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August Strindberg: Schauspiele (Fortsetzung)

Nach Damaskus

"Nach Damaskus" ("Till Damaskus") ist eine dreiteilige Dramentrilogie Strindbergs, die zwischen 1898 und 1901 entstand. Die Uraufführung des ersten Teils war 1900, die des zweiten und dritten Teils 1916. Wegen seines Umfangs wird "Nach Damaskus" häufig nur in gekürzter Form publiziert bzw. aufgeführt. Mit diesem Werk verarbeitet Strindberg seine so genannte Inferno-Zeit und drückt seine Lebenserfahrung aus, wonach das Leben Wanderung, Bewegung ist. Erstmals finden sich in einem Schauspiel Strindbergs Traumelemente, die Handlung erscheint als ein Traumbild. Zugleich zeigt es die Hinwendung zum Spirituellen, Religiösen. So findet der rastlose Wanderer in "Nach Damaskus" erst in einem Kloster Ruhe von den Qualen und Irrungen des Lebens. Mit "Nach Damaskus" hat Strindberg seine dichterische Lähmung der Inferno-Zeit überwunden, es folgt eine Phase großer Produktivität.

Inhalt:
Der Titel des Dramas ist eine Anspielung an das Damaskus-Erlebnis des Apostels Paulus, der die Anhänger Jesu Christi verfolgte und vor Damaskus bekehrt wurde, und maßgeblich bei der Ausbreitung des Christentums mithalf (häufig wird auch die Auffassung vertreten, Paulus habe seinen Namen nach der Bekehrung aus dem ursprünglichen Namen Saulus geändert, wahrscheinlich hatte dieser Apostel aber beide Namen seit Geburt). Von einem Damaskuserlebnis spricht man, wenn jemand aufgrund innerer Überzeugung sein Handeln und seine Weltsicht total umkehrt. Im Neuen Testament findet sich die Schilderung in der Apostelgeschichte des Lukas Kapitel 9, Vers 1-31. Der Name dieses Dramas ist ein Hinweis auf die Hinwendung des Helden zum christlichen Glauben und einem Leben im Kloster nach Phasen höchster innerer Unruhe und Zerrissenheit. Dabei drückt der Autor seine eigene Lebenssituation der so genannten Inferno-Zeit aus, in der er zeitweise unter Wahnvorstellungen litt und in der seine künstlerische Schaffenskraft erheblich herabgesetzt war.

Zentrale Person ist ein als "Unbekannter" bezeichneter Mann, der im Drama verschiedene Stationen durchläuft und schließlich ein "Asyl" findet. Der "Unbekannte" ist ein Schriftsteller, der jetzt die Bekanntschaft mit einer als "Dame" bezeichneten Frau gemacht hat, die Ehen beider Personen sind gescheitert. Ohne Geld und künstlerisch gelähmt, kehren die Zwei bei der verwitweten Mutter der Frau ein. Die erkennt die Krankheit des Unbekannten und rät zur Hinwendung zu Gott und zum Bitten um Verzeihung. In einem Traum hat der Unbekannte den ehemaligen Mann seiner Frau verheiratet gesehen mit seiner ehemaligen Gattin. Die Mutter der Tochter berichtet, dass ein Arzt früher mit der Tochter verheiratet gewesen war. Die Dame und der Unbekannte hatten einen Arzt aufgesucht, den der Unbekannte aus seiner Jugendzeit her kannte, doch leugnet der Arzt jetzt die Bekanntschaft, während er einen geisteskranken Patienten in Pension hat, den er zur Erinnerung an den Schulkameraden "Cäsar" genannt hat. Der Arzt will sich nun verheiraten mit einer Witwe. Für drei Monate ist der Unbekannte unfreiwillig im Kloster, nachdem er in dessen Nähe einen Abhang heruntergefallen war, als er mit einem Kreuz dem Himmel drohte und äußerlich unverletzt, aber in Fieberträumen zur Pflege aufgenommen wurde. Der Konfessor erteilte dem unbekannten keine Absolution, da er die Beichte für Fieberträume hielt. Als die Dame ein Kind erwartet, will der Unbekannte zunächst zu ihr, und als er endlich darf, dann nicht mehr, weil er vermutet, dass die Dame nicht von ihm schwanger geworden ist. In einer weiteren Szene erlebt man, wie der Unbekannte gefeiert wird, da es ihm gelungen ist, künstlich Gold herzustellen, doch der Ruhm löst sich auf, da er kein Geld hat, um die Zeche einer Gruppe feiernder Männer bezahlen zu können. Im letzten Teil des Dramas führt ein geistlicher (Konfessor) den Unbekannten,
der "den Tod sucht, ohne zu sterben", zu einem Kloster. Zunächst erscheint eine Frau, die um ihre Tochter trauert. Im Kloster angekommen und in Novizentracht, erkennt der Zuseher und Leser den Arzt aus dem ersten Teil des Dramas als Geistlichen. Der Unbekannte wird ins Kloster aufgenommen, indem der Konfessor den Unbekannten in einen Sarg bettet, ein schwarzes Bahrtuch über ihn ausbreitet und "Er ruhe in Frieden!" ruft.

Interpretation:
Wichtiges Stilmittel in "Nach Damaskus" ist die Verwendung des Doppelgänger-Motivs. Daneben finden sich Elemente der Vorausdeutung, etwa in dem krankheitsbedingten Aufenthalt im Kloster, dem die spätere volle Zuwendung zum Glauben vorausgeht, besonders deutlich dargestellt durch die Person des Arztes, der als Geistlicher im Kloster wiedererscheint.

In der Person des "Unbekannten" in "Nach Damaskus" drückt der Autor Strindberg seine eigene Lebenserfahrung, seine Hoffnungen, seine Enttäuschungen und auch seine Befürchtungen über seine psychische Verfassung aus. So erkennt man Strindbergs Menschenscheu, seine spannungsreichen Beziehungen zum anderen Geschlecht, sein Interesse an naturwissenschaftlicher Forschung, aber auch seine Selbstzweifel.


Bild oben: "Die Bekehrung des Saulus" (1600-1601) von Caravaggio (1571-1610)
"Nach Damaskus" wird man schon als ein expressionistisches Werk einstufen können, es geht dem Autor um die Darstellung innerlicher Vorgänge ohne strikte Beachtung von Wirklichkeit und Tradition.

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Ein Traumspiel

Das 1901 entstandene und 1907 uraufgeführte Stück "Ein Traumspiel" ist ein weiteres Wandererschauspiel, in dem der Autor aber nicht einen Traum auf die Bühne bringt, sondern ein Konzept der Wirklichkeit, die verfremdet, ohne Bindung an Raum, Zeit und Logik, erscheint. Anders als Freud, dem es mit seiner kurze Zeit vor Entstehung dieses Schauspiels geschriebenen "Traumdeutung" um die Aufdeckung unbewusster Konflikte ging, insbesondere durch die Versagung von Triebansprüchen verursacht, verwendet Strindberg den Traum für eine Darstellung der bedauernswerten Bedingungen menschlicher Existenz.

Inhalt


Die Tochter des Gottes Indra, im Stück auch Agnes genannt, steigt auf die Erde hernieder, um zu erfahren, wie die Menschen eigentlich leben. Schon bald muss sie feststellen, dass dieses Leben aus Wiederholungen von Leid und Elend besteht und Mitleid in ihr auslöst. Armut, Gewalt, Enttäuschung und Ausweglosigkeit erlebt Indra (und der Leser bzw. Zuschauer) in verschiedenen Szenen, in denen Schnappschüsse menschlichen Lebens gezeigt werden.

Ein Offizier, ein Advokat und ein Dichter sind Hauptfiguren des Schauspiels, deren szenischer Einsatz durch die wanderartige Bewegung von Indras Tochter zusammengefügt wird. Am Anfang wird der Offizier in seine Kindheit zurückversetzt und von der Mutter ermahnt, nie mit Gott zu hadern. Das Leiden des Advokaten wird schon in seiner äußeren Erscheinung sichtbar, die von unerhörtem Leiden zeigt, sein Gesicht ist kalkweiß mit Furchen und spiegelt alle Sorten von Verbrechen wieder, mit denen er beruflich konfrontiert wird. Doch schlimmer sind - so der Advokat - die Ehescheidungen, die er als Verrat gegen die Urkraft, das gute und die Liebe sieht. Die Tochter heiratet den Advokaten, muss dann aber seine Armut erleben, etwa in dem die Wohnung abgedichtet wird, um keine kostbare Wärme entweichen zu lassen. Nachdem seine Doktorarbeit abgewiesen worden ist, setzt sich die Tochter an die Orgel und Chöre bitten um göttliches Erbarmen. Im letzten Akt öffnet die Tochter im Beisein des Dichters und der vier Universitätsdekane eine Tür, hinter der die Bedeutung des Lebens liegen soll, doch nichts ist zu sehen. Zum Schluss gelobt Agnes, die Klage des Dichters gegen den Schöpfer ihrem Vater vorzutragen.

Interpretation:

Zum Traum gehört ein träumender Mensch. Doch wer sollte dies in "Ein Traumspiel" sein? Wiederum hat Strindberg mit diesem Werk ein expressionistisches Werk geschrieben, in dem der Autor dem Leser bzw. Zuschauer einen Spiegel vorhält, in welchem man in verzerrten und drastischen Bildern die Qualen des menschlichen Lebens erkennt. Es gibt in "Ein Traumspiel" keine zentrale Handlungsfigur, sondern drei Hauptperson, die als Ausformungen ein und derselben Person, nämlich des Träumers, aufgefasst werden können, während die herabgestiegene Gottestochter die Funktion hat, die unterschiedlichen Traumbilder zu verklammern. Das Leben ist, so könnte man Strindberg verstehen, nichts anderes als eine Illusion, wie ein Traum.

Eine Charakterisierung dieses Schauspiels liefert sein Verfasser August Strindberg selbst in einer Vorbemerkung zum Stück:

VORBEMERKUNG

Im Anschluß an sein früheres Traumspiel »Nach Damaskus« hat der Verfasser in diesem Traumspiel versucht, die unzusammenhängende, aber scheinbar logische Form des Traumes nachzubilden. Alles kann geschehen, alles ist möglich und wahrscheinlich. Die Gesetze von Raum und Zeit sind aufgehoben; die Wirklichkeit steuert nur eine geringfügige Grundlage bei, auf der die Phantasie weiter schafft und neue Muster webt: ein Gemisch von Erinnerungen, Er­lebnissen, freien Erfindungen, Ungereimtheiten und Improvisatio­nen.
Personen spalten sich, verdoppeln sich, vertreten einander, gehen in Luft auf, verdichten sich, zerfließen, treten wieder zusammen. Aber ein Bewußtsein steht über allem: das des Träumers. Für dieses gibt es keine Geheimnisse, keine Inkonsequenz, keine Skrupel, kein Gesetz. Es verurteilt nicht, es spricht nicht frei, es berichtet nur. Und da der Traum meist trauriger und nur selten heiterer Natur ist, geht ein Ton von Wehmut und von Mitleid mit allem, was da lebt, durch die sprunghaft fortschreitende Erzählung. Der Schlaf, der Befreier, verursacht oft Schmerz; aber wenn der Schmerz am heftigsten ist, tritt das Erwachen ein und versöhnt den Leidenden mit der Wirklichkeit, die, wie qualvoll sie auch sein mag, verglichen mit dem schmerzhaften Traum, in diesem Augenblick doch ein Ergötzen ist.
AUGUST STRINDERG


Bild oben: "W rozkosznym śnie" (Englisch: "In delightful dream") des polnischen Malers Franciszek Żmurko (1859-1910)

Im Buchhandel gibt es "Ein Traumspiel" als Reclam-Ausgabe: Ein Traumspiel, von August Strindberg, Reclam Universal-Bibliothek Nr. 6017, ISBN 3-15-006017-6, 2,60 EUR


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Gespenstersonate

Das Kammerspiel "Gespenstersonate" ("Spöksonaten") erschien 1907 und wurde am 21. Januar 1908 im ein Jahr zuvor von Strindberg gegründeten Intima Teatern erstmals gespielt, wurde aber erst nach der deutschen Uraufführung 1916 ein Erfolg. Namensgebend war hier Strindbergs Vorliebe für die Musik Beethovens, der Schriftsteller will sein Stück wie eine Sonate ablaufen lassen will und 
hatte hierbei Beethovens op. 70 Nr. 1 D-dur (Geister-Trio) und die Klaviersonate Nr. 17 D-moll op. 31/2 ("Der Sturm", manchmal auch als Gespenstersonate bezeichnet) im Kopf.

Inhalt:

Vor der Fassade eines Hauses spricht der im Rollstuhl sitzende Alte, es ist der Direktor Hummel, den Studenten Arkenholz an, dessen Vater Geschäftspartner des Alten war und der zur Zeit der Geburt seines Sohnes Bankrott machte. Kurz vorher hatte der Student noch bei Rettungsarbeiten für die Opfer eines Hauseinsturzes mitgeholfen. Der Alte animiert den Studenten zum Besuch einer Theateraufführung am Nachmittag, bei der er den Oberst treffen soll, der ihn zu sich in seinen Salon einladen wird. Dort lebt auch die ehemalige Braut des Alten. Die vermutlich verrückte Frau hält sich in einem Wandschrank, hinter einer Tapetentür, als Mumie auf. Als die Frau spricht, erschrickt der ebenfalls zum Abendessen erschienene Alte. Der Oberst hatte dem Alten die Frau weggenommen. Deren Tochter im Hyazinthenzimmer stammt nicht vom Oberst, sondern von Hummel ab. Inzwischen hat der Alte alle Wechsel des Oberst erworben und ihn somit in der Hand. Hummel wirft dem Oberst vor, das sein Adelsgeschlecht ausgestorben sei und er auch nicht mehr Oberst sei. Wie geplant, erscheint auch der Student im Salon, sowie ein vornehmer Herr in Trauerkleidung, es ist der Baron Skansborg. Der Alte fordert von den Anwesenden freien Abzug, sonst würde er sie verhaften lassen. Auf Aufforderung der Mumie geht Hummel - er soll einen Konsul ermordet haben - in den Wandschrank, Diener stellen einen Totenschirm davor. Im dritten Akt erlebt man die Tochter des Oberst und den Studenten im Hyazinthenzimmer, die Tochter war vorher bei der Totenfeier für den Direktor Hummel. Das Interesse des Studenten für die Tochter schwindet, die zusammensinkt, stirbt, der Diener stellt den Schirm vor ihr auf. Am Ende verschwindet die Zimmerdekoration und das Bild "Toteninsel" von Böcklin erscheint.


Bild oben: Die Toteninsel von Arnold Böcklin (dritte Version)

Interpretation:
Ebenfalls verbinden sich in diesem Stück Strindbergs Elemente des Wirklichen und des Unwirklichen, des Reellen mit dem Absurden und dem Traum. Deutlicher als in den anderen beschriebenen Schauspielen zeigt sich hier eine überkommene Gesellschaftsstruktur: die Hausherrin als Mumie im Schrank, ihr Gatte ist weder Oberst noch adelig, die Tochter des Oberst ist eigentlich die des Alten, dieser will seinen Gegner in der Hand haben und sich für den Brautraub rächen. Seit zwei Jahrzehnten leben die Älteren so und sind zu geisterhaften Figuren geworden, die nachfolgende Generation hat keine bessere Perspektive. Der noch idealistische Student wird quasi vom Alten verführt zum Besuch einer Örtlichkeit, wo die Handelnden nur noch Symbole sind für eine Gemeinschaft aus Lug und Betrug, Niedertracht und Missgunst.

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Im Buchhandel gibt es "Gespenstersonate" in einer Reclam-Ausgabe: Gespenstersonate, Der Pelikan, von August Strindberg, Reclam Universal-Bibliothek Nr. 8316, ISBN 3-15-008316-8, 3 EUR.

Im Internet findet man den Text der  "Gespenstersonate" in deutscher Übersetzung auf den Seiten von Zeno.org.