Orhan Pamuk: Rot ist mein Name -
Hintergründe


Orhan Pamuk 1998 erschienenes Buch ist mehr als ein historischer Roman, zeigt es doch den auch heute noch bestehenden Konflikt zwischen traditionellem Islam und liberalen westlichen Einflüssen, zwischen Orient und Okzident. Während in dem Roman "Schnee" der Gegensatz zwischen dem vom laizistischen türkischen Staat geschaffenen Kopftuchverbot und dem Gebot an muslimische Frauen, den Körper zu verhüllen, geschildert wird und in "Das neue Leben" die Suche nach Selbstverwirklichung in einer sich wandelnden Gesellschaft Thema ist, geht es in "Rot ist mein Name" um das Bilderverbot des Islams und die Öffnung zu neuen ästhetischen Einflüssen.

Bild oben: Sultan Murad III, von 1574 bis zu seinem Tod 1595 Staatsoberhaupt des Osmanischen Reiches. (Das Werk wird einem spanischen Meister des 17. Jahrhunderts zugeschrieben).
Das Spannungsverhältnis zwischen Traditionalismus und Islamismus auf der einen Seite und auf der anderen Seite der Wunsch, modern zu sein, sind zentrale Elemente im Werk dieses türkischen Autors.

Bilderverbot: Ein ausdrückliches Bilderverbot enthält der Koran nicht. In der islamischen Tradition wurde aber eine Abbildung vom Menschen oder Tieren abgelehnt, da diese Geschöpfe Gottes seien und eine Abbildung eine Wiederkehr des Schöpfungsaktes durch einen Menschen sei, was die Autorität Gottes in Frage stelle. Doch konnte sich ein derartige strenges Verständnis nicht durchsetzen, schon früh ließen sich mohammedanische Regenten auf Münzen abbilden oder ließen sich porträtieren. Ein Tabu bleibt aber eine bildliche Darstellung Allahs.

Das Osmanische Reich: Istanbul und die Türkei im Jahre 1591 waren das Osmanische Reich, das zu dieser Zeit von Sultan Murad III. regiert wurde, der aber nicht namentlich im Roman Erwähnung findet. Seinen Namen verdankt es Osman I. (1258/59-1326), der sein Reich 1299 nach dem Zerfall der Seldschuken für unabhängig erklärte und Kleinasien eroberte. Der 1546 geborene Monarch Murad III. stand
von 1574 bis 1595 dem Reich vor und ging als ein eher schwacher Herrscher in die Geschichte ein. Das im Roman geschilderte Buchgeschenk an den venezianischen Dogen ist fiktiv, mit Venedig war der Sultan aber durch seine Lieblingsfrau Safiye verbunden, die wahrscheinlich Tochter des venezianischen Gouverneurs von Korfu war und in die Türkei von Piraten verschleppt wurde. Der im Jahr 1591 Venedig regierende Doge war Pasquale Cicogna (Doge von 1585 bis 1595). Seinen Höhepunkt hatte das Osmanische Reich unter Süleyman I. (Sultan von 1520-66), dessen Feldzüge im Westen bis vor die Tore Wiens reichten und im Osten zum Zurückdrängen der Perser aus Kleinasien führten. Das Reich erstreckte sich zeitweise bis nach Mesopotamien und in den Jemen. In der Seeschlacht von Lepanto am 7. Oktober 1571 konnten die europäischen Großmächte, zu denen auch Venedig zählte, die osmanische Flotte größtenteils vernichten, der Erfolg war aber wegen raschen Wiederaufbaus nur von kurzer Dauer. Venedig verlor an die Osmanen die Inseln Zypern und Kreta. Des Weiteren unterstützten die Osmanen die Seeräuberei im Mittelmeer. Ein erneuter Vorstoß nach Wien scheiterte 1683. Als Folge des Ersten Weltkrieges, in dem die Osmanen mit den Mittelmächten verbündet waren, ging das Osmanische Reich unter und wurde von Atatürk zur türkischen Republik umgeformt.


Bild oben: Eine Malerei gehörend zu Surname-i Vehbi (Buch der Feste) aus dem Jahr 1582, aufbewahrt im Topkapi-Palast (Hazine 1344, folios 338b-39a). Die Illustration zeigt eine Prozession im Hippodrom von Istanbul, wie Weber vor dem Sultan umherziehen. Die Surname-i Vehbi wurden von Sultan Murad III. 1582/83 in Auftrag gegeben.

Buchmalerei: Unter Buchmalerei oder Buchillustration versteht man die Einfügung von Bildern in Büchern oder Handschriften. In der Zeit von "Rot ist mein Name" bestand die Buchmalerei vor allem in der Verzierung und Verschönerung insbesondere religiös motivierter Werke. So war der ermordete Fein Efendi vor allem als Ornamentierer und Vergolder tätig. Die im Topkapi-Palast von Istanbul untergebrachte Sammlung von illustrierten Manuskripten gehört zur bedeutendsten Sammlung islamischer Kunst überhaupt.