Orhan Pamuk: Das neue Leben - Stil

In "Das neue Leben" findet sich wie in anderen Werken Pamuks eine Umschreibung der heutigen Türkei mit ihrem Spannungsverhältnis zwischen Traditionellem und westlicher Moderne. Auf der einen Seite sind die Jüngeren Osman, Mehmet (Nahit) und Canan, die nach Orientierung im Leben, Sinngebung suchen und empfänglich sind für die Worte schöngeistiger Literatur, auf der anderen Seite ist Dr. Narin mit seiner geheimbündlerischen Organisation, die an den hergebrachten Werten festhält und sich gegen eine Infektion mit westlicher Liberalität wehrt. Und vielleicht als Synthese steht die Entdeckung der Herkunft des magischen Buches, nämlich als ein Werk von Osmans Onkel Rıfkı, das - wie die späteren Recherchen Osmans ergeben - zu einem beachtlichen Teil ein Konglomerat aus den von Rıfkı gelesen Büchern ist; der Name des Buches und dessen Symbolik - ein Engel - sind von der Verpackung eines schnöden Konsumartikels, eines Bonbons, abgeleitet.

Der Inhalt des seine Leser den Kopf verdrehenden "Buches" bleibt in Pamuks Roman unklar, es ist eine Synonym für die großen epochemachenden Werke der Menschheit, ob sie nun von Marx, Freud, Ron Hubbard geschrieben sind oder die Grundwerke der Weltreligionen darstellen.

Reisen und Suchen: Die Reise mit Bussen durch Anatolien ist Symbol für die Suche nach einer Widmung des Lebens. Osman glaubt sie im Buch und in der Person Canans gefunden zu haben. Das Leben fliegt vorbei, draußen an den Busfenstern oder drinnen in dem im Bus installierten Fernseher. Wie Wiedergeburten stehen die zahlreichen von Osman überlebten Busunfälle.

Die Verwebung der Positionen: Der Leser von "Das neue Leben" mag anfänglich Sympathie für den Hauptcharakter Osman empfinden, während man über den Fanatismus des Dr. Narin, der beinahe seinen eigenen Sohn umbringen ließ, nur noch den Kopf schüttelt. Doch ist es gerade Osman, der die Bosheit des Dr. Narin vollendet, in dem Osman sich eine Pistole von Dr. Narin schenken lässt und damit   den in Weltanschauung auf wahrscheinlich gleicher Wellenlänge denkenden Mehmet erschießt, weil dieser Osman das Mädchen wegnimmt.

Licht und Engel: Wer das Buch gelesen hat, wird ein Engel, so sagt Canan dem suchenden Osman. Doch der Engel des Buches entpuppt sich als eine Werbefigur, und die Lichter, welche die Hauptfigur Osman für Ankündigungen eines Engels oder Zeichen einer höheren Gewalt deutet, werden zum Schluss des Buches das Ende von Osman einleuten, es sind Lichter eines entgegenkommenden Fahrzeugs. Das erhabene Symbol des Lichts ist gründlich demaskiert worden. Die Suche des Ich-Erzählers Osman nach Erleuchtung, die Deutung von Licht als Quelle der Inspiration, Wahrheit und Führung wird zunichte gemacht, das Licht wendet sich gegen den Suchenden, seine Suche ist zu Ende.

Mystik: Der Autor verwendet gerade in "Das neue Leben" mehrere mystische Elemente. Da sind einmal die geheimnisvollen Schüsse auf Mehmet, die sich kurzerhand in Luft aufgelöst haben und den Eindruck entstehen lassen, sie hätten gar nicht stattgefunden. Erst später wird das Rätsel geklärt. Des Weiteren ist es die Begegnung Osmans und Canans mit Dr. Narin, der zufällig der Vater von Mehmet ist. Außerdem bleibt das zentrale Objekt des Romans, das Buch, nebulös, sein Inhalt und seine Aussage sind verschwommen.

Ich-Erzählung: "Das neue Leben" von Pamuk ist in der Ich-Form geschrieben, das Geschehen wird aus der Perspektive des Erzählers Osman geschildert. Die Erlebniswelt des Erzählers und der Hauptfigur sind identisch. Dadurch wird eine gewisse Steigerung der Glaubwürdigkeit erreicht, da der Leser die Handlung mehr in Form eines Berichts erlebt, alles wirkt natürlicher und unverfälschter. Auf der anderen Seite lässt der Ich-Erzählstil eine gewisse Distanzlosigkeit zum Geschehen erkennen, was in diesem Werk etwa deutlich wird in der Selbstzufriedenheit Osmans über die Tötung des Nebenbuhlers. Der vielleicht anfänglich noch die Sympathien des Lesers gewinnende Erzähler verliert damit seine Zuverlässigkeit. Man mag es als Kompensationsversuch deuten, wenn der Ich-Erzähler im 14. von 17 Kapiteln erstmals den Leser direkt anspricht.

Bild oben: Der Name des mysteriösen Buches leitet sich von einem Namen für Bonbons ab

Rolle der Literatur: Dieses Buch Pamuks ist zugleich eine Reflexion über die Literatur. Ein Buch, das den Leser gefangen nimmt und sein Leben verändert, ist Auslöser der Handlung in "Das neue Leben". Kann Literatur solche Wirkungen haben? Ist Literatur Sprengkraft für die Gesellschaft, so dass selbsternannte Gerechtigkeitssuchende wie Dr. Narin gewalttätig gegen dieses Werk vorgehen? In der Nazizeit verbrannte man Bücher, in "Das neue Leben" erlebt man, wie Leser liquidiert werden. Doch in "Das neue Leben" bricht die angebliche Eloquenz des mysteriösen Buches zusammen, als Osman entdeckt, dass es ein Konglomerat aus anderen Werken ist und die Symbolik und der Name aus einem alltäglichem Konsumartikel entliehen sind.
Pamuk gehört zu den Autoren, die in mehreren Fragen nicht die offizielle türkische Sicht auf die Kurden oder die Behandlung der Armenier während des Ersten Weltkriegs teilen. Der Autor ist ein kritischer Geist in einem Land, dass mehrere Schriftsteller hervorgebracht hat, die wegen ihrer Geisteshaltung aneckten und zum Teil dafür strafrechtlich verfolgt wurden. So sagte der große türkische Romancier Yaş
ar Kemal, "das Gefängnis sei die Schule der türkischen Literatur".

Vergleichbares: "Das neue Leben" heißt auf Toskanisch "Vita Nova", was der Titel eines Werks von Dante Alighieri (1265-1321) ist und in dem jener Autor in Form einer Minnedichtung die Liebe zu Beatrice schildert, die sein Leben verändert. Doch die Liebe bleibt unerfüllt, in Visionen sieht der Autor, wie Engel die Angebetete ins Paradies führen. Der unglückliche Dante ruft den Tod als Liebeslicht herbei.




Das Bild mit Bonbons basiert auf dem Bild "CherryTaffy.jpg" (Autor: Monica Nguyen,
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