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Orhan Pamuk: Das schwarze Buch

Der 1990 unter dem türkischen Originaltitel „Kara Kitap“ erschienene Roman „Das schwarze Buch“ gilt unter den hier dargestellten Werken Orhan Pamuks als das wohl am schwersten zugängliche Werk des türkischen Literaturnobelpreisträgers. Es richtet sich erkennbar nicht in erster Linie an nichttürkische Leser. Seit 1994 liegt es in deutscher Übersetzung vor. Einige literarische Ausflüge des Autors in diesem Werk in die Details der türkischen Geschichte, der alttürkischen Literatur und den Sufismus verlangen vom Leser schon ein ausgeprägtes Interesse und Verständnis für das Land zwischen Orient und Okzident.

Inhalt: Der 33 Jahre alte Istanbuler Rechtsanwalt Galip entdeckt eines Tages, dass seine Frau und Cousine Rüya verschwunden ist. Verschwunden ist auch Celâl, der als Journalist Kolumnen für die Zeitung Milliyet schreibt und der von Galip wegen seiner Formulierungskunst bewundert wird. Schon seit mehreren Tagen hat sich Celâl in der Redaktion nicht mehr blicken lassen, niemand weiß, wo er abgeblieben ist. Galip macht sich allein auf die Suche nach den beiden Vermissten und vertuscht gegenüber seinen Familienangehörigen zunächst das mysteriöse Verschwinden seiner Ehefrau. Es beginnt ein langes Umherirren in der vielgestaltigen Metropole Istanbul und ein Erinnern an gemeinsame Zeiten, Galip und seine Gattin kennen sich seit ihrer Kindheit. Im zweiten Teil des Buches nimmt Galip zunehmend die Rolle des Celâl an. So übernachtet Galip, als er entdeckt, das Celâl eine Wohnung im Sehrikalp-Appartementhaus erworben hat, wo Galip und Rüya ihre Kindheit verbrachten und Celâl als junger Journalist wohnte, in dieser Wohnung Celâls. Und als das Telefon klingelt und ein zunächst unbekannter Anrufer den Angerufenen für Celâl hält und der Angerufene den Irrtum des Anrufers auch noch weiter am Leben lässt, ist die Verwirrung komplett. Die Zeitung veröffentlicht wieder alte Artikel von Celâl, Galip erstellt neue Artikel, unterzeichnet diese mit Celâls Namen. Unter diesem Namen werden sie auch veröffentlicht, nachdem Galip erklärt, Celâl sei verhindert, die Texte selbst abzuliefern. Der noch immer irrende Anrufer meldet sich wieder und spricht von einem Militärputsch, den nur Celâl verhindern könne. Am Telefon meldet sich plötzlich eine Frau, die ebenso der Verwechslung erliegt und Celâl, mit dem sie vor vielen Jahren ein Verhältnis hatte, wiedersehen will. Es ist Emine, die Frau des Anrufers Mehmet, der sich kurz darauf in das Gespräch einmischt, sich mit seiner Frau wieder aussöhnt, aber Galip alias Celâl das Scheitern des Militärputsches vorwirft, ihm Vorwürfe wegen seiner Zeitungsartikel macht und den Angerufenen mit dem Tode bedroht. Schließlich vereinbaren sie ein Treffen für den Abend vor dem Geschäft von Alaadin. Vorher schlüpft Galip auch schon in die Rolle des Celâl,

Bild links: Die Teşvikiye Moschee in Istanbul. Hier findet die Trauerfeier für Celâl statt. Bild rechts: Die Galatabrücke überspannt das Goldene Horn, eine lang gezogene Bucht im Bosporus.

als er britischen Journalisten, die mit dem bekannten Zeitungskolumnisten unbedingt ein Interview führen wollen, Rede und Antwort steht. Auf dem Weg zum vereinbarten Treffpunkt entdeckt Galip auf der Straße eine Leiche, es ist Celâl, der erschossen wurde und notdürftig mit Zeitungen zugedeckt worden ist. Rüyas Leiche findet man am nächsten Tag, sie wurde bei dem Zwischenfall ebenfalls getroffen, konnte sich aber noch in den Laden begeben, wo sie tödlich zusammenbrach; der verschreckte Ladeninhaber verließ verstört sein Geschäft, so dass man Rüya erst später hat finden können. Celâl hatte schon vor längerem eine weitere Wohnung angemietet und hielt sich öfter in ihr versteckt, er litt an Gedächtnisschwund und versuchte durch das Geschichtenerzählen etwas dagegen zu tun. Später kommt es zu einem Militärputsch. Die Sicherheitsbehörden nehmen Galip mit, um das Verbrechen aufzuklären, schließlich nimmt man einen Barbier fest, der die Tat abwechselnd zugibt und bestreitet und der schließlich in einem Schnellverfahren zum Tode verurteilt und hingerichtet wird. Galip zieht jetzt dauerhaft in Celâls Wohnung ein und versucht sich vorzustellen, wie sein Leben mit Rüya im Alter von 73 Jahren wohl ausgesehen hätte.

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Stil, Interpretation: In Pamuks „Das schwarze Buch“ wird konsequent ein Wechsel des eigentlichen Handlungsstrangs mit Galip als Hauptperson und der 3. Person Singular mit Zeitungsartikeln von Celâl (bzw. Galips Verkörperung von Celâl) in der Ich-Form von Kapitel auf Kapitel durchgezogen. „Das schwarze Buch“ besteht aus zwei Teilen mit insgesamt 36 Titeln, von denen jedes einen eigenen Namen hat und mit einem Zitat beginnt. Obwohl diesem Buch Pamuks ein Vorgang zugrunde liegt, der Anlass wäre für eine spannende Kriminalgeschichte mit politischen Hintergründen, gerät das Werk zu einer weitschweifigen Reflexion über türkische Geschichte und islamische Theologie. Dies alles geschieht vor dem Hintergrund der quirligen Großstadt Istanbul, eine der wenigen Städte, die in ihrer Geschichte drei Namen aufweist, Brücke zwischen Orient und Okzident und zwischen Tradition und Moderne. Die Suche nach Rüya entwickelt sich zu einer Suche Galips zu sich selbst, bei der er mehr und mehr die Rolle des Vorbilds Celâl übernimmt, das gleichzeitig auch etwas demontiert wird, als Galip entdeckt, dass Celâl einige seiner Texte von alten Geschichten abgeguckt hat. Ihren Höhepunkt findet diese Identitätssuche und dieser Identitätstausch mit der Präsentation Galips als Celâl in einem Fernsehinterview und dem Erstellen der Kolumnen unter Celâls Namen - nur wenig später ist der wahre Celâl tot. Der Leser mag zwar einen Verdacht haben, wer das Verbrechen begangen hat, doch ist dessen Aufklärung nebensächlich, Galip kann seinen Identitätstausch nur noch bedingt fortsetzen, in dem er Celâls Wohnung bezieht. „Das schwarze Buch“ ist eine Frage nach der Identität und steht damit symbolisch für die Positionierung der Türkei als ein Land, das nach Europa strebt, aber auch traditionell-islamische Phänomene aufweist.

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Erläuterungen: „Rüya“ bedeutet im Türkischen „Traum“, „Celâl“ Ruhm und „Galip“ so viel wie „Gewinner“. Der Titel des Romans erklärt sich aus dem 14. Kapitel des zweiten Teils des Buchs, benannt „Das Geheimnis der Bilder“. Ein wohlhabender Gangster ließ sich die Eingangshalle seines Hauses verschönern und schrieb hierfür einen Wettbewerb aus. Ein Maler hatte an der einen Seite ein schönes Bild erstellt, während der andere Bewerber auf der anderen Wand einen Spiegel anbrachte, der das gegenüberliegende Bild glänzender und reizvoller als in Wirklichkeit wiedergab. Den Auftrag erhielt der Künstler mit dem Spiegel. Das schwarze Buch erschien im Spiegelbild als ein zweigeteiltes, zweideutiges Zwei-Geschichten-Buch, doch beim nochmaligen Betrachten im Originalbild erschien das Buch als ein Ganzes von Anfang bis Ende und hatte das Geheimnis in seinem Innern verloren.

Im Buchhandel gibt es „Das schwarze Buch“ in einer Übersetzung von Ingrid Iren: Orhan Pamuk, Das schwarze Buch, Fischer Taschenbücher Band 51026, 862 Seiten, 2007, ISBN 3-596-51026-0, 11 €. Außerdem ist „Das scharze Buch“ als Hörbuch auf CD erhältlich.

Es existiert eine türkische Verfilmung von „Das schwarze Buch“ aus dem Jahr 1991 von dem Regisseur Ömer Kavur unter dem Titel „Gizli yüz“ (auf deutsch etwa ‚Das geheime Gesicht‘). Orhan Pamuk schrieb hierzu das Drehbuch.



Bildnachweis: Das obere Bild mit dem Bosporus basiert auf dem Bild „Bosphorus.jpg“ (Autor: Bertil Videt), das Bild mit der Galata-Brücke auf dem Bild „Galata Bridge From Tower.JPG“ (Autor: Bjørn Christian Tørrissen) des Dateiarchivs Wikimedia, beide Bilder Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported-Lizenz. Das Bild mit der Moschee ist ebenfalls von Wikimedia und steht in der Public Domain/gemeinfrei.