippe Boesmans. Zentrales Thema in diesem Kammerspiel ist der Klassengegensatz zwischen Adel und "Gesinde", ein entgegen der Konventionen erfolgtes zu nahes Zusammenkommen endet mit dem Selbstmord eines der beteiligten Menschen. In einer Mittsommernacht tanzt Julie, die Tochter des Grafen, mit den Hausangestellten. Die eigentliche Handlung spielt sich in der Küche des Anwesens ab, wo Julie mit dem Diener Jean flirtet. Doch es bleibt nicht beim Flirt, und die Agierenden suchen, nachdem sie sich der "Unmöglichkeit" ihres Handelns bewusst geworden sind, nach einem Ausweg. Nachdem sich Fluchtpläne nicht realisieren lassen, überzeugt Jean die sozial über ihm stehende Julie zum Selbstmord.

Inhalt:

Bild oben: Midsommardans (Mittsommertanz) des schwedischen Malers Anders Zorn (1860-1920)
Diener Jean hat mit den Hausangestellten in der Scheune Mittsommernacht gefeiert und wurde dabei von Julie, der Tochter des Grafen, die gerade ihre Verlobung aufgelöst hatte, zum Tanz aufgefordert. Jean kehrt zur Küche, wo ihm Christel (im schwedischen Original Kristin), der er eigentlich den Tanz versprochen hatte, das Essen zubereitet. Julie erscheint, sie und Jean kommen sich näher, küsst ihr den Fuß, während Christel zum Teil schläft. Schließlich geht Julie mit Jean auf sein Zimmer. Am nächsten Morgen fürchten beide die Entdeckung ihrer Liaison durch den Grafen und werden sich der sozialen Inakzeptanz ihrer Beziehung bewusst. Jean spricht von einer Reise in die Schweiz, wo er bereits im Hotelgewerbe gearbeitet hatte. 

Doch Julie weist daraufhin, dass er kein Geld habe. Schließlich empfiehlt Jean eine Abreise von Julie und dass sie später ihrem Vater alles gestehen soll aber mit dem Inhalt, dass sie eine Beziehung zu einem anderen Mann gehabt habe. Julie nimmt auf Geheiß von Jean Geld des Grafen weg und erscheint reisefertig, einen Vogelbauer mit einem Vogel in der Hand. Als Jean sagt, dass der Vogel nicht mit könne, und Julie entgegnet, dass der Vogel dann lieber tot sein solle, als ohne sie, nimmt Jean den Vogel und tötet ihn mit dem Küchenbeil auf dem Hackbrett. Als Christel erscheint, die den sonntäglichen Gottesdienst besuchen will, schlägt Julie vor, dass alle drei in die Schweiz fahren sollen. Doch der (unsichtbare) Graf ist zurück und läutet nach Jean. Jean will sich rasieren, Julie nimmt das Rasiermesser. Er sagt, dass er "es" nicht tun würde, doch besinnt sich schnell eines anderen, als der (unsichtbare) Graf zurückgekehrt ist und nach seinem Diener läutet: Jean steckt ihr das Messer zu und sagt, es sei das beste, wenn Julie sich umbringe, sie möge hierfür in die Scheune gehen.

Interpretation:
Auch "Fräulein Julie" zeigt einen Machtkampf der Geschlechter, der hier zu Gunsten des sozial unterlegenen Mannes ausgeht. Zugleich ist es eine Auseinandersetzung zwischen Arm und Reich, ein Standesdrama. Zwar gelingt es, der in der Hierarchie sozial höher angesiedelten Julie, ihre Triebansprüche durchzusetzen und Jean zu verführen, für den das ganze mehr ein flüchtiges Abenteuer ist. Reichtum siegt hier über Armut und Männlichkeit, doch die dadurch hervorgerufene soziale Schieflage kann nur Jean korrigieren mit der vollständigen Vernichtung von Julies Willen. Ihr Ende symbolisiert den Sieg von Rohheit und Verschlagenheit über jugendliche Unerfahrenheit und Labilität. Eine gesellschaftliche Veränderung erscheint für die Beteiligten unmöglich, sie wird auch gar nicht in Betracht gezogen, sondern das die Oberschicht beherrschende Prinzip der Ehre muss auf jeden Fall durchgezogen werden. Ein offenes Verhältnis zwischen Julie und einem Hausangestellten wäre ein Tabu, das nicht gebrochen werden darf. Man darf sinnieren, was passiert wäre, wenn die Geschlechterrollen vertauscht wären und ein Sohn des Grafen eine Hausangestellte verführt hätte. Ein derartiger Fehltritt wäre wohl eher verzeihlich gewesen als mit umgekehrten Vorzeichen. "Fräulein Julie" zeigt soziale Über- und Unterordnung: Julie siegt zunächst über Jean, weil sie der Oberschicht angehört, und Jean siegt über Julie, weil er als Mann über der Frau steht.

Im Buchhandel gibt es "Fräulein Julie" einmal als Reclam-Ausgabe: Fräulein Julie, von August Strindberg, Reclam Universal-Bibliothek Nr.18266, ISBN 3-15-018266-2, 91 Seiten, 2003, 2,60 EUR, und als Taschenbuch im Insel-Verlag, Insel Taschenbücher Nr. 2701, übertragen von Peter Weiss, 107 Seiten, ISBN 3-458-34401-2, 7 EUR.

"Fräulein Julie" wurde u.a. 1999 vom englischen Regisseur Michael (Mike) Figgis verfilmt mit Saffron Burrows als Julie, Peter Mullan als Jean und Maria Doyle Kennedy als Christel.

Im Internet findet man den Text von „Fräulein Julie“ in deutscher Übersetzung beim Project Gutenberg und beim Projekt Gutenberg-DE. Das schwedische Original liegt bei Wikisource vor.

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Totentanz

Das um 1900 entstandene Schauspiel "Totentanz" ("Dödsdansen") gilt vielleicht als die Urform des modernen Ehedramas und schildert die Auseinandersetzung eines Ehepaares, das demnächst das Silberjubiläum ihrer inzwischen gescheiterten Ehe begehen wird. Eine Lösung für die Konflikte in dieser Beziehung scheint nur der Tod bieten zu können, der in seiner Ambivalenz für die Eheleute als Bedrohung und Erlösung die Handlung begleitet. Die Fortsetzung fand dieses Schauspiel in "Totentanz II", wo sich die Auseinandersetzungen zwischen den Geschlechtern teilweise fortsetzen in den Angehörigen der zweiten Generation. In Bühnenaufführungen verbindet man häufig beide Stücke miteinander. Eine Adaption des Stoffes findet man in Dürrenmatts 1969 uraufgeführtem Schauspiel "Play Strindberg".

Inhalt:
1.Teil:
Nach 25 Jahren Zusammenlebens regieren in der Ehe vom Artilleriekapitän Edgar und der ehemaligen Schauspielerin Alice Bitterkeit und Hassliebe, als Kurt, der Vetter von Alice, erscheint und am Ort eine Quarantänestation aufbauen soll. Während Alice die Freudlosigkeit ihrer Ehe beklagt, vergnügt sich Edgar, tanzt, und fällt plötzlich zu Boden, will aber keinen Arzt holen lassen. Doch Kurt erfährt später vom Arzt, dass es Edgar mit dem Herzen habe und sterben könne, was für Alice eine frohlockende Perspektive ist. Im Haus ist kaum noch Geld für Nahrung. Alice sagt Kurt, dass es Edgar gewesen ist, der bei Kurts Scheidung dafür gesorgt habe, dass ihm nicht die Kinder zugesprochen wurden. Edgar teilt den Angehörigen bewusst wahrheitswidrig mit, dass es ihm gesundheitlich gut gehe. Er will Kurts Sohn zur Festung holen, wo er als Freiwilliger in der Armee Dienst tut. Edgar zerreißt sein Testament und berichtet, dass er die Scheidung beantragt habe. Daraufhin wirft Alice ihrem Gatten den Ehering zu, es kommt zu Gewalttätigkeiten, schließlich fordert Edgar seine Gattin auf, bis in spätestens zehn Monaten ausgezogen zu sein. Kurt und Alice kommen sich näher. Später will sich Edgar nicht mehr an die Sache mit Kurts Sohn und die Scheidung erinnern. Alice provoziert Edgar mit der Frage, wie es seiner neuen Gattin gehe, sie - Alice - wisse, dass er eine neue Partnerin habe. Edgar holt seinen Säbel aus und richtet ihn gegen Alice, trifft sie aber nicht und klärt die Anwesenden nun darüber auf, dass er nicht mehr lange zu leben habe.

2. Teil:
Allan, Kurts Sohn, ist hinzugekommen und hat mit Judith, Edgars Tochter, angebändelt. Kurt hat mit sich mit Aktien verspekuliert, während Edgar diese rechtzeitig verkauft hat. Der Kapitän will nunmehr Kurt loswerden, er sagt, es gebe zu viele Beschwerden über Kurt, er sei zu nachlässig und solle deshalb versetzt werden. Auch Allan soll (auf Betreiben des Kapitäns) abreisen, Judith will ihn dabehalten oder mit ihm gehen, während ihr Vater sie mit einem Oberst verheiraten will. Doch da kommt plötzlich ein Telegramm von ihm, in dem er mitteilt, er betrachte die Beziehung als abgebrochen. Der Kapitän steht auf und wird tödlich vom Schlag getroffen.

Interpretation:
Wiederum ein großes Ehedrama mit einer deutlichen Symbolik. Der körperliche Verfall Edgars geht einher mit dem Niedergang seiner Ehe und der Steigerung der Skrupellosigkeit, dem anderen Ehepartner Schaden zuzufügen.

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Bild Zwangsjacke: Public Domain (Wikimedia)