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von Jan von
Bröckel: Portal
Literatur |
Hintergründe:
Die Türkei| Der Name "Atatürk"
bedeutet "Vater der Türken" und wurde Mustafa Kemal
1934 auf
eigenem Vorschlag vom türkischen Parlament
verliehen. 1881 in Thessaloniki geboren, das damals zum Osmanischen
Reich gehörte, entschied sich Kemal für die
Militärlaufbahn und zeichnete sich während des Ersten
Weltkriegs durch die Verteidigung von Gallipoli gegen die Alliierten
aus. Nach Ende des Weltkriegs kam es zu einer griechischen Invasion,
die von Großbritannien unterstützt wurde. Kemal,
inzwischen
Generalinspekteur, widersetzte sich dieser, wurde aber später
vom
Sultan abgesetzt. Kemal rief eine provisorische Volksvertretung ein,
die ihn zum Vorsitzenden einer Gegenregierung machte und die seit
Anfang 1920 in Ankara residierte. Beide Institutionen lehnten den vom
Sultan mit den Alliierten abgeschlossenen Friedensvertrag von
Sèvres ab, der eine umfassende Kontrolle über die
Türkei durch Großbritannien, Frankreich, Italien und
Griechenland vorsah. Wegen der erfolgreichen Bekämpfung der
Griechen im Jahr 1921 erhielt Kemal den Beinamen "Gazi", 1922 wurden
die Griechen endgültig geschlagen. Die Alliierten erkannten
nunmehr die neue Regierung an und bestätigten im Vertrag von
Lausanne 1923 die Souveränität der Türkei in
den
heutigen Grenzen (die zunächst eingeschränkte
Souveränität über die Meerengen wurde durch
den Vertrag
von Montreux 1936 beendet). Über eine Million Griechen, die
schon
länger im Gebiet der jetzigen Türkei siedelten,
mussten ihre
Heimat verlassen, dem standen etwa eine halbe Million Türken
gegenüber, die in umgekehrter Richtung umgesiedelt wurden. Auf
Betreiben Kemals wurde das Sultanat abgeschafft und 1923 die Republik
Türkei gegründet.
Innenpolitisch sind Kemals Erfolge nicht minder bedeutend. Nach der
Abschaffung der Monarchie betrieb er die Trennung von Staat und
Religion. Die osmanischen Herrscher bezeichneten sich als "Nachfolger
des Gesandten Gottes" und damit als religiöses Oberhaupt,
hervorgerufen durch die Eroberung der heiligen Stätten Mekka
und
Medina im 16. Jahrhundert. 1924
beschloss die Nationalversammlung die Abschaffung dieses Kalifats, die
Angehörigen der Familie Osman mussten die Türkei
verlassen. Weiter von Kemal unterstützte Veränderungen waren die Einführung der allgemeinen Schulpflicht, Propagierung des Huts als typische männliche Kopfbedeckung statt des Fezs, Verbot des Tragens religiöser Trachten, Emanzipation der Frau, Einführung der Zivilehe und der Einehe, Frauenwahlrecht (seit 1934), Ersetzung der islamischen Zeitrechnung durch den Gregorianischen Kalender (Ende 1925), arbeitsfreier Sonntag statt Freitag, Einführung des metrischen Systems, Justizreformen (Übernahme des schweizerischen Zivilgesetzbuches, des deutschen Handelsrechts und des italienischen Strafrechts), Ablösung der osmanischen Hochsprache durch die türkische Volkssprache, Ersetzung des arabischen durch das lateinische Alphabet, Übersetzung des Korans ins Türkische, Änderung des Namensrechts mit Einführung eines Nachnamens. Dem beachtlichen Refomeifer stand jedoch ein nur schwach ausgeprägtes demokratisches System gegenüber, Hauptstütze der kemalistischen Politik war das Militär. Erst 1946 wurde eine zweite politische Partei gegründet. 1938 starb Atatürk an den Folgen einer Leberzirrhose. Die Verehrung für Atatürk in der Türkei ist besonders stark ausgeprägt. Atatürk-Denkmäler finden sich in vielen Städten, sein Leichnam befindet sich seit 1953 in einem Mausoleum, das ausländische Staatsbesucher meistens als erstes Ziel besuchen. Alle Münzen und Banknoten der Türkei zeigen Atatürks Konterfei. Im Roman "Schnee" wird Atatürk parodiert durch den Schauspieler Sunay Zaim, der - von einer Kadettenschule entlassen, den Beruf des Schauspielers ergreift und dessen größter Wunsch es ist, in einer Verfilmung des Lebens Atatürks die Hauptrolle zu spielen. Hierzu wird er von der Leserschaft einer Zeitschrift auserkoren, muss dann aber auf Druck des Militärs das Vorhaben aufgeben. Anzeigen Militärputsch: In der Türkei hat es mehrmals Militärputsche gegeben. Einmal 1960, als Ministerpräsident Menderes durch ein Ermächtigungsgesetz die Opposition ausschalten wollte. Nach Verabschiedung einer neuen Verfassung traten die Militärs im darauf folgenden Jahr die Macht ab. 1971 ergriff das Militär repressive Maßnahmen, um die durch linke und rechte Terroraktivitäten angespannte Situation zu beruhigen. Ein erneuter Putsch ereignete sich am 12. September 1980 unter General Evren vor dem Hintergrund politischer Instabilität und Terrorakten unterschiedlicher Couleur. Das Kriegsrecht und ein Verbot aller Parteien wurden eingeführt. Eine neue von den Militärs vorgelegte Verfassung wurde im November 1982 angenommen, die Militärs zogen sich zurück, General Evren wurde aber Staatspräsident. Übrigens: Die allgemeine Wehrpflicht erstreckt sich auch auf Türken, die im Ausland leben, diese können aber gegen Zahlung eines Geldbetrages von der Verpflichtung entbunden werden. Eine Wehrdienstverweigerung ist nicht erlaubt. Islamismus: Wie oben erwähnt, ist die von Atatürk geprägte Türkei ein laizistischer Staat mit einer Trennung von Staat und Religion. Stark islamistisch ausgeprägte Parteien wurden häufig vom Verfassungsgericht verboten. Artikel 68 der türkischen Verfassung fordert, dass Parteien nicht dem Prinzip der laizistischen Republik entgegenstehen dürfen. Der türkische Staat übt eine Kontrolle über die islamischen Gemeinschaften durch das Amt für religiöse Angelegenheiten aus (Diyanet). Er fördert den Bau von Moscheen und bezahlt die Geistlichen. Die religiös ausgerichtete Wohlfahrtspartei wurde 1995 mit etwa 24 % der Stimmen stärkste Partei, ihr Vorsitzender Erbakan war 1996/1997 Ministerpräsident, musste aber sein Amt auf Druck des von den Militärs beherrschten nationalen Sicherheitsrates aufgeben, die Partei wurde 1998 verboten. Einer Nachfolgepartei (Fazilet) ereilte das gleiche Schicksal 2001. Ihre Anhänger organisierten sich in der stärker islamisch ausgerichteten Saadet-Partei und in der gemäßigteren AKP (Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei), die heute den Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan stellt und die im Parlament aufgrund der 10 %-Sperrklausel über eine absolute Mehrheit verfügt. Eine der Wohlfahrtspartei nahestehende islamische Organisation ist Millî Görüş (benannt nach einem Buch von Erbakan). Im Frühjahr 2007 kam es in der Türkei zu einer Staatskrise, weil dem von der regierenden Partei vorgeschlagenen Kandidaten für die Wahl eines neuen Staatspräsidenten, Außenminister Abdullah Gül, vorgeworfen wurde, nicht konsequent die Trennung von Religion und Staat vertreten zu wollen, unter anderem weil seine Frau ein Kopftuch trägt. Das Verfassungsgericht annulierte den ersten Wahlgang, am zweiten nahmen nicht genügend Abgeordnete teil, so dass Gül seine Kandidatur zurückzog. Das Militär hatte sich in einer Erklärung besorgt über eine mögliche Durchbrechung des Prinzips des Säkularismus geäußert, woraufhin europäische Politiker das Militär aufforderten, sich aus demokratischen Vorgängen herauszuhalten. Auf Massendemonstrationen traten viele Türken für einen säkularen Staat ein. Eine Lösung des Konflikts fand man in vorgezogenen Parlamentswahlen am 22. Juli 2007, die der AKP eine absolute Mehrheit von Mandaten brachten. Die AKP sah dies als Bestätigung ihres Kandidaten Gül und konnte am 28. August 2007 im dritten Wahlgang seine Wahl zum Staatspräsidenten durchsetzen. Kurden: Ein weiteres Problem, mit dem die Türkei für negative Schlagzeilen sorgt, ist die Behandlung der kurdischen Bevölkerung. Von türkischer Seite wurde die kurdische Kultur jahrelang unterdrückt. So verwendete die offizielle Türkei nicht den Begriff "Kurden", sondern sprach von "Bergtürken". Mit dem Türkischen sind die kurdischen Sprachen nicht verwandt, sondern eher mit dem Iranischen. Kurdisch-stämmig sind in der Türkei etwa mehr als 14 Millionen Menschen, kurdisch sprechend etwa 6 bis 10 Millionen. Nicht wenige Kurden verließen im Lauf der Geschichte ihre angestammten Siedlungsgebiete im Osten und siedelten im Westen der Türkei, insbesondere in den Großstädten und gliederten sich in die Gesellschaft ein, so dass bei diesen das kurdische Nationalbewusstsein oftmals verkümmert ist. Schon 1925 hatte es unter Scheich Said einen Kurdenaufstand gegeben, der von der türkischen Regierung niedergeworfen wurde. Als Reaktion auf die Unterdrückungspolitik begann 1984 der Untergrundkampf der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), der bis zur Festnahme ihres Führers Abdullah Öcalan im Jahr 1999 ca. 30.000 Menschenleben forderte. In mehreren Provinzen erklärte die türkische Regierung den Ausnahmezustand, der teilweise bis 2002 andauerte. Nach einem einseitigen Waffenstillstand in Folge der Festnahme Öcalans gibt es aber seit einiger Zeit wieder einen bewaffneten Kampf kurdischer Nationalisten. Einige PKK-Kämpfer haben sich in den Nordirak begeben, wo die Kurden über eine begrenzte Autonomie verfügen. Seit 2002 gibt es in der Türkei einige wenige zeitlich begrenzte Rundfunkprogramme in kurdischen Sprachen. In Deutschland wurde die PKK 1993 verboten. Die Einheit von Staatsgebiet und Staatsvolk bezeichnet die türkische Verfassung als "unteilbar". Nach der Abschaffung der Todesstrafe im Jahr 2002 wurde Öcalans Strafe in eine lebenslängliche Freiheitsstrafe umgewandelt. Da bei den Wahlen für das Nationalparlament eine 10 %-Hürde gilt, haben es kurdische Parteien schwer, den Einzug ins Parlament zu schaffen. Besonders stark gegen eine Autonomie der Kurden tritt die rechtsextreme Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP, in Deutschland bekannt als "Türkische Föderation") ein, deren Mitglieder sich als "Graue Wölfe" bezeichnen. Menschenrechte: Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuches stellt die "Beleidigung des Türkentums" unter Strafe, daneben gibt es noch andere Strafvorschriften, die Kritik am Staat und an der offiziellen historischen Betrachtung unter Strafe stellen. So wurde der armenischstämmige Journalist Hrant Dink zu einer sechsmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt, am 19. Januar 2007 wurde er von einem rechten Nationalisten erschossen. Die fragliche Vorschrift ist am 30. April 2008 vom türkischen Parlament modifiziert worden, wonach die "Beleidigung der türkischen Nation" unter Strafe gestellt wird, außerdem wurde die Höchststrafe auf zwei Jahre begrenzt, so dass eine Strafaussetzung zur Bewährung möglich ist, und weiterhin wurde das Erfordernis eines entsprechenden Antrags des türkischen Präsidenten eingefügt, so dass eine Strafverfolgung nur möglich ist, wenn der Staatspräsident die Auffassung vertritt, dass ein Verfahren im öffentlichen Interesse liegt. In der Vergangenheit hat es mehrmals Beschwerden wegen Folter vor dem Europäischen Gerichtshof gegeben, die jetzige Regierung betont aber, sie werde in dieser Hinsicht keine Toleranz gegen folternde Sicherheitskräfte ausüben. Weiterführende Literatur: Brigitte Moser, Michael W. Weithmann, "Die Türkei", Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, 2002. | ![]() ![]() ![]() ![]()
Bild oben: Das Atatürk-Mausoleum in Ankara ![]() Bild oben und unten: Blaue Moschee von Istanbul ![]() ![]() Der Tanz dient dazu, in Ekstase zu verfallen und mit Allah in Kontakt zu treten ![]() ![]() ![]() Bild oben: Die Türkei auf dem Weg nach Europa - eine Boeing 737 der Turkish Airlines. Seit dem Oktober 2005 gibt es Beitrittsverhandlungen zwischen der Europäischen Union und der Türkei. ![]() Bild oben: Der türkische Ministerpräsident bei einem Besuch in Washington am 10. Dezember 2002 (links Außenminister Colin Powell, rechts Präsident George W. Bush). Die USA begrüßen ausdrücklich einen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union. ![]() Bild oben: Abdullah Gül, seit dem 28. August 2007 Staatspräsident der Türkei ![]() Bild oben: Blick in den Sitzungssaal der Großen Nationalversammlung der Türkei in Ankara ![]() Bild oben: Kurden feiern das Neujahrsfest Newroz ![]() Bild oben: Der Karakaya-Damm am Euphrat ist eine der Talsperren des Südostanatolien-Projekts zur Bewässerung, Energieerzeugung und Gewinnung landwirtschaftlicher Anbauflächen ![]() Bild oben: Das Tetrapylon (vierteiliges Bogenmonument der römischen Architektur) in Aphrodisias, einer antiken Stadt im Südwesten der Türkei Anzeigen
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