Orhan Pamuk: Schnee - Stil

Pamuk schildert eine Kleinstadt, die durch äußere Bedingungen (Schnee) von der Außenwelt abgeschnitten wird und die zum Spiegelbild der unterschiedlichen politischen Strömungen in der Türkei wird. In dieser angeheizten Atmosphäre kommt der feinsinnige Intellektuelle, der mit den Augen des Westens den Versuch einer Analyse unternimmt, jedoch zum Spielball der verschiedenen Kräfte wird und in dieser Situation auch noch eine Liebesbeziehung zu einer Frau entwickelt.

Zentrale Figur der Erzählung ist der intellektuelle Ka, jedoch meldet sich schon im ersten Kapitel ein Ich-Erzähler zu Wort, der mit einer gewissen Distanz von Kas Reise in den östlichen Landesteil berichtet. Im weiteren Verlauf des Buches hält sich dieser Ich-Erzähler zurück, er kommt eigentlich erst im 29. Kapitel deutlich zum Vorschein, als von Kas späterer Ermordung in Frankfurt am Main berichtet wird. Pamuk verwendet hier das Mittel der Vorausblende, in der das aktuelle Handlungsgeschehen zunächst pausiert und ein zeitlich der eigentlichen Handlung nachfolgendes Ereignis zum Vorschein kommt. Dieses, in Erzählungen und im Film deutlich seltener als das Gegenstück, die Rückblende, verwendete Stilmittel dient der zusätzlichen Spannungssteigerung. Während der Leser auf die weitere Entwicklung des Putsches gebannt schaut, nimmt der Autor das Schicksal der Hauptfigur vorweg, schafft aber damit noch mehr Spannung, denn der Leser blickt jetzt nicht nur nach dem Fortgang des ursprünglichen Handlungsstrangs, sondern fragt auch nach den Ursachen des bereits mitgeteilten Endes der Hauptfigur. Pamuks "Schnee" ist jedoch trotz der unterschiedlichen Erzählebenen weit davon entfernt, als Rahmenerzählung charakterisiert zu werden. Der Ich-Erzähler dient hier zur besseren Glaubwürdigkeit, Authentizität der fiktiven Handlung; er zeigt sich als Bekannter der Leitfigur, dessen Leben er anhand von Zeugenaussagen und Aufzeichnungen nachzeichnet.

Das eigentliche Geschehen in Kars folgt der klassischen Einheit von Zeit, Ort, Personen und Handlung. Drei Tage nach der Ankunft Kas am Ort der Handlung ist dieselbe abgeschlossen.

Pamuks Verdienst liegt in diesem Buch darin, die Gegensätze herauszuarbeiten, aber nicht die eine Seite über die andere zu stellen. Die meisten liberalen, bürgerlichen und laizistischen Kräfte einschließlich Ka haben sich mit dem Putsch arrangiert und sich angepasst, sind sogar in gewisser Weise dankbar für die Zurückdrängung der Islamisten. Doch geht von diesen tatsächlich eine Gefahr in Kars aus? Der Autor zeigt diese Kräfte nach dem Putsch vor allem als Opfer der kemalistischen Wirrköpfe, die Ermordung des Direktors im Café sieht später mehr als Tat eines Geistesgestörten aus als ein politisches Attentat.

Unschwer lassen sich Parallelen zwischen Ka, dem Ich-Erzähler und dem Autor Pamuk ausmachen. Wie Ka kommt er aus Istanbul, entstammt einem mehr westlich und laizistisch geprägten Elternhaus und verbrachte einige Zeit im westlichen Ausland. Der Roman schildert die Schwierigkeit des Intellektuellen, in einem derart widersprüchlichen Land seine Position zu finden.

Ort der Handlung

Ort der Handlung ist die Provinzstadt Kars im äußersten Osten der Türkei. Damit wirft der Autor den Blick gleich auf zwei heiße Themen: einmal auf den Kurden-Konflikt und auf die problematischen Beziehungen zu Armenien. Der Osten der Türkei ist stark von Kurden besiedelt, Pamuk selbst schreibt in "Schnee", das etwas 40 % der Bevölkerung in Kars Kurden seien. Die Stadt war ein Objek im Spielball der politischen Kräfte: im Jahr 1514 Teil des osmanischen Reiches geworden, war die Stadt in den Kriegen mit Persien und Russland mehrmals umkämpft. Nach dem Russisch-Türkischen Krieg von 1877/78 erhielt Russland die Stadt, musste sie aber nach dem Frieden von Brest-Litowsk 1918 aufgeben. Nach dem Abzug der Russen proklamierte eine provisorische Regierung eine türkische Herrschaft. Im Januar 1919 wurde die Stadt von Armenien besetzt und im Mai 1919 an dieses Land abgetreten. Nach dem türkisch-armenischen Krieg von September bis Dezember 1920 kam die Stadt an den neuen türkischen Staat. Näheres zur Problematik Türkei/Armenien auf den Seiten der Wikipedia.



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